ENDE DER ZEITZEUG*INNENSCHAFT? ERFAHRUNG AUS FÜNF JAHREN PRAXIS MIT DIGITALEN ZEUGNISSEN

Vortrag | 13:30 | Senatssaal

Ernst Hüttl (Ludwig-Maximilians-Universität München)
Moderation: Isabelle Sarther (FernUniversität in Hagen)

Abstract

Zeitzeug*innen nehmen seit vielen Jahren eine bedeutende Rolle bei der Auseinandersetzung mit dem Holocaust ein, insbesondere in Bildungskontexten. Angesichts der Tatsache, dass die letzten Zeitzeug*innen ihre Erinnerungen in absehbarer Zeit nicht mehr persönlich übermitteln können, kündigt sich jedoch eine unausweichliche Wende in der Vermittlungsarbeit an. Es gilt daher, über geeignete Formen der Dokumentation, Archivierung und digitalen Aufbereitung autobiografischer Berichte nachzudenken. Ein Ansatz hierfür besteht in der Entwicklung interaktiver digitaler Zeugnisse: Es handelt sich dabei um ein Medienformat, das es Nutzer*innen ermöglicht, mit realen Aufzeichnungen von Zeitzeug*innen ähnlich wie in einem Zeitzeugengespräch zu interagieren. Im Münchner Projekt LediZ (Lernen mit digitalen Zeugnissen) wurden Holocaust-Überlebenden in einem Aufnahmestudio jeweils rund 1.000 Fragen zu ihren Erinnerungen, Ansichten und ihrer Person gestellt und die Antworten der Zeug*innen sowie ihre Erzählung stereoskopisch gefilmt. Stellen Nutzer*innen dem Medium heute Fragen, werden mithilfe eines Sprachverarbeitungsprogramms in Sekundenschnelle die passenden Antwortvideos zugewiesen und abgespielt. Seit fünf Jahren wird insbesondere das digitale Zeugnis des litauischen Holocaust-Überlebenden Abba Naor (*1928) intensiv an Schulen und Museen eingesetzt. Projektmitarbeiter Ernst Hüttl diskutiert, welche Erfahrungen dabei gesammelt wurden, welche Stärken, Schwächen und Herausforderungen das Medium aufweist, und wie sich die mediale und diskursive Rahmung der Zeugnisse in den vergangenen Jahren verändert hat.

Bio

Ernst Hüttl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der LMU München im Bereich Didaktik der deutschen Sprache und Literatur. Seit 2020 ist er im Projekt LediZ an der Entwicklung und Erforschung interaktiver Zeitzeugnisse Holocaust-Überlebender beteiligt. In seiner Promotion beschäftigt er sich mit Fragen zur Gestaltung, Funktionsweise und Rezeption dieses neuen Medienformats. Darüber hinaus ist er zertifizierter Medientechniker für virtuelle Produktion und hat Projekte in den Bereichen 3D und Virtual Reality u.a. für das Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut, die LMU München, das Jewish Chamber Orchestra Munich und die Stadt Augsburg realisiert. Der Schwerpunkt seiner Lehre liegt auf Holocaust Education und Digital Storytelling.

FSP digitale_kultur | 13.11.2025