(E)MOTION SICKNESS WARNING: DIE HERAUSFORDERUNG DER (HYPER-)EMOTIONALISIERUNG IN GESCHICHTSBEZOGENEN IMMERSIVEN VR-MEDIEN MIT ZEITZEUG*INNENINTERVIEWS

Vortrag | 14:00 | Senatssaal

Roman Smirnov (Ruhr-Universität Bochum)
Moderation: Isabelle Sarther (FernUniversität in Hagen)

Abstract

Immersive VR-Medien haben sich seit der zweiten Popularisierungswelle der 2010er-Jahre (Bédard 2025) zunehmend im Bereich des Histotainments (Meyer 2009) sowie in didaktischen Bildungsprojekten wie Lernen mit digitalen Zeitzeugnissen (LMU München) etabliert. Rezipiert über Head-Mounted Displays, etwa von Meta, Pico oder HTC, ermöglichen sie durch realitätsnahe 3D-Grafik, 360°-Ansichten, sensorbasiertes Bewegungstracking, Soundscapes und die Ausblendung physischer Umgebungen ein intensives Präsenzgefühl (Slater 2018) – und damit ein emotionales ‚Eintauchen‘ in virtuelle Geschichtsdarstellungen (Lewers/Frentzel-Beyme 2023). Diese Emotionalisierung kann zwar Empathie und Involvement fördern (Barbot/Kaufman 2020), erschwert jedoch mitunter die kritisch-reflexive Distanz zu medialen (Re-)Konstruktionen der Vergangenheit (Nachtigall et al. 2022).

Zeitzeug*inneninterviews – ein zentrales Format der Oral History und zunehmend auch Gegenstand der Public-History-Forschung, etwa an der FernUniversität in Hagen – stellen eine verbreitete Strategie der Emotionalisierung in geschichtsbezogenen immersiven VR-Medien dar. Diese kann etwa durch Audioaufnahmen mit den Stimmen von Zeitzeug*innen erfolgen, wie im immersiven Video der BBC Easter Rising oder durch 360-Grad-Videoaufnahmen von Zeitzeug*innen, wie sie im Bildungsprojekt Chernobyl VR Project (The Farm 51) und im VR-Dokumentarfilm Traveling While Black (Felix & Paul Studios) zu finden sind.

Der Beitrag analysiert diese Strategien anhand ausgewählter Fallbeispiele und diskutiert aus Sicht der Public History didaktische wie ethische Herausforderungen – unter Berücksichtigung von Prinzipien der Personalisierung (Bergmann 2000a) und der Multiperspektivität (Bergmann 2000b). Ein dualer Ansatz verbindet die Analyse der VR-Inhalte mittels phänomenologischer Testverfahren mit der Untersuchung ihrer Rezeption durch Benutzer*innen, etwa in Kommentaren auf Steam und Meta sowie in YouTube-Video-Reviews, auf Basis von Close Reading und computergestützten Distant-Reading-Methoden.

Bio

Roman Smirnov hat Geschichte und Public History an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg sowie der Ruhr-Universität Bochum studiert. Seit 07/2023 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter im SFB 1567 Virtuelle Lebenswelten an der Ruhr-Universität Bochum. In seinem Promotionsprojekt untersucht er den Einfluss der immersiven VR-Technologien auf die Erinnerungskultur und das Geschichtsbewusstsein.

FSP digitale_kultur | 13.11.2025