DEN BLICK AN/WENDEN: SUTURE YOURSELF!

Vortrag | 11:00 | Senatssaal

Tanja Prokić (Ludwig-Maximilians-Universität München)
Moderation: Carolin Rolf (FernUniversität in Hagen)

Abstract

Mitte der 1960er Jahre hat Jacques-Alain Miller, ein Schüler Lacans, das Begriffsduo von Naht (Suture) und Wunde entwickelt, um die Erfahrung des Subjekts zu verdeutlichen, nicht Herr bzw. Urheber des (eigenen) Diskurses zu sein. Ende der 60er Jahre wird das Konzept von der Filmwissenschaft aufgegriffen und auf die Ebene der filmischen Rezeptionserfahrung übertragen. Dass das Subjekt, so die These, dessen, was es sieht, nicht Herr*in ist, sondern dass es einen körperlosen, geisterhaften Blick aneignet, rufe, so die Theorie, im sehendem Subjekt eine offene Wunde hervor oder eben auf. Der narrative Film Hollywoods entwickelte einige filmische Konzepte, um den Subjekten genau diese Erfahrung zu ersparen: er ‚vernähte‘ die einer Wunde gleichenden offenen Blicke zu einem einheitlichen filmischen Raumkonzept, in dessen Außen das zusehende Subjekt das profilmische Geschehen verorten kann. Dieser Vortrag soll das Konzept theoretisch vorstellen – und praktische Beispiele zeigen, in denen Film und Medienkunst uns als Zuschauer*innen abverlangen, uns selbst via Blick mit der filmischen bzw. medialen Welt zu vernähen. In diesem Zusammenhang geht es um die ,Cyborisierung‘ der Blicke, bei der digitale Technologien die Wahrnehmung neu formieren. Einerseits soll dabei geprüft werden (auch anhand der digitalen Kunst), wie sich das Konzept der ‚Suture‘ unter dem digitalen Primat verändert hat und welche Effekte sich daraus für Subjektivierungsprozesse ergeben. Einige Kernfragen lauten: Ist das Konzept der ‚Suture‘ auch auf die künstlerischen Konzepte (Affekte und Perzepte) der digitalen Kunst übertragbar und welchen Erkenntniswert bringt es, um Medienkunst im Kontext neoliberaler Partizipationskultur zu verorten und ihre Potenziale zu evaluieren? Welche Möglichkeiten hält die digitale Kunst der Gegenwart bereit, um eine Blickwende zu erzeugen, wo kommt der analoge Blick vielleicht an ein Ende? Welche Transformationen ergeben sich für das Bildliche, wenn sich die Relationen zwischen Material, Erzählen und raumzeitliche Lokalisationen der Rezipient*innen verschieben?

Bio

Tanja Prokić ist Literatur- und Medienwissenschaftlerin. Von 2021-2025 war sie Vertretungsprofessorin für Neuere deutsche Literatur und Medien an der LMU München. Ihre wissenschaftliche Expertise liegt auf Medienästhetiken (Film, Fotografie, Digitale Medien) und Literatur des 20. und des 21. Jahrhunderts. Zwischen 2017 und 2021 war sie Teilprojektleiterin eines SFB-Projekts (1285) zu invektiver Theatralität. In diesem Kontext entstanden mehrere Arbeiten zu digitaler Kultur. Im Februar erscheint ein Essay zum digitalen Alltag. Aktuell arbeitet sie an einer Studie zum Zusammenhang von Erzählen und Trauma. Weitere Informationen unter www.tanja-prokic.de.

FSP digitale_kultur | 13.11.2025