Alfred Hoche – ein Gegner der Psychoanalyse

Schaufenster zum Forschungsarchiv Nr. 27

Der Psychiater Alfred Erich Hoche (1865-1943) entstammte einer Pastorenfamilie. Er studierte Medizin und wurde Psychiater. Ab 1902 war er an der Universitätsklinik Freiburg/Br. tätig. Er veröffentlichte 1920, vor nunmehr 100 Jahren, gemeinsam mit dem Strafrechtler Karl Binding (1841-1920) eine 62seitige Broschüre mit dem Titel „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form“ (Binding & Hoche, 1920). Darin wurde die Tötung von „Ballastexistenzen“ (Schizophrenen, Dementen und „Vollidioten“) propagiert. Argumentiert wurde utilitaristisch, u.a. mit der wirtschaftlichen Not in der Zeit nach Ende des Weltkriegs. Die Wirkungen der Broschüre, deren Erscheinen der Co-Autor Binding nicht mehr erlebte, waren beträchtlich: Die Schrift und ihre Verfasser gelten als Wegbereiter der organisierten Massenmorde im Nationalsozialismus. In dieser Zeit diente die Schrift als übliche Rechtfertigung für die Tötung von Menschen. Dies war nicht im Sinn von Hoche. Doch gab es weitere Wirkungen: In den Ärzteprozessen nach dem Zweiten Weltkrieg bezogen sich Anwälte und Richter auf die gleiche Schrift zur Rechtfertigung des Verhaltens jener Ärzte, die an der „Euthanasie“ der NS-Zeit beteiligt waren.
Hoche war Gegner der Psychoanalyse, die er als kulturgeschichtlich interessante Verirrung ansah (Hoche, 1931). In einem Brief vom 17. April 1923 an einen Kollegen begründete Hoche seine Ablehnung der psychoanalytischen Traumdeutung: „Ich glaube nicht, daß Freud wirklich […] die beste Darstellung der wirksamen Mechanismen gegeben hat. Ich möchte im Gegenteil die These vertreten, daß er in Traumsachen überhaupt ein blutiger Anfänger ist. […] In Traumdingen fährt mir niemand an den Wagen.“ Er, Hoche, habe „niemals auch nur das geringste bei – sagen wir einmal – 60.000 beobachteten Träumen von Freudschen Mechanismen bemerkt“. Dies war natürlich eine sehr selbstbewusste und vermutlich weit übertriebene Behauptung.
Hoches Brief, verfasst als „Direktor der psychiatrischen und Nervenklinik der Bad. Universität Freiburg“, war wahrscheinlich an den österreichischen Neurologen Adolf A. Friedländer (1870-1949) gerichtet, der zu dieser Zeit ebenfalls in Freiburg tätig war, allerdings in freier Praxis. Friedländer war u.a. Assistent von Otto Binswanger in Jena gewesen und hatte 1902/03 in Oberursel bei Frankfurt die Privatklinik „Hohe Mark 46“ eröffnet, die noch heute besteht. Im Ersten Weltkrieg diente Friedländer als Sanitätsoffizier, später war er als beratender Nervenarzt im Militär tätig. 1918 ging er nach Freiburg i. Br., dann 1936 nach Österreich, wo er zwei Jahre später seine Praxis aufgab.
Welche „Zusendung“ Hoche 1923 erhielt, ist unbekannt. Es könnte ein Aufsatz von Friedländer über psychotherapeutischen Methoden gewesen sein (Friedländer, 1918). Wahrscheinlicher ist aber, dass es sich um Friedländers Buch „Eigenes und Fremdes zu der Freud´schen Psychoanalyse“ (1923) handelte, das gerade 1923 erschien. Hoche dankte und schrieb, er habe die Zusendung „durchstudiert“ und es habe ihn „mit lebhaftem Neide erfüllt, daß Sie immer wieder den Wuppdich aufbringen, sich mit scheinbar jungfräulicher Frische an diese Materie zu machen.“
Hoche war selbst ein aktiver Autor, der sozusagen auch mit „Wuppdich“, weniger in seinem Fachgebiet, sondern vor allem später im Bereich der Belletristik tätig war. Weite Verbreitung über die Jahrzehnte bis in die Gegenwart erreichten seine Lebenserinnerungen „Jahresringe“ (1934) und sein ebenfalls autobiographisches Buch „Aus der Werkstatt“ (1935).

Binding, K. & Hoche, A. (1920). Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form. Leipzig: Felix Meiner.

Friedländer, A. (1918). Grundlinien der psychischen Behandlung. Eine Kritik der psychotherapeutischen Methoden. Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie, 42, 1-2, 99-139.

Hoche, A. (1931): Die psychoanalytische Bewegung im Rahmen der Geistesgeschichte. Süddeutsche Monatshefte 28(2), 762-767.

Hoche, A. (1934). Jahresringe. Innenansicht eines Menschenlebens. München: Lehmann.

Hoche, A. (1935). Aus der Werkstatt. München: Lehmanns.

Friedländer, A. A. (1923). Eigenes und Fremdes zu der Freud'schen Psychoanalyse. Leipzig: Barth.

H.E.L
Foto: Fernuni-Hagen
Die Abbildung zeigt einen Ausschnitt aus dem Brief von Alfred Hoche vom 17. April 1923 an einen Kollegen (PGFA, Bestand H.E.L. 30 VIII, 1011).
Gerhard Tübben | 12.08.2021