Student Engagement, Disruptive Bildung, Murmelgruppen – Rückblick auf die ICMbeyond 2022

ICMbeyond Beitragsthemen als Sketchnote
Illustration: FernUniversität

Seit 10 Jahren gibt es regelmäßig im Februar eine Tagung zum Inverted oder Flipped Classroom Model. 2012 hieß sie noch „Inverted Classroom im deutschsprachigen Raum“, mittlerweile nennt sie sich etwas hipper „ICMbeyond“. Das Konzept des Inverted Classroom ist nämlich relativ einfach. Interessant wird es, wenn über die unterschiedlichen Ausprägungen und die Stellschrauben, die das Konzept erfolgreich machen, diskutiert wird. Das war auch diesmal wieder in der von der Uni Paderborn organisierten Konferenz der Fall. Und um es gleich vorwegzunehmen: Murmelgruppen haben nichts mit den kleinen Glaskugeln zu tun.

Die ICMbeyond wurde in diesem Jahr mit dem Tag der Lehre der Uni Paderborn verknüpft. Insgesamt stand die Veranstaltung unter dem Motto „Student Engagement – Aktive Teilhabe von Lernenden in Studium und Schule fördern“. Das zeigt, dass die ICM-Tagungen seit jeher die beiden Bildungseinrichtungen Schule und Hochschule gleichermaßen im Blick hat. Der Austausch ist für beide Seiten sehr gewinnbringend. Natürlich ist die Perspektive auf das Student Engagement an den Institutionen anders, wenn wir uns aber das Interesse an Workshops wie „Aktivierende Methoden in der Online-Lehre“ anschauen, ist es an Hochschulen ebenso wichtig wie an Schulen.

Student Engagement in der Hochschullehre

Wie genau Student Engagement definiert werden kann beschrieb Dr. Melissa Bond von der University of South Australia in ihrer Keynote. Es wird davon ausgegangen, dass sich Studierende umso mehr in ihr Studium einbringen, je mehr sie auf affektiver, sozialer, kognitiver und verhaltensorientierter Ebene zufrieden sind. Studien, die in den letzten Jahren dazu durchgeführt wurden, weisen darauf hin, dass Studienerfolg von allen vier Ebenen abhängt (vgl. Bowden, Tickle, Naumann 2019). Studierende sind erfolgreicher, wenn sie

  • intensiver mit anderen Studierenden und Lehrenden interagieren können (soziale Ebene)
  • sich mehr darum bemühen, an den Aktivitäten einer Lehrveranstaltung und darüber hinaus teilzunehmen (verhaltensorientierte Ebene)
  • sich Lernziele setzen, konzentriert arbeiten und kritisches Denken entwickeln können (kognitive Ebene)
  • begeistert, interessiert und zufrieden bei der Sache sind (emotionale / affektive Ebene)

Der Ansatz verfolgt also eine holistische Herangehensweise, die sich nicht nur auf eine Ebene konzentriert, sondern alle vier im Auge behält. Das ist natürlich nicht nur für das Inverted Classroom Model wichtig, sondern für didaktisches Handeln generell. Melissa Bond konnte darüber hinaus auch die Top 5 Engagement bzw. Disengagement Faktoren listen:

Top 5 Engagement bzw. Disengagement Faktoren nach Bond 2020
Top 5 Engagement Faktoren Top 5 Disengagement Faktoren
Beteiligung Frustration
Erreichen von Zielen Widerspruch
positive Interaktion mit Kommilitonen und Lehrenden Enttäuschung
Vergnügen unter Druck gesetzt werden
von Kommilitonen lernen Abneigung

Melissa Bond stellte außerdem heraus, dass das Inverted Classroom Model die Erfolgsfaktoren des Student Engagement und damit des Studienerfolgs besonders gut unterstützen kann, weil es genau auf diese Faktoren abzielt.

Erweitert wurden diese Perspektiven durch einen Vortrag von Prof. Dr. Isabel Steinhardt (Uni Paderborn) und Angelika Thielsch (Uni Göttingen), die herausstellten, dass der Sozialraum Hochschule nicht für alle neuen Studierenden gleichermaßen vertraut ist (vgl. Feldhaus, Speck 2020). Studierende aus nicht-akademischen Familien tun sich hier oft schwer. Verbunden mit der Tatsache, dass die soziale Ebene wichtig für den Studienerfolg ist, wird es hier also umso wichtiger auf die unterschiedlichen Bedürfnisse einzugehen. Auch hier eignet sich der Inverted Classroom besonders, da er mehr Flexibilität mit sich bringt.

Zusätzlich kam am zweiten Tag noch der Wertedreiklang nach Carl R. Rogers hinzu, der von Angelika Neudecker in einer anderen Round Table Session vorgestellt wurde. Sie hatte bereits im Tagungsband zur ICMbeyond im vergangenen Jahr den Dreiklang aus positiver Zuwendung, Empathie und Kongruenz zur Grundlage der Gestaltung von Out-of-Class- oder asynchronen Phasen gemacht.

Zum Stand der ICM-Forschung

In der gleichen Round-Table-Session wurde bereits vorher von Joe Buchner eine Arbeit von einigen Autor*innen vorgestellt, die dankenswerterweise die Literatur zum Inverted Classroom Model durchforstet und mit einem Systematic Review ausgewertet haben. Für den englischsprachigen Raum gibt es so etwas bereits mit van Alten et al. 2019 und Bond 2020 (für die Schule, s. auch oben 😉). Für den deutschsprachigen Raum gab es das aber noch nicht. Die endgültigen Ergebnisse werden im nächsten Tagungsband erscheinen. Fest steht aber schon einmal, dass viele Beiträge sozusagen im theoretischen luftleeren Raum stehen. Zu der daraus entstehenden Diskussion um die Begriffe des Blended, Mixed oder Hybrid Learning werde ich bald noch einen Artikel in diesem Blog als Diskussionsbeitrag nachschieben. Es braucht aber ein Mehr an Primärstudien, die sich mit dem Inverted Classroom beschäftigen. Vielleicht ist ja in der Forschungswerkstatt am zweiten Tag die Grundlage dazu gelegt worden, an dieser konnte ich leider nicht mehr teilnehmen.

D für Disruptiv, T für Transformativ

Der zweite Tag startete mit der Keynote von FH-Prof. Anita Kidritsch und Dr. Christian F. Freisleben-Teutscher von der FH St. Pölten, die ihre Keynote sehr interaktiv gestaltet (s. Tweet).

Die Frage, ob die im Meeting Anwesenden in ihrer Lehre eher disruptiv – also experimentell, schnell in der Umsetzung neuer Ideen und außergewöhnlich – oder transformativ – also eher traditionell, abwartender und auf etablierte Abläufe setzend – sind, wurde mit teils/teils beantwortet. Bitte nicht falsch verstehen. Die zugeordneten Adjektive sollen wertfrei verstanden werden. Sicherlich bietet es sich bei bestimmten Voraussetzungen an, mal Neues und Ungewöhnliches auszuprobieren. Ebenso sinnvoll kann es aber bei anderen Voraussetzungen sein, eher behutsam vorzugehen. Wie immer lohnt es sich auf die vielen Rahmenbedingungen zu achten, wie sie z. B. in einer mediendidaktischen Konzeption berücksichtigt werden. Diese Erkenntnis kam uns auch in einer der Murmelgruppen.

Und damit wären wir auch schon bei der Auflösung des „Rätsels“ vom Anfang und beim „Und sonst noch so?“

Und sonst noch so?

Kurz zusammengefasst:

  • Die Murmelgruppen waren eine interessante Auflockerung. Die Teilnehmenden wurden spontan in Break-Out-Rooms mit 3-4 Personen eingeteilt und mit einer kurzen Aufgabe versorgt. Das kann übrigens auch gut mit Abstimmungen verbunden werden.
  • Die App SpatialChat bot eine schöne Abwechslung in den Kaffeepausen, etwas was wir in ähnlicher Form im Auge behalten werden.
  • Das Pecha Kucha Format ist immer wieder kurzweilig, was aber nicht bedeutet, dass es nicht informativ wäre. Im Gegenteil!

Und wegen all dem und auch wegen den Dingen, die ich hier nicht erwähnen konnte: Vielen Dank für die tolle Orga der Tagung!



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