Veranstaltungen und Termine
Das Veranstaltungsprogramm des FSP digitale_kultur bietet verschiedene Formate für den interdisziplinären Austausch zu aktuellen digitalitätstheoretischen Themen. Die Veranstaltungen der Lecture Series werden durch ein übergeordnetes Thema verbunden das jährlich wechselt. Sie besteht Vorträgen von Wissenschaftler*innen des FSPs oder externen Gästen und einer anschließenden, moderierten Diskussion. Die Lecture Series findet ausschließlich online statt und ist grundsätzlich für alle Interessierten geöffnet. Eine vorherige Anmeldung ist nicht erforderlich. Über diese Reihe hinaus richtet der FSP regelmäßig Kooperationsveranstaltungen mit assoziierten Forschungsnetzwerken, Kolloquiuen für Wissenschaftler*innen in frühen Karrierephasen und Workshops mit engerem Themenfokus aus. Weiterreichende Informationen zu den einzelnen Formaten sind auf dieser Seite zusammengestellt. Der FSP informiert über das Veranstaltungsprogramm zudem via Newsletter und Social Media.
Workshop Grundbegriffe digitaler Kultur V / Grundbegriffe der „Broligarchy“
- 5. - 6. Februar 2026
- Ort: Immersive Collaboration Hub, Campus FernUni, Hagen
- Gemeinsamer Workshop des FSP digitale_kultur und der GfM AG „Daten&Netzwerke“
- Organisation: Thorben Mämecke (FernUniversität in Hagen)
Spätestens seit der symbolisch zelebrierten Amalgamierung von Big Tech und Neurechten Regierung im Rahmen der Inauguration des aktuellen US-Präsidenten und den sich seither überschlagenden Ereignissen, entfaltet sich ein lebendiger öffentlicher Diskurs, der insbesondere den Neuheiten und Spezifika dieser kulturellen und politischen Wende Ausdruck verleihen will. In diesem Zuge entfaltet sich auch ein immer schwerer zu durchschauendes Geflecht aus Begriffen wie:
Rechts-Libertarismus, Techno-Libertarianismus, Ultra-Libertarianismus, Radikaler Libertarianismus, Cyberliberatismus, Nationaler Protektionismus, Neo-Kensianismus, Rechtspopulismus, Libertärer Autoritarismus, Autokratie, Extrastatecraft, Postdemokratie, Demokratischer Faschismus, Endzeit-Faschismus, Californian Ideology, Silicon Ideology, Digitaler Faschismus, Alt-Tech, Tech-Faschismus, Techno-Faschismus, Plattform-Neofaschismus, Digital Dictatorship, Crypto-Fascism, Crypto Bros, Paläokonservatismus, Transhumanism, Extropianism, Singularitarianism, Cosmism, Rationalist Ideology, Effective Altruism, Longtermism (TESCREAL), Surveillance Capitalism, Algocracy, Technocracy, Neo-Imperialismus, Effective Accelerationism, Dark Enlightenment, Manosphere, misogynes Inceltum, Gamer Gate, Fratriarchy, Broism, Neo-Reaktionismus, Absolutismus, Neo-Monarchismus, Neo-Feudalismus, Tech-Feudalismus, Techno-Feudalismus, Tech-Bros, Tech-Oligarchy und Broligarchy...
Mit diesem Workshop möchten wir die Begriffsarbeit aufnehmen und zusammenführen, die im Rahmen der Workshop-Reihe „Grundbegriffe digitaler Kultur“ des FSP und des Panels „Silicon Washington“ der Jahrestagung 2025 der Gesellschaft für Medienwissenschaften begonnen wurde. Dazu werden wir ausgewählte Begriffe über zwei halbe Tage hinweg diskutieren. Neben der Frage nach der Historizität und der analytischen und empirischen Tragfähigkeit der Begriffe und dem Verhältnis in dem sie zu grundlegenderen und bereits lang etablierten Begriffen wie Kapitalismus, Faschismus oder Patriarchat stehen, soll geklärt werden, welche Begriffe sich für progressive Gegenentwürfe eignen.
Dabei steht die (selbst)kritische Frage im Vordergrund, wie über diese Themen geforscht werden kann, ohne Buzzwords der Neurechten zu reproduzieren und dadurch die mit ihnen einhergehende Diskursmacht unabsichtlich zu stärken. Dies unter anderem mit Blick auf die neurechten Versuche der theoretischen Inbesitznahme poststrukturalistischer und postmoderner Autoren wie Deleuze oder Lyotard. Hierzu haben wir im letzten Teil des Workshops Gelegenheit für eine gemeinsame moderierte Textanalyse.
Programm
Donnerstag, 5. Februar 2026
| 13:30 - 13:45 Uhr | Thorben Mämecke (Hagen): Begrüßung & Einführung |
| 13:45 - 14:30 Uhr | Laura Hille (Siegen): „Broligarchy“ |
| 14:45 - 15:30 Uhr | Armin Beverungen (Lüneburg): |
| 15:45 - 16:30 Uhr | Thomas Nyckel (Regensburg): |
| 16:30 - 17:00 Uhr | Kaffepause |
| 17:00 - 17:45 Uhr | Laura Niebling (Regensburg): |
| 18:00 - 18:45 Uhr | Felix Raczkowski (Bayreuth): |
Freitag, 6. Februar 2026
| 09:00 - 09:10 Uhr | Stacy Gillis & Gareth Longstaff (Newcastle): |
| 9:15 - 10:00 Uhr | Gerko Egert (Bochum): „Silicon Ideology“ |
| 10:15 - 11:00 Uhr | Jens Schröter (Bonn): „Surveillance Capitalism“ |
| 11:15 - 12:00 Uhr | Felix Hüttemann (Bonn): „Machinic Desire“ |
| 12:00 - 13:00 Uhr | Kritische Textdiskussion: Dietmar Dath & Philipp Theisohn (2023): Moderation: Marcus Burckhardt (Paderborn) |
Abstracts
„Broligarchy“ (Laura Hille)
[tba]
„Extrastatecraft“ (Armin Beverungen)
„Der Beitrag versucht das Konzept „Extrastatecraft“ von Keller Easterling für die aktuelle Verschränkung der Aktivitäten extremer Rechter Tech-Oligarchen und Staatsmacht produktiv zu machen. Dabei reflektiert er Begriffe wie das Zoning auch mit Verweis auf Ansätze wie die des Network State. Amazon und Jeff Bezos dienen dabei als beispielhafte Folie.“
„Singularitarianism“ (Thomas Nyckel)
Als Beitrag zu unserer Diskussion über die Grundbegriffe der „Broligarchy“ setzt sich der Vortrag mit dem Begriff des Singularitarianism auseinander und mit dessen Verflechtungen zum Topos der künstlichen Intelligenz.
Ausgehend von den historischen Wurzeln des Singularitarianism gibt der Vortrag einen diachronischen Überblick über die unter dem Etikett der Singularität firmierenden wesentlichen Elemente und Strukturen und über die Verhandlung entsprechender Vorstellungen in aktuellen Debatten zu digitaler Technologie.
Thomas Nyckel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Information und Medien, Sprache und Kultur (I:IMSK) an der Universität Regensburg. Als Medienwissenschaftler beforscht er die Funktionalitäten, Limitierungen und Mythen künstlicher Intelligenz.
„Alt Tech“ (Laura Niebling)
Auf sozialen Plattformen geben Nutzer*innen heute freiwillig viele Informationen von sich preis. Ihr Recht auf „informationelle Selbstbestimmung“ wird über Privacy-Regelungen verwaltet, die häufig opak lassen, was tatsächlich mit den Daten passiert. Dies steht im direkten Gegensatz zu den demokratischen Schutzprinzipien, die ab dem Hessischen Datenschutzgesetz von 1970 (dem ersten weltweit) in Datenschutzpolitiken verankert werden sollten. Datenschutz ist der Schutz der individuellen Daten gegen den Staat und Dritte, aber was, wenn dies antidemokratische Prinzipien mit abdeckt? Insbesondere die Neue Rechte organisiert sich im post-digitalen Raum und sie nutzt das Recht zur informationellen Selbstbestimmung gezielt für sich - vor allem in den Logiken der emergenten Alt-Tech-Plattformen. Aber verstehen diese Plattformen Datenschutz tatsächlich anders als „Big Tech"? Der Vortrag gibt einen kurzen historischen Einblick in das politische Dilemma der informationellen Selbstbestimmung, das dem Recht von Beginn an zugrunde liegt, und fragt dann anhand von aktuellen Beispielen, in welchem Verhältnis eine beschworene neue Datenschutzkultur zur Realität der Datenschutzrichtlinien der Plattformen steht.
Laura Niebling ist Medienwissenschaftlerin und Managing Director des DIMAS an der Universität Regensburg. Sie arbeitet zu populären post-digitalen Medientrends und Storytelling, der Medientheorie und Kulturgeschichte des Datenschutzes und der Medizinkommunikation sowie zur Methodologie der digitalen Medienforschung.
„Manosphere (und Mengenlehre)“ (Felix Raczkowski)
Der Beitrag befasst sich mit der Manosphere als einem Sammel- bzw. Oberbegriff für antifeministische Strömungen und Communities in sozialen Medien. Es geht um die Frage, welchen Nutzen und welche Grenzen derartige Sammelbegriffe im Vergleich zu den in ihnen inkludierten Termini haben, wie die Manosphere im Verhältnis zu akademisch etablierten Begriffen wie Antifeminismus zu beurteilen ist und welche Medien und Plattformen bei ihrer Analyse besonders zu berücksichtigen wären.
Dr. Felix Raczkowski ist akademischer Rat a.Z. am Lehrstuhl für Digitale und Audiovisuelle Medien der Fachgruppe Medienwissenschaft an der Universität Bayreuth, wo er im Masterstudiengang Computerspielwissenschaften unterrichtet. Er hat mit einer Arbeit zur Digitalisierung des Spiels promoviert, die die Wissens- und Mediengeschichte ‚nützlicher‘ Spiele wie Serious Games und Gamification untersucht. In seinem aktuellen Forschungsprojekt untersucht er Schauplätze und Spielformen von Fakes, Täuschung und Desinformation in digitalen Kulturen von den 1990er-Jahren bis in die Gegenwart. In diesem Zuge ist er zurzeit Fellow am Center for Advanced Internet Studies (CAIS) in Bochum, wo er zur Media Literacy und Medienkompetenz im Kontext von Fakes forscht.
„Silicon Ideology“ (Gerko Egert)
Der Beitrag nimmt den Text The Californian Ideology von Barbrook und Cameron zum Ausgangspunkt, um das spezifische Zusammenspiel von öffentlicher Selbstdarstellung und ökonomisch-politischer Praxis der Technologieindustrie zu untersuchen. War dieses Wechselspiel in den 1990er Jahren noch durch eine Diskrepanz zwischen dem diskursiven Selbstverständnis eines „Don’t be Evil“ (Google) und einer Praxis bestimmt, die eng mit den finanzstarken Förderprogrammen des US-Verteidigungshaushalts verknüpft war, so stehen diskursive Ansprüche und unternehmerische Praxis heute in einem deutlich komplexeren Verhältnis zueinander. Während sich Unternehmen wie Palantir und SpaceX als wichtige Akteure in einer neuen globalen und nationalen Sicherheitsarchitektur verstehen, grenzen sie sich weiterhin von einer klassischen Verteidigungsindustrie ab. Welche Selbstbilder sie entwerfen und wie ihre Geschäftsmodelle auf den von der Californian Ideology etablierten Infrastrukturen aufbauen, wird Gegenstand meines Beitrags sein.
Gerko Egert ist Performance- und Medienwissenschaftler.Zurzeit arbeitet er als Akademischer Rat an der Ruhr-Universität Bochum. Er forscht zu Philosophien und Politiken der Bewegung, Kunst und radikaler Pädagogik, Klimagerechtigkeit und Infrastrukturen, Tanz und Performance seit dem 20. Jh. Seine Publikationen umfassen: Welten liefern. Choreografische Kontrolle und Produktion im logistischen Kapitalismus (in Navigationen 2024) sowie den Sammelband Experimente lernen, Techniken tauschen II. Ein spekulatives Handbuch (hrsg. mit Julia Bee, 2025). Zusammen mit Julia Bee betreibt er die Publikationsplattform nocturne.
„Surveillance Capitalism“ (Jens Schröter)
Einer der Begriffe, die in der gegenwärtigen Diskussion zur Beschreibung der Gegenwart einige Bekanntheit erlangt hat, ist “surveillance capitalism”. Bekannt wurde der Begriff v.a. durch das 2018 erschienene, gleichnamige Buch von Shoshana Zuboff. Der Begriff soll im Spannungsfeld anderer Begriffe und Annäherungen an die ökonomische Verfasstheit der Gegenwart diskutiert werden.
Jens Schröter, Prof. Dr., ist seit 2015 Inhaber des Lehrstuhls für Medienwissenschaft an der Universität Bonn. Leitung (zusammen mit Prof. Dr. Anna Echterhölter; PD Dr. Sudmann und Prof. Dr. Alexander Waibel) des VW-Main Grants „How is Artifical Intelligence Changing Science?“ (Start: 1.8.2022, 4 Jahre); Leitung (zusammen mit Dr. Felix Hüttemann) des VW-„Aufbruch“-Projekts „The Computerized Palate. Digital Technologies and the ‚Lower Senses‘“ (Start 1.4.2025). Winter 2021/22: Fellowship, Center of Advanced Internet Studies.
„Machinic Desire“ (Felix Hüttemann)
Maschinenbegehren - Nick Lands reaktionärer „Libidokapitalismus“
Nick Land entwickelt unter dem Begriff des Maschinenbegehrens eine radikal antihumanistische Ontologie des Kapitalismus, die u.a. als ein wesentlicher Einfluss für den Akzelerationismus und seine Spielarten verstanden werden muss. Dieser libidinöse radikale Entfesselungsfantasie liegt eine Lesart linker poststrukturalistischer Theorie von Deleuze und Lyotard zugrunde: Während Lyotard, das ökonomische, politische und symbolische Gefüge der Moderne als ein libidinales Band versteht – eine energetische Oberfläche, auf der Intensitäten zirkulieren, Investitionen stattfinden und Ströme kanalisiert oder blockiert werden –, verschiebt Land diese Topologie in Richtung einer technomedialen Dynamik, in der das Begehren selbst maschinisch wird.
Land übernimmt Lyotards Idee, Kapitalismus als Verteilungsmechanismen von Intensitäten zu denken, und radikalisiert diese: Für ihn ist das libidinöse Band kein regulierter Kreislauf, sondern ein maschinelles Gefüge, das keinen ontologischen Unterschied mehr zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren zulässt. Land entwirft eine medientechnische Ontologie, in der das Begehren selbst zur Funktion maschinischer Prozesse wird.
Sein Machinic Desire beschreibt ein medientechnologisches Kontinuum, in dem algorithmische Systeme, kybernetische Rückkopplungen und kapitalistische Beschleunigungsprozesse Ausdruck ein und derselben Ökologie sind. Medialität wird damit nicht mehr als Vermittlung verstanden, sondern als unmittelbare Operation der Intensitäten, die es für eine neue autoritär-techno-faschistisch Gesellschaftsstruktur zu instrumentalisieren gilt.
Hüttemann, Felix, Dr., ist Post-Doc an der Universität Bonn. Er leitet das von der Volkswagenstiftung geförderte Projekt “The Computerized Palate. Digital Technologies and the Lower Senses”. Zuvor war er Mitarbeiter im DFG-Projekt “Einrichtungen des Computers. Zum Zusammenhang von Computer und Wohnen” am Institut für Medienwissenschaften der Universität Paderborn. Er promovierte an der Ruhr-Universität Bochum, im DFG-Graduiertenkolleg “Das Dokumentarische. Exzess und Entzug”. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Medienästhetiken und -theorien der Nahsinnlichkeit, Kulinarik und Wein in Relation zu Sensorik und KI sowie die Ideologiegeschichte des Denkens des Silicon Valley und ihre Technik- und Medienphilosophie.
„Okkultes Denken“ diskutieren? Ein Update nach Trump 2.0 (Moderation: Marcus Burckhardt)
Die techno-faschistoiden Texte von Nick Land, Curtis Yarvin oder Theodore Beale („Vox Day“) sind nicht die Grundlage der real autoritären Politik, die wir jetzt erleben, sondern ihre Grenze: Rechtfertigungen eines Handelns, das sich unter anderen als unmenschlichen Vorgaben gar nicht rechtfertigen lässt. Sie mit Erkenntnisgewinn so zu lesen, kann man üben.
Dietmar Dath, * 1970, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Autor zahlreicher Sachbücher („Niegeschichte. Science Fiction als Kunst- und Denkmaschine“, 2019) und Romane („Skyrmionen“, 2025).
Textgrundlage:
Dietmar Dath & Philipp Theisohn (2023):
Korrespondenzessay zu Nick Lands „Okkultes Denken“,
in: Nick Land, Dietmar Dath & Philipp Theisohn (Hrsg.):
„Okkultes Denken“, Berlin: Matthes & Seitz, S.334ff.
