Lecture Series - Thema „Plattform“
Abbildung: FernUniversität
Die Lecture Series des Forschungsschwerpunktes digitale_kultur ist ein fortlaufendes Veranstaltungsformat, das dem öffentlichen Austausch über aktuelle digitalitätstheoretische Themen dient. Es setzt sich zusammen aus einem Vortrag von Wissenschaftler*innen aus dem FSP oder externen Gästen und einer anschließenden, moderierten Diskussion.
Die Veranstaltungen unserer Lecture Series werden in diesem Jahr durch ein übergeordnetes Thema verbunden. Mit verschiedenen Perspektiven auf das Thema „Plattform“ führen wir auf diese Weise die Diskussionen weiter, die wir im Rahmen unserer letzten Jahrestagung begonnen haben und die durch die jüngeren Ereignisse auf der technologiepolitischen Weltbühne inzwischen weiter an Aktualität gewonnen haben.
Webflyer (PDF 255 KB)
Lectures
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- mit Jun.-Prof'in. Dr. Julia Eckel (Universität Paderborn)
- Ort: Zoom
- Moderation: Isabelle Sarther (FernUniversität in Hagen)
Abstract
„Die Interaktion mit digitalen Medien findet vielfach über Screens statt. Ihre Aufzeichnung birgt daher ein spezifisches Potenzial für die Dokumentation digitaler Prozessualität jenseits von Code. Für die Forschung zu digitalen Plattformen stellt sich also die Frage, welche Erkenntnisse über den Gegenstand anhand des Screens (als Inter- und Oberfläche) möglich sind und welchen methodischen Einsatz dann Screencasts in diesem Feld bedeuten können. Der Vortrag möchte vor diesem Hintergrund das Screencasting in seiner historischen Entwicklung und seinen aktuellen Spielarten in den Blick nehmen - etwa mit Blick auf Tech-Demos, Machinima und Desktop Documentaries - und zugleich die Frage stellen, welche Art des (dokumentarischen) Wissens über das Digitale und seine 'Plattförmigkeit' dabei entsteht bzw. 'abgegriffen' werden kann.“
Jun.-Prof'in. Dr. Julia Eckel ist Juniorprofessorin für Filmwissenschaft am Institut für Medienwissenschaften der Universität Paderborn. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählt die Animationsforschung und hier aktuell vor allem das Verhältnis von Animation, Dokumentation und Demonstration sowie Animation und KI. Zudem interessiert sie sich generell für (selbst)dokumentarische Praxen im Kontext digitaler Medien (z.B. Selfies, Tech-Demos, Screencasts). Sie hat an der Ruhr-Universität Bochum und der Philipps-Universität Marburg gearbeitet und ist Co-Sprecherin der AG Animation innerhalb der Gesellschaft für Medienwissenschaft. Promoviert hat sie sich mit der Arbeit "Das Audioviduum. Eine Theoriegeschichte des Menschenmotivs in audiovisuellen Medien" (erschienen bei transcript 2021).
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- mit Dr. Torsten Roeder (Universität Würzburg)
- Ort: Zoom
- Moderation: Helmut Hofbauer (FernUniversität in Hagen)
Abstract
„Mit dem Aufkommen der Mikrocomputer und Heimcomputer in den späten 1970er und 1980er Jahren stieg auch die Anzahl an Zeitschriften, die sich mit diesen neuen Geräten und deren grenzenlos erscheinenden Möglichkeiten tiefgreifend befassten. In diese Entwicklung fällt auch, dass diese Publikationen auch in digitaler Form - vor allem auf Floppy Disks - für das Lesen am Bildschirm vorgelegt wurden (meist ‚Diskmags‘ genannt, kurz für ‚Diskettenmagazine‘). Durch den Einbezug von Bild und Ton entstand bald eine multimediale Journalkultur, die nurmehr nicht durch professionelle Verlage, sondern die Heimcomputer-Community selbst gepflegt wurde und bis zum Aufkommen des Breitband-Internets etwa 2.500 Titel mit über 10.000 Ausgaben hervorbrachte. Während dieses Material für die Erforschung früher digitaler Kulturen - gerade auch hinblickend auf Vergleichsmomente oder Kontinuitäten zu gegenwärtigen Formen - hochinteressant erscheint, ist der Erhaltungszustand prekär, denn digitale Medien wurden seinerzeit von kulturerhaltenden Einrichtungen weder gesammelt noch katalogisiert. Heute sind die Magazine jedoch nicht mehr ohne weiteres lesbar. Wie können Sichtbarkeit und Nutzbarkeit dieses reichhaltigen und diversen Materials für die Forschung, auch unter Berücksichtigung rechtlicher Aspekte, hergestellt werden?“
Dr. Torsten Roeder hat sich in seiner Jugendzeit (zu) viel mit Computern beschäftigt und anschließend Musikwissenschaft und Italienisch studiert. Seitdem arbeitet er im Feld der Digital Humanities und widmet sich derzeit am Zentrum für Philologie und Digitalität der Universität Würzburg den Themen Digitale Edition, Born-Digital Heritage sowie Zeitungen und Zeitschriften. In Würzburg wurde er 2018 mit einer Arbeit zur musikalischen Rezeptionsgeschichte anhand der Musikkritik des 19. Jahrhunderts promoviert; später vertrat er Digital-Humanities-Professuren in Wuppertal und in Rostock.
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- mit Dr. Timo Kaerlein (Ruhr-Universität Bochum)
- Ort: Zoom
- Moderation: Dr. Johanna Seifert (FernUniversität in Hagen)
Abstract
Selten wurde Plattformpolitik so sichtbar verhandelt wie Anfang des Jahres 2025, als Donald Trump im Rahmen seiner Amtseinführung als US-Präsident per Dekret das einen Tag zuvor in Kraft getretene Verbot der Kurzvideo-Plattform TikTok für 75 Tage aussetzte. Hintergrund des im April 2024 vom US- Kongress verabschiedeten Gesetzes, das den chinesischen Mutterkonzern ByteDance zum Verkauf der Plattform an ein nicht-chinesisches Unternehmen zwingen würde, waren nationale Sicherheitsbedenken, die auch bereits in anderen Ländern weltweit zu einem vollständigen oder teilweisen TikTok-Verbot geführt hatten. Dennoch ist die Situation in den USA einzigartig, nicht nur wegen der großen Anzahl von TikTok-Nutzer*innen, sondern vor allem, weil Trump seine Aussetzung des Verbots massiv für eigene Zwecke im Rahmen einer protektionistischen Wirtschaftspolitik instrumentalisierte.
Der Vortrag wirft ein genaueres Licht auf die komplexen, teils widersprüchlichen Vorgänge im Januar 2025, als TikTok in den USA zunächst für 16 Stunden vollständig offline und im Anschluss zwar wieder nutzbar, aber weiterhin nicht in App Stores zum Download verfügbar war. Dabei interessiert vor allem die Frage, wie sich in diesem Fall geostrategische Zielsetzungen und mikro-koordinative Plattformpolitiken zueinander verhalten, d.h. auf welche Weise internationale Politik und Plattformregulierung (nicht) ineinandergreifen. Mit Hilfe von Ansätzen der Critical Interface Studies werden die variablen Formen von (Macht-)Relationen in Akteurs-Netzwerken in den Blick genommen, die Nutzer*innen, Regierungen und Plattformbetreiber*innen ebenso umfassen wie die material politics von Apps, APIs und Endgeräten.
Dr. Timo Kaerlein, ist Akademischer Rat am Institut für Medienwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Er forscht und lehrt zur Geschichte, Theorie und Ästhetik von Interfaces, zu digitalen Nahkörpertechnologien und Sensormedien. Er ist Mitgründer der AG Interfaces in der Gesellschaft für Medienwissenschaft und arbeitet aktuell mit Jan Distelmeyer und Sabine Wirth an der Vorbereitung einer Ausgabe der Zeitschrift für Medienwissenschaft mit dem Thema „Interfaces | Plattformen“, die 2026 erscheinen wird.
Aktuelle Publikationen:
- Christoph Borbach, Timo Kaerlein, Robert Stock und Sabine Wirth (Hg.): Akustische Interfaces - Interdisziplinäre Perspektiven auf Schnittstellen von Technologien, Sounds und Menschen, Wiesbaden: Springer, 2025.
- „‘I am, in fact, a person.’ Vorder- und Hinterbühnen konversationeller KI“. In: Clara Kindler- Mathôt, Didem Leblebici, Giacomo Marinsalta, Till Rückwart, Anna Zaglyadnova (Hg.): Un/reale Interaktionsräume: Formen sozialer Ordnung im Spektrum medienspezifischer Interaktion. Bielefeld: transcript, 2025, S. 35-54.
- „Medientheoretische Aspekte von Mobilität und Wearables“. In: Christoph Ernst, Katerina Krtilova, Jens Schröter und Andreas Sudmann (Hg.): Handbuch Medientheorien im 21. Jahrhundert. Wiesbaden: Springer VS, 2024, https://doi.org/10.1007/978-3-658-38128-8_26- 1.
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- mit Lars Wiegold/Konstantin Winkler (RadiGaMe)
- Ort: Zoom
- Moderation: Dr. Dennis Möbus (FernUniversität in Hagen)
Abstract
Digitale Spiele sind ein fester Bestandteil gesellschaftlicher Alltagskultur – auch in Deutschland, wo rund 60 % der Bevölkerung zumindest gelegentlich spielt. Die niedrigschwellige Zugänglichkeit über Smartphones sowie öffentlich verfügbare Plattformen und Spiele macht Gaming zu einem gesamtgesellschaftlichen Querschnittsthema. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass sich auch antidemokratische und extremistische Tendenzen in Gaming-Räumen beobachten lassen. Während explizit extremistische Spiele bereits seit den 1990er-Jahren bekannt sind, blieben Gaming- und gamingnahe Plattformen wie Roblox, Twitch oder ModDB lange Zeit unerforschte Räume im Hinblick auf ideologische Einflussnahmen.
Der Vortrag geht der Frage nach, ob und wie radikalisierte Kommunikation auf Gaming- und gamingnahen Plattformen stattfindet. Untersucht wird, inwiefern plattformspezifische Infrastrukturen, Modding-Potenziale und Nutzer*innenpraktiken extremistische Narrative begünstigen und verbreiten. Im Fokus stehen die ideologische Vielfalt, subtile wie explizite Ausdrucksformen sowie hybride Erscheinungsformen extremistischer Kommunikation. Abschließend reflektiert der Beitrag die explorative Methodik des Forschungsprojekts RadiGaMe und diskutiert die Herausforderungen, die mit der wissenschaftlichen Analyse solch dynamischer und infrastrukturell komplexer Räume einhergehen.
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- mit Dr. Almut Leh (FernUniversität in Hagen)/Dr. Cord Pagenstecher (Freie Universität Berlin)
- Ort: Zoom
- Moderation: Dr. Dennis Möbus (FernUniversität in Hagen)
Abstract
„Ich interessiere mich für Biografien“ – so beschreiben manche Menschen ihre Beweggründe, wenn sie Zugang zum Archiv „Deutsches Gedächtnis“ online beantragen. Solange dieses Archiv nur persönlich zugänglich war, kam nur eine begrenzte Anzahl von Forscher:innen zu Besuch; seit das Archiv jedoch online ging, haben Oral-History-Interviews auch außerhalb der Forschungsgemeinschaft Interesse geweckt. Eines ist sicher: Der Online-Zugang verändert die Nutzung von Oral-History-Interviews. Aber wie genau? Wer nutzt Interviews online, wofür und wie? Und wie gehen wir als Betreiber einer Infrastruktur für Oral-History-Sammlungen und eines Online-Archivs mit neuen Nutzergruppen und verändertem Nutzerverhalten um?
Oral-History.Digital (oh.d) ist seit September 2023 online. oh.d ist ein Interviewportal, eine Kurationsplattform und eine Forschungsumgebung, die es Interviewprojekten ermöglicht, Audio- und Videointerviews gemäß den FAIR-Prinzipien online verfügbar zu machen. Ein differenziertes Zugriffsmanagementsystem schützt die Persönlichkeitsrechte der Interviewten. Diese Infrastruktur wird von der Freien Universität Berlin betrieben, die mit ihrem Beitrag zum Visual History Archive, zum Zwangsarbeit Archiv (ZWAR) und zu anderen digitalen Interviewsammlungen eine Vorreiterrolle im Bereich der Online-Archive in Deutschland eingenommen hat. Zunächst haben die Freie Universität Berlin, das Archiv „Deutsches Gedächtnis“ und die Werkstatt der Erinnerung ihre umfangreichen Sammlungen in die Plattform eingebracht. Sechs Monate nach der Inbetriebnahme der Infrastruktur nutzten bereits 34 Institutionen aus Forschung, Museen und Gedenkstätten Oral-History.Digital, um ihre Sammlungen zugänglich zu machen. Die Anzahl online verfügbarer Interviews wächst seitdem kontinuierlich (derzeit über 4.000), ebenso wie die Zahl von Nutzern. Allerdings kommt es nicht selten vor, dass wir als Sammlungsinhaber:innen Registrierungsanfragen ablehnen müssen. In den allermeisten Fällen erlaubt die Einwilligung der Interviewten die Nutzung nur für Forschungs- und Lehrzwecke. Ein allgemeines Interesse an Biografien ist davon nicht abgedeckt.
Aber auch das akademische Interesse hat sich erweitert. Neben Historiker:innen interessieren sich auch qualitative Sozialforscher:innen, Linguist:innen, Bildungswissenschaftler:innen und Informatiker:innen für biografisch-narrative Interviews. Nicht jedes Projekt dürfte im Interesse der Interviewten liegen. Wie können wir als Archivare und Infrastrukturbetreiber mit diesen neuen Nutzergruppen umgehen? Welche Bedürfnisse haben sie und wie möchten sie mit Interviews arbeiten? Wie forschen diese Wissenschaftler:innen? Finden sie, was sie suchen? Wie lange bleiben sie bei einem Interview? Laden sie Inhalte herunter? Nutzen sie die Möglichkeit, sich Interviews in voller Länge anzuhören, oder klicken sie sich hauptsächlich durch die Suchtreffer?
Um diese und andere Fragen zu beantworten, ist die quantitative und qualitative Auswertung des Nutzerverhaltens ein wesentlicher Bestandteil der aktuellen Phase des Projekts Oral-History.Digital. Ziel dieser Evaluation ist es, die Infrastruktur im Interesse der Nutzer zu optimieren (FAIR-Prinzipien) und gleichzeitig die ethischen und rechtlichen Interessen der Interviewten zu wahren (CARE-Prinzipien). Darüber hinaus erwarten wir Erkenntnisse darüber, wie die digitale Rezeption die Forschung verändert.
Nach einer kurzen Vorstellung der Infrastruktur von Oral-History.Digital werden wir die Ergebnisse der Evaluation präsentieren und diese Ergebnisse im Hinblick auf digitale Infrastrukturen und deren Auswirkungen auf die interviewbasierte Forschung diskutieren.