Aktuelles Archiv (ältere Meldungen 2025)
Nachruf auf Ulrich Schödlbauer (1951-2025)
Wer Literaturwissenschaft studiert, wer sie gar lehrt, erhebt einen gewaltigen Anspruch: Unser Fach basiert auf der nicht unheiklen Prämisse, dass uns gewisse Kompetenzen für ästhetische Gebilde, z.B. für literarische Erzeugnisse, in die Lage versetzen, nicht nur sie, sondern durch sie oder mit ihnen Welt zu begreifen. Das eine wie das andere ist problematisch und bleibt empirisch oft uneingelöst, gerade auch im Fach.
Es gibt jedoch exemplarische Fälle, in denen das ästhetische Verstehen zugleich Weltverstehen darstellt. Für Ulrich Schödlbauer hat diese Frage gleichsam die Sache seines Denkens bezeichnet. Er ist 1982 in Heidelberg mit einer Arbeit über Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre promoviert worden, die den einschlägigen Titel Kunsterfahrung als Weltverstehen trägt. Nach Lehraufträgen in Erlangen und Eichstätt ist er 1985 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an die FernUniversität gekommen und hat sich 1991 mit der Arbeit Entwurf der Lyrik habilitiert. 1994 wurde sie publiziert, eine damals noch unerfahrene Nachwuchskraft rezensierte sie (sehr positiv) für das Fachorgan Arbitrium. Als dieser inzwischen nicht mehr so junge Wissenschaftler namens Uwe Steiner 2012 an die FernUniversität berufen wurde, fand es sich, dass Ulrich Schödlbauer an seinem Institut tätig war. Inzwischen war er hier zum außerplanmäßigen Professor ernannt worden und hatte, das war auf den ersten Blick erkennbar, das Institut, sein Profil in Lehre und Forschung und die Fakultät zutiefst geprägt. Dass der Bachelor Kulturwissenschaften und der Master Europäische Moderne seinerzeit in immensen Kraftakten gestemmt werden und dadurch auch das damals gefährdete Institut für Neuere deutsche Literatur bewahren helfen konnten, das ist das Verdienst vieler Köpfe an der FernUniversität gewesen, maßgeblich auch das Ulrich Schödlbauers. Mit seiner immensen Produktivität, ablesbar an zahlreichen Studienbriefen und Lehrtexten, hat er die Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften mitgestaltet. Als ich ihn hier auch persönlich näher kennenlernen durfte, offenbarte sich mir ein ästhetisches und intellektuelles Profil, das seinesgleichen suchte. Schödlbauer hat sich nie vor dem Zeitgeist gebeugt. „Man muß den Leuten aufs Maul schauen statt auf die Theorien“, heißt es in einem seiner Texte. Er war nicht nur Wissenschaftler, er war, vielleicht in erster Linie, Schriftsteller und Publizist. Sein Œuvre umfasst Romane, Lyrik, Prosa und Essayistik. Und er war ein Pionier auf dem Gebiet der Netz-Philologie und der Internet-Publizistik. Lange bevor ein buzz-word wie Digital Humanities immer vernehmlicher zu brummen beginnen sollte, hatte er sich in Programmiersprachen eingearbeitet, um vernetzte Darstellungsformen von Literatur, Essayistik und Kulturkritik online abzubilden. Seit 2002 gab er das Jahrbuch für europäische Prozesse IABLIS heraus, das von 2008 an und bis 2022 im Netz erschien. Hier, und in den verschwisterten Plattformen GLOBKULT, GRABBEAU und ACTA LITTERARUM wurden immer die Proben aufs Exempel der wechselseitigen Durchdringung von Kunst- und Weltverstehen vorgenommen. Schödlbauers Blick auf die gelehrten und intellektuellen (beides ist nicht dasselbe) Ansprüche, aus der Kompetenz für ästhetische Gebilde Ansprüche auf die Durchdringung oder gar Kritik von Kultur und Gesellschaft im Ganzen abzuleiten, war ein skeptischer Blick. Einen solchen wirft auch der Erzähler Schödlbauer auf seine Gegenstände, so seine Erzählung Hiero (2010) auf die Illusionen und Desillusionen des akademischen Betriebs der späten 1970er Jahre. Als Schödlbauer 2015 die FernUniversität in den Ruhestand verließ, war das kein solcher. Vielmehr steigerte er, der immer schon stupend Produktive, seine Schreib- und Publikationstätigkeiten noch einmal. Gleich zwei Bände unter dem Titeln Entfesselte Schrift und Die Grenzen der Welt versammelten 2018 und 2021 viele seiner Essays. Unter dem Titel Macht ohne Souverän beschrieb er 2019 die „Demontage des Bürgers im Gesinnungsstaat“. Noch jüngst, im Sommer 2025, erschien ein Clandestino betitelter Band mit jüngsten Erzählungen. Sein literarisches opus magnum Die versiegelte Welt ist im Netz zu lesen. Dessen Möglichkeiten der Darstellung und Formung nutzt dieser vielfach verschlungene und ebenenreiche Roman auf höchst innovative, immer wieder überraschende Weise.
Ulrich Schödlbauer war ein Autor, ein Erzähler, Lyriker und Essayist von seltenen Gnaden, und er war ein Gelehrter immensen Formates, eine Ausnahmeerscheinung in der Universität, heute vielleicht mehr denn je. Er verstand die Welt, weil er ästhetische Gebilde verstand, und er verstand diese, weil er Welt verstand. Am 25. November 2025 ist er in Berlin gestorben. Wir werden seinen unbestechlichen Blick, seine humane Skepsis und seine leise Ironie schmerzlich vermissen.
Uwe Steiner
Hybrider Leseabend von Gretchen Dutschke und Cornelia Dildei, Berlin und online, 19.11.2025
Campus Berlin der FernUniversität in Hagen
Gretchen Dutschke-Klotz im Interview mit Cornelia Dildei: Auf stacheligen Wegen zur Befreiung – Immer wieder Aufbruch und Neuanfang. Lesung und Gespräch über Lebensstationen einer tapferen Frau.
Ein Leseabend am Campus Berlin der FernUniversität mit Gretchen Dutschke-Klotz und Dr. Cornelia Dildei. In die Thematik wird Prof. Peter Brandt einführen. Der Abend wird von Frau Claudia Scheel moderiert.
Gretchen Dutschke ist eine Person der Zeitgeschichte. Als solche sind schon viele Texte über sie und auch von ihr geschrieben worden, in erster Linie in ihrer Rolle als Ehefrau und Mitstreiterin von Rudi Dutschke, der Ikone und Lichtgestalt der 68er-Bewegung, welche die Bundesrepublik seit Ende der 1960er Jahre entscheidend herausgefordert, geprägt und verändert hat.
Im Gespräch mit Cornelia Dildei, die von Hause aus eigentlich Fachtierärztin für Lebensmittel ist und nun als Rentnerin seit zwei Jahren an der FernUniversität Geschichte studiert, berichtet Gretchen Dutschke, wie sie dieses, auch abenteuerliche Leben wahrgenommen hat, welche Rolle äußere Umstände, eigener Wille und auch der Zufall gespielt haben.
In dem Buch, das vorgestellt wird, geht es erstmals ausschließlich um Gretchen Dutschke selbst, als Tochter aus evangelikalem Elternhaus, als neugierige und aufsässige Schülerin am College, als Zugezogene aus den USA mit frischem, unverbrauchtem Blick auf das Deutschland der Nachkriegszeit, als Forscherin, Autorin, Umwelt-, Frauen- und Menschenrechtsaktivistin und nicht zuletzt als Privatperson, als Frau, Mutter und Großmutter. Immer wieder hat sie dabei ihren Lebensmittelpunkt zwischen den USA und Europa gewechselt, immer wieder neu angefangen.
Als Leserinnen und Leser erleben wir sie als reflektierte Zeitgenossin in ihrer Reise durch 80 Jahre Leben, die auch acht Jahrzehnte Zeitgeschichte spiegeln.
Zur Anmeldung im Campus Berlin
Das Menschliche und der „große Mann“. Eine Lesung aus Thomas Manns Lotte in Weimar mit Kriszti Kiss und Peter Schütze, Hagen, 20.11.2025
Universitätsbibliothek der FernUniversität in Hagen
Ellipse, Gebäude 3, Campus Hagen
20.11.2025, 18:00 Uhr
Teilnahme kostenfrei
Es war eines der fünf Bücher, die man von Thomas Mann unbedingt lesen sollte: der im Exil verfasste Roman Lotte in Weimar. Thomas Mann selbst, geflohen vor den Nationalsozialisten und bedrückt von den Ereignissen, die zum Weltkrieg führten, nahm stets engagiert zu diesen Stellung. Das geht auch in den Roman ein, für dessen Niederschrift er aber auch versuchte, sich gegen die bedrohliche Wirklichkeit abzuschirmen. Er benötigte, mit großen Abständen, etwa drei Jahre dafür. Die eigene demokratische Gesinnung, die Kritik am „Deutschtum“ unterstellt er auch seiner Romanfigur Goethe, in der er sich spiegelte und die er mit vielen eigenen Zügen ausstattete.
Aus Anlass der 150. Wiederkehr seines Geburtstages (am 6. Juni 1875 in Lübeck) lädt die FernUni mit Blick auf ihr eigenes 50. Jubiläum zu einer Lesung aus diesem bedeutenden Werk ein.
Workshop
Weihnachtsfilme lesen 5: Weihnachtsmänner, Hagen und online, 13.-14.11.2025
Am 24. Dezember 1951 wird in Dijon vor den Augen von Hortkindern der Weihnachtsmann aufgehängt und verbrannt – eine Protestaktion des Klerus gegen die zunehmende und am Weihnachtsmann festgemachte Paganisierung des christlichen Weihnachtsfestes. Claude Lévi-Strauss beschreibt dieses erstaunliche Ereignis 1952 in seinem Essay „Der gemarterte Weihnachtsmann“ und fragt davon ausgehend nach den sozialen Funktionen des Weihnachtsmannes. Lévi-Strauss stellt dabei fest, dass der Weihnachtsmann einerseits die Grenze zwischen Kindern (die an ihn glauben) und Erwachsenen (die nicht an ihn glauben) markiert. Andererseits dient der Weihnachtsmann, so Lévi-Strauss, der Auseinandersetzung mit dem Jenseits.
All diesen und weiteren Implikationen des Weihnachtsmannes wie etwa seiner Funktion als Vaterfigur sowie Aspekten des Glaubens und des Konsums widmen wir uns mit dem fünften Workshop der Reihe „Weihnachtsfilme lesen“. Unsere bisherige Auseinandersetzung mit dem transgenerischen Phänomen des Weihnachtsfilms aus medienästhetischen und kulturtheoretischen Perspektiven legt nahe, dass der Figur des Weihnachtsmannes für den Weihnachtsfilm eine besondere Bedeutung zukommt. Gefragt wird nach verschiedenen Entwicklungen und Ausformungen der Weihnachtsmannfigur von ihren filmgeschichtlichen Anfängen (MIRACLE ON 34TH STREET von 1947 etwa) bis hin zur aktuellen Darstellung des Weihnachtsmannes durch eine Frau in der Netflixproduktion BEST. CHRISTMAS. EVER! (2023).
Mit welchen kulturellen Phantasmen und Sehnsüchten ist der Weihnachtsmann aufgeladen? Inwiefern stellen Weihnachtsfilme Verbindungen zwischen dem Weihnachtsmann und Kindheit her? Welche Funktionen können Weihnachtsmann-Figuren für das Erzählen von Weihnachten haben? Wie werden an der Figur des Weihnachtsmannes Fragen von gender und race verhandelt? Inwiefern geht es dabei auch um Konzepte von Männlichkeit, Vaterschaft und/oder Familie? Welche Zusammenhänge ergeben sich zwischen dem Weihnachtsmann und der kapitalistischen Dimension des Festes? Welche Rolle spielen dabei unterschiedliche Dimensionen des Glaubens, auch in Bezug auf die „Echtheit“ des Weihnachtsmannes?
Der Workshop findet am 13. und 14. November 2025 als Hybridveranstaltung in der FernUniversität in Hagen sowie online statt. Eine Übernahme der Fahrt- und Übernachtungskosten ist geplant. Veranstaltet wird der Workshop von Prof. Andrea Geier (Universität Trier), Jun.-Prof. Irina Gradinari (FernUniversität in Hagen) und PD Dr. Irmtraud Hnilica (FernUniversität in Hagen).
Vortrag von Dr. Peter Vignold: „MAGA-Cinema: Propaganda, Populismus und Metapolitik im evangelikalen Film“, online, 3.11.2025
Im 1975 erstmalig erschienenen „7 Mountain Mandate“ skizzierten US-amerikanische Evangelikale die Notwendigkeit und Bedeutung einer Einflussnahme auf die kulturelle Sphäre für die Erlangung einer konservativ-christlichen Hegemonie. 2025 hat sich eine evangelikale Filmindustrie abseits von Hollywood institutionalisiert, die Jahresumsätze im dreistelligen Millionenbereich erwirtschaftet, über Filmschulen ebenso wie über eigene Streamingplattformen verfügt und ihre Filme weltweit vermarktet. Neben „familienfreundlicher Unterhaltung“, Bibelfilmen und „inspirational dramas“ über Glaube und Vergebung produzieren Studios wie Pure Flix/Pinnacle Peak seit den 2010er immer regelmäßiger Filme, die durch den Anschluss an populäre (Sub-)Genres wie Action (Jerusalem Countdown, 2011; Beckman, 2020) oder dystopische Science Fiction (Revelation Road-Trilogie, 2013-2015) erhöhte Sichtbarkeit für christlich-konservative Inhalte und Themen zu erzeugen versuchen. „Pro-Life“-Dramen, geschichtsrevisionistische Historienfilme oder religiöse Dramen wie die fünfteilige Gott is nicht tot-Reihe hingegen sind von ihrem politischen Mobilisierungspotential gekennzeichnet. Was diesen Filmen gemein ist, ist ihre intensive Diskursivierung des Verhältnisses von christlicher Religion und US-Politik, wobei (weiße) Christ:innen in den USA als politisch verfolgte Minderheit inszeniert werden – bedroht von der Trennung von Kirche und Staat, von einer übergriffigen Politik und vor allem vor dem staatlichen Bildungssystem.
Der Vortrag beleuchtet ausgewählte Pure Flix/Pinnacle Peak-Produktionen vor dem Hintergrund der Fragestellung, inwieweit sich diese Filme als Teil eines umfassenderen metapolitischen Projekts der Neuen Rechten fassen lassen.
Jahrestagung FSP digitale_kultur
DIGITALE W/ENDEN. DIS/KONTINUITÄTEN DIGITALER KULTUR, Hagen & Dortmund, 27.-28.11.2025
Organisation:
- Valentin Boczkowski (Dortmunder U)
- Dennis Möbus (FernUniversität in Hagen)
- Robert Schulz (FernUniversität in Hagen)
Kooperation:
- FSP digitale_kultur (FernUniversität in Hagen)
- Digitale Kultur (Dortmunder U)
Veranstaltungsort:
- 27.11.: Dortmunder U | Leonie-Reygers-Terrasse | 44137 Dortmund
- 28.11.: FernUniversität in Hagen (Gebäude 2) | Universitätsstr. 33 | 58097 Hagen
Anmeldungen an: d-k
Wird dem Wort ‚ENDE‘ ein unscheinbares ‚W‘ vorangestellt, kehrt sich die Bedeutung zwar nicht in ihr Gegenteil, jedoch ändert sich die Dynamik der Denkfigur drastisch: Die starre Abgeschlossenheit des ENDES verliert ihre Substanz, stattdessen offenbart sich die Prozessualität der WENDE, die einer vermeintlichen Finalität Zukunftshorizonte entgegensetzt. Mit einem ebensolchen Eingriff wird ein Spannungsverhältnis eröffnet, in das die Jahrestagung des FSP digitale_kultur DIGITALE W/ENDEN. DIS/KONTINUITÄTEN DIGITALER KULTUR interveniert.
Die Tagung findet in Kooperation mit dem Fachbereich Digitale Kultur im Dortmunder U statt, um dem umwälzenden Potential nachzuspüren, das sich im Digitalen verbirgt. Ausgehend von dem künstlerischen, experimentellen und musealen Rahmen des Dortmunder U eröffnen sich Fragen sowohl nach räumlichen Bezügen des Digitalen sowie kuratorische Fragen des ‚Beleuchtens‘ und damit auch ‚In-Erscheinung-bringens‘. Die Projekte page21, das Digitale Koproduktionslabor und das Fulldome-Kino im Dortmunder U arbeiten gemeinsam mit Künstler*innen an neuen Schnittstellen von Kunst, Kultur, Storytelling und technologischer Innovation. Zudem werden der Hartware MedienKunstVerein, das Storylab KiU sowie die Akademie für Theater und Digitalität an der Tagung partizipieren.
Neben der Kooperation mit dem Dortmunder U wird beiden Forschungsgruppen des Forschungsschwerpunkts digitale_kultur Rechnung getragen, indem die FG Digitalisierung – Verkörperung – Subjektivierung und die FG digital humanities: Forschen im digitalen Raum mit ihrem je spezifischen Vokabular auf DIGITALE W/ENDEN antworten und so nicht nur in einen interdisziplinären Dialog treten, sondern selbst mit ihren jeweiligen Perspektivierungen Wendungen vollziehen.
Programm
Tag 1: Dortmunder U
| 10:00 h | BEGRÜSSUNGGrußworte:
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| 10:30 h | W/ENDE OFFEN: KUNST UND WISSEN(SCHAFT) IM DIGITALENKeynote:
Moderation:
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| 11:15 h | PAUSE |
| 11:30 h | STAGING AI. |
| 12:30 h | MITTAGSPAUSE |
| 13:30 h | RAGEQUIT AGAINST THE MACHINEResidency 1 des Dortmunder U
Szenische Forschung zu Grenzüberschreitungen im Netz Moderation:
YOU AND I ARE I AND YOUResidency 2 des Dortmunder U
Künstlerische Forschung zu Deep Fakes Moderation:
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| 14:15 h | PAUSE |
| 14:30 h | CREATIVE CODING ALS KUNSTWorkshop: Koproduktionslabor Mit:
DIGITALE ERZÄHLWELTENWorkshop: page21 The Farewell - Erinnerung formen mit Körper, Sprache und 3D-Scan Mit:
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| 15:30 h | KURATORISCHE W/ENDEN IN DIGITALEN KULTURENTalk
Moderation:
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| 16:00 h | AUSSTELLUNGSBESUCHOrt: Hartware MedienKunstVerein (Etage 3 und 6) Kurzbesuch GENOSSIN SONNE |
| 16:30 h | PAUSE |
| 17:00 h | DIGITALE W/ENDEN IM THEATER Residency 3 der Akademie für Theater und Digitalität Forschungsimpuls von:
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| 17:30 h | ELEKTRONISCHES KONTINGENZTHEATER – XR VISIONEN FÜR IMMERSIVE, INTERAKTIVE THEATERFORMATE KiU-Talk des Storylab Storylab KiU / FH Dortmund
Moderation:
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| 19:00 h | BREAK |
| 20:00 h | DIGITALE W/ENDEN DER MUSIK Ort: Koproduktionslabor Digitale Soundexploration des DJ-Duo A2ICE & B03 (Lex Rütten & Jana Kerima Stolzer) |
Tag 2: FernUniversität in Hagen
| 09:30 h | VERSTEHEN IM VOLLZUG DIGITALER W/ENDENSelbstverständnisse über das Verstehen in digitaler Kultur |
| 10:00 h | KÜNSTLERISCHE FORSCHUNG UNTER BEDINGUNGEN DIGITALER W/ENDENPodiumsdiskussion mit Residencies des Dortmunder U Moderation:
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| 10:45 h | PAUSE |
DEN BLICK AN/WENDENDoppelvortrag Moderation:
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| 11:00 h | SUTURE YOURSELF! Pt. 1
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| 11:20 h | SUTURE YOURSELF! Pt. 2
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| 11:40 h | GEMEINSAME DISKUSSION |
| 12:00 h | DIGITAL SITUIERT. |
| 12:30 h | PAUSE |
W/ENDEN DER ERINNERUNGSARBEITPanel Moderation:
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| 13:30 h | ENDE DER ZEITZEUG:INNENSCHAFT? |
| 14:00 h | (E)MOTION SICKNESS WARNING: |
| 14:30 h | LEBENSSPEICHER. ZEUG:INNENSCHAFT UND ZEITLICHKEIT IM ZEITALTER DES SMARTPHONES
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| 15:00 h | VERABSCHIEDUNG |
Interdisziplinäre Tagung der Forschungsgruppe Figurationen von Unsicherheit
Bedrohungen, Berlin, 20.-21.11.2025
Die Forschungsgruppe Figurationen von Unsicherheit fragt nach den historisch variablen Strukturen, Mechanismen und Kulturtechniken, mittels derer Gesellschaften Unsicherheiten hervorbringen, thematisieren und bearbeiten. Es gehört heute zur alltäglichen Erfahrung, in Zeiten diverser Umbrüche zu leben (vgl. Vormbusch et al. 2025: 10). Der Weltuntergang beim Millenniumwechsel fand zwar in der Realität nicht statt, jedoch beständig in Filmen, Serien und Romanen. In den Medien herrscht ein apokalyptischer Ton: Wir leben, so scheint es, am Ende der Zeiten und der Welten, in Erwartung baldiger und vollständiger Selbstzerstörung. Krise wird zum Dauerzustand erklärt. Ob politische Umwälzungen, Flucht, Krieg, die zwischenzeitlich verdrängte atomare Bedrohung, Finanzkrisen, Pandemien, Desinformation, neuartige Technologien algorithmischer Steuerung oder künstlicher Intelligenz: Die Gegenwart wird von abstrakten und konkreten, diffusen und pointierten, beispiellosen wie imaginierten und realen Bedrohungen durchdrungen, die wir zwar vor allem aus den Medien kennen, die sich aber auf gesellschaftliches Handeln, Subjekte und ihre Politik auswirken. Und es ist eine offene Frage, ob alle reaktiven oder präventiven Maßnahmen hier Abhilfe schaffen oder ob sie gar die Wahrnehmung diffuser Bedrohungslagen nicht unnötig verstärken.
Bedrohungen analytisch wie theoretisch zu reflektieren ist das Anliegen unserer Abschlusstagung. Sowohl auf individueller wie auch kollektiver Ebene verstärken sich diffuse Gefühle von Unsicherheit und führen zu einer verstärkten Wahrnehmung von zum Teil ganz alltäglichen Dingen der Welt als abstrakte Bedrohung: Türklinken könnten Infektionsherde sein, die Drohen am Himmel Teil von hybrider Kriegsführung, der Nachbar ein Gefährder. Dabei spielt der Begriff der kollektiven Imagination eine zentrale Rolle, denn solche Vorstellung breiten sich schnell aus. Bedroht werden wir von etwas, das noch nicht eingetreten ist und möglicherweise nie eintreten wird, aber das wir uns vorstellen können, um vorbereitet zu sein. Figuren wie der Prepper treten auf den Plan und das Geschäft mit Atombunkern, die jetzt auch Viren abhalten sollen, boomt.
Die Abschlusstagung soll Bedrohungen aus verschiedenen interdisziplinären Perspektiven in den Blick nehmen. Beitragsvorschläge können sich beispielsweise an den folgenden Feldern ausrichten:
- Das sind erstens auf zukünftige Zustände oder Entwicklungen bezogene Bedrohungsszenarien, die auf den verschiedensten Gebieten erstellt werden und jenseits der scientific community auf eine sensibilisierte und alarmierte Öffentlichkeit treffen. Insbesondere durch Überzeichnung und überschießende Imagination werden unerwünschte Rückkopplungseffekte erzeugt, möglicherweise aber auch ein emotionaler Mehrwert in Form von Angstlust erzielt.
- Das sind zweitens latente Bedrohungen, die von bestimmten Orten bzw. Räumen ausgehen. Das gilt besonders von Nicht-Orten, d.h. Zwischen- und Übergangsräumen verschiedenster Provenienz, jene Zonen und Sperrgebiete, in denen die geltenden Regeln und Gesetze keine Kraft und Gültigkeit haben und andere möglicherweise an ihre Stelle getreten sind. Hier spielt die kollektive Imagination seit jeher eine besondere Rolle: Etwas, was schon da ist, wird zur gleichsam faszinierenden Bedrohung für die Zukunft.
- Das sind drittens epistemische Bedrohungen sowohl im Verhältnis zwischen Wissen und Unwissen als auch in der wissenschaftlichen bzw. politischen Praxis, die das Wissen/Unwissen gezielt für Manipulationszwecke einsetzen. Der Aspekt der Bedrohung (und zum Teil der kollektiven Imagination) ist hier ein doppelter: Auf der einen Seite steht das verunsichernde Unwissen von Phänomenen, auf der anderen Seite die entsprechende Einsicht in die Manipulierbarkeit aktueller Wissensbestände, aber auch psychologischer Dispositionen. Schlagworte für letzteres sind: Mind Control, Gaslighting oder Programmierung, die über Literatur und Film in das kulturelle Gedächtnis eingegangen sind, deren empirischer Nachweis jedoch problematisch oder gar unmöglich ist.
Literatur
Vormbusch, Uwe; Niehaus, Michael; Fechner, Fabian; Risthaus, Peter; Noji, Eryk (2025): Einleitung, in: Dies. (Hg.): Glossar der Unsicherheit, Berlin: Neofelis, S. 9-15.
Kontakt: eryk.noji
Programm (PDF)
Hybrid-Workshop
Vergiftetes Gender? Was es bedeutet, wenn Männlichkeit oder Weiblichkeit ‚toxisch‘ genannt werden, Nürnberg/online (09.10.–10.10.2025)
Campusstandort Nürnberg der FernUniversität in Hagen
Was ist toxisch am Gender? Worin besteht das Gift? Wie weichen toxische Strategien der Männer von jenen der Frauen ab und was hat das ggf. mit Genderrollen zu tun? Eine toxische Männlichkeit, so ließe sich vermuten, zeige sich eher durch Dominanz und Missachtung anderer Personen, während toxische Weiblichkeit durch geheuchelte Freundlichkeit, subtilere Formen von Machtmissbrauch und intrigantes Verhalten gekennzeichnet sei. Aus welcher Perspektive wird überhaupt von Toxizität gesprochen? Wird mit dem Begriff womöglich eine Natur von Geschlechtern oder Geschlechterbeziehungen suggeriert? Ist toxisches Gender Ausdruck einer Genderobsession?
Interessanterweise kann das, was in einer genderkritischen Perspektive oft als toxisch dargestellt wird, denken wir an das Genderverhalten in kanonisierten Werken wie Kleists „Marquise von O...“ oder Lessings „Emilia Galotti“, textimmanent entweder das Gegenteil eines schädlichen Verhaltens oder gar als eine heroische Form der Geschlechtlichkeit gelten. Etwas ahistorisch als „toxisch“ zu benennen, ist immer eingebunden in die Geschlechterdiskurse, die den Begriff hervorbringen, nicht in die, welche historisch als bindend galten.
An sowohl affirmierenden als auch subversiven Geschlechterdiskursen besitzt Literatur ihren maßgeblichen Anteil. Welchen Anteil sie am Diskurs über toxisches Gender hat, das möchten wir synchron und diachron, textimmanent wie kontextübergreifend prüfen.
Auf welche Weisen und in welchen Kontexten führt oder antizipiert Literatur Diskurse der Toxizität?
Was genau wird damit bezeichnet?
Welche strukturellen Merkmale liegen vor, wenn etwas als toxisch beschrieben wird? Worin liegt der Gewinn, dies zu tun? Wer profitiert, wer nicht?
Bezeichnet der Begriff spezifisches Genderverhalten? Widersetzt sich toxisches Verhalten herkömmlichen Genderrollen oder affirmiert es diese?
Welche Rolle spielt Heteronormativität in diesem Kontext?
Sind es die Figuren, Männer, Frauen oder Diverse, die als toxisch annonciert werden, oder sind es die Figurenensembles, Kontexte, geschlechtliche Sozialisationen usw.?
Welche Rolle spielen die Opfer für die jeweilige Täterschaft und andersherum? Wie bezieht sich der Begriff auf Kategorien von Gewalt und Unterwerfung?
9. Oktober 2025: Abendvortrag
Christoph Kucklick: Ohne Toxifizierung kein Gender. Über die radikale Vergiftetheit einer Denkform
10. Oktober 2025: Keynote
Toni Tholen: Negative Männlichkeit. Zur Genese und Aktualität einer Figuration moderner Männlichkeit
Zum Flyer mit Programm (PDF 6 MB)
Interessierte dürfen sich gerne bei Lynn Richter (lynn.richter) melden, um die Zoom-Zugangsdaten zu erhalten.
Konzept und Organisation: Prof. Dr. Katja Kauer, Prof. Dr. Uwe Steiner, Dr. Wim Peeters, Lynn Richter, B.A.
Ringvorlesung Wintersemester 2025/26
Ende(n) der Natur? Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf „Natur“
Die Unterscheidung zwischen „Natur“ und „Kultur“ ist in ihrer Bedeutung für die Ausbildung der europäischen Moderne kaum zu überschätzen. Sozialanthropologische und historische Forschungen zeigen indessen, dass es bei dieser Unterscheidung nicht um die begriffliche Abbildung von etwas „Vorfindlichem“ geht, sondern vielmehr um ein bestimmtes Selbstverständnis des Menschen angesichts einer spezifisch modellierten Umwelt, die als „Natur“ angesprochen wird. Nicht zuletzt lässt auch die Klimakrise dieses Selbstverständnis des Menschen und „seiner“ Natur fraglich werden. Die Ringvorlesung thematisiert das Verhältnis von Natur und Kultur aus geschichtswissenschaftlicher, literaturwissenschaftlicher und philosophischer Perspektive, um den vielfältigen Verflechtungen des Begriffspaares nachzuspüren.
Programm
20.10.2025
Dominik Collet (Oslo): KlimaGeschichte. Verflechtungsgeschichten der Kleinen Eiszeit
10.11.2025
Solvejg Nitzke (Bochum): Flora Postapokalyptica: Das grüne Ende der Welt
08.12.2025
Markus Wild (Basel): Die anthropologische Differenz: natürlich oder kulturell?
12.01.2026
Thomas Wozniak (Klagenfurt): Heuschrecken, Hochwasser und Tsunamis im Frühmittelalter
23.02.2026
Simone Schröder (Berlin): Nature Writing
09.03.2026
Rebekka Hufendiek (Ulm): Die menschliche Natur: empirisch oder ideologisch?
Eine Anmeldung ist erforderlich. Nach erfolgreicher Anmeldung erhalten Sie NACH Ablauf der Anmeldefrist den Zoom-Link.
Organisationsteam: Dr. Jessica Güsken, Prof. Dr. Martin Lenz, Prof. Dr. Jürgen Nagel, Prof. Dr. Michael Niehaus, Prof. Dr. Peter Risthaus, M.A. Isabelle Sarther, Prof. Dr. Felicitas Schmieder, Dr. Daniel Schubbe-Åkerlund, Prof. Dr. Uwe Steiner
Historisches Institut
Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft
Institut für Philosophie
Arbeitsbereich Digitale Transformation in Kultur und Gesellschaft
Arbeitsstelle Kulturwissenschaftliche Grundlagen
Zum Webflyer mit allen Informationen (PDF 631 KB)
Das „Mitgebrachte“ aktivieren
Foto: FernUniversitätDie Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften der FernUniversität in Hagen hat ihre erste Honorarprofessur vergeben: Hon.-Prof. Dr. Martin Kiel wird künftig eng mit dem Lehrgebiet Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Mediengeschichte zusammenarbeiten.
Mit der FernUni ist Martin Kiel vertraut: Schon als Schüler arbeitete er in den Ferien an der FernUni, studierte später während des Wehrdienstes hier. In der Geschichts- und Bildungswissenschaft hat Kiel bereits Workshops gegeben, über seine Rolle als Feldvernetzer für Weiterbildung und regionalen Transfer im Forschungsschwerpunkt Arbeit – Bildung – Digitalisierung von 2022 bis 2024 ist er ebenfalls an der Uni rumgekommen. „Mich interessieren insbesondere die heterogenen Studierenden der FernUni. Da geht es viel um Fragen, wie binden wir deren Erfahrungen und Vorwissen – das Mitgebrachte – ein.“
Impulse für die Literaturwissenschaft
„Es ist eine Chance, auch in der Literaturwissenschaft neue Wege zu gehen, auch mal neue Formate und thematische Bezüge umzusetzen“, sagt Lehrgebietsinhaber Prof. Peter Risthaus. KSW-Dekan Prof. Michael Stoiber gratulierte Martin Kiel zur Honorarprofessur: „Sie haben den Bezug zur FernUni und zur Stadt, Sie sind in einem Fach verortet, bringen Interesse und Kompetenzen mit.“
Als wissenschaftlicher Direktor eines Think Tanks berät und begleitet er Unternehmen zu den Themen Innovation und Transformation. Eine Rückbindung an eine Universität oder Hochschule hat der Hagener Kiel stets gehalten: Lehr- und Forschungstätigkeiten haben ihn quer durch die Republik – von Münster über Bochum und Magdeburg bis Berlin – und nach New Mexico/USA geführt.
Studiert hat Kiel in Bochum, Ende der 80er Jahre: Biologie, Germanistik, Philosophie, Archäologie und Kunstgeschichte. 1995 promovierte er in Germanistik – immer schon mit dem Fokus auf u.a. kulturwissenschaftliche Strategieentwicklung und Narration, digitale Transformation und investigative Ästhetik. Schwerpunkte, die ihn bis heute prägen.
Korb für einen Jahrhundertroman
1960 cancelte der Bremer Senat einen Literaturpreis für Günter Grass‘ „Blechtrommel“. Was steckte dahinter? Studierende begaben sich auf Spurensuche in den Archiven der Hansestadt.
Eigentlich hat sich der Literaturpreis der Stadt Bremen seit seiner Gründung 1954 einen guten Ruf erarbeitet: Bisher zeichnete der Senat bekannte Größen aus, etwa Ingeborg Bachmann, Ernst Jünger oder Paul Celan. 1960 soll sich ein weiterer erfolgreicher Autor einreihen: Günter Grass, der ein Jahr zuvor mit seinem Roman „Die Blechtrommel“ für Aufsehen gesorgt hat. Doch zur Vergabe des Preises kommt es nicht. Der Senat der Hansestadt stellt sich gegen die Jury-Entscheidung; Grass erhält keine Auszeichnung – angeblich aus „moralischen Gründen“. Ein Skandal in der Literaturszene der Bundesrepublik, der die Jury düpiert zurücklässt und den Preis als kulturelle Institution ramponiert. Erst 1962 kommt es zu einer Neuformierung. Der Zensur bezichtigt, sorgt der Senat dafür, dass der Literaturpreis fortan von einer unabhängigen Stiftung vergeben wird.
Soweit die medial bekannte Erzählung. In Bremen schlummert jedoch noch mehr Hintergrundwissen zur historischen Blamage: Für die FernUniversität in Hagen öffneten jetzt das Staatsarchiv und das Günter-Grass-Medienarchiv ihre Pforten. Studierende der Kultur- und Literaturwissenschaft folgten im Rahmen eines Exkursionsseminars, geleitet von Prof. Dr. Peter Risthaus (Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Mediengeschichte), der Einladung – um am Grass-Beispiel mehr über Archivarbeit zu lernen.
Persönliche Verbindung
Eine der Teilnehmenden war Kerstin Herrnkind, Studentin im literaturwissenschaftlichen Master an der FernUni. (FernUni-Porträt über Kerstin Herrnkind) Eine akribische Spurensuche in den Katakomben des Bremer Staatsarchivs? Für die renommierte Journalistin und Buchautorin ein Pflichttermin: „Ich hatte einen persönlichen Grund, am Seminar teilzunehmen.“ Denn von 1995 bis 1999 arbeitete Herrnkind als Redakteurin für die taz in Bremen. In dieser Zeit führte sie eines der letzten Interviews mit Annemarie Mevissen zum Thema „Frauen in der Politik“.
Mevissen war von 1967 bis 1975 stellvertretende Regierungschefin der Hansestadt. 1960, zur Zeit des Grass-Skandals, war sie als Jugendsenatorin tätig. Damals schoss sich die öffentliche Debatte vor allem auf ihre Person ein. „Die Presse hatte sie damals für den Skandal haftbar gemacht“, so Herrnkind. Die gängige Erzählung: Mevissen habe die Auszeichnung der Blechtrommel aus Gründen des Jugendschutzes abgelehnt. Eine Episode, über die die SPD-Frau im taz-Interview mit Herrnkind jedoch nicht sprechen wollte – was die junge Journalistin damals zwar akzeptierte, „aber wissen, was dahintersteckt, wollte ich eigentlich schon.“ Die Exkursion im Fernstudium brachte eine neue Wendung für Herrnkind: „Jetzt hatte ich endlich die Chance, mehr über den Skandal zu erfahren.“
„Armselig um deutsche Literatur bestellt“
„Wir durften mit den Originalen arbeiten“, erzählt Herrnkind. „Wir haben wirklich die kompletten Akten zur Verleihung des Literaturpreises zu sehen bekommen – inklusive des Senatsprotokolls.“ Die Recherche in den originalen Dokumenten ergab für die Literaturstudentin schließlich ein weitaus differenzierteres Bild, als gemeinhin kolportiert. Bürgermeister Wilhelm Kaisen war zwar der Ansicht, dass der Senat „nicht über künstlerische Werte urteilen“ könne, gab aber zu bedenken, dass der Senat der Verfassung verpflichtet sei und die „Sittlichkeit und die Menschlichkeit“ beachten müsse, zitiert Herrnkind eine Passage. Sie hat sich das Protokoll abgescannt. Weiter zitiert sie Senator Dr. Georg Borttscheller, der meinte, „die in der ,Blechtrommel’ anstößigen Stellen“ seien „vielleicht nicht schädlich“, allerdings sei das „keine Literatur mehr, die vom Staat durch eine Preisverleihung gefördert werden dürfe.“
Senator Dr. Wilhelm Nolting-Hauff hielt die „Grenze zur Pornografie“ für „überschritten“. Senator Alfred Balcke warnte gar: „Ein solches Werk könne nicht vom Senat ausgezeichnet werden. Wäre einer solchen Arbeit ein Welterfolg sicher, sei es armselig um die deutsche Literatur bestellt.“ Senator Karl Eggers schickte voraus, dass er „noch keine Gelegenheit gehabt“ habe, das Buch zu lesen, wies jedoch „grundsätzlich“ darauf hin, „dass es nicht Aufgabe des Senats sein könne, über die Moral der Bürger zu wachen.“ Eggers war damals gerade Wirtschaftssenator geworden – und von Hause aus Schmied. „Er war einer der wenigen Nichtakademiker und hat meiner Meinung nach die vernünftigste Meinung vertreten“, sagt sie.
Überraschend ausgewogene Meinung
Und Annemarie Mevissen? War die öffentliche Kritik an ihr berechtigt? Wirkte die damalige Jugendsenatorin tatsächlich als wesentliche Triebfeder? „Mevissen sagte, sie hätte den Roman zur Hälfte gelesen und sei ungewöhnlich gepackt gewesen. Sie habe keine Zweifel daran, dass das Buch auf dem Wege in die Weltliteratur sei. Die Jury habe ein richtiges Urteil gefällt.“ Mevissen stellte auch klar, dass Grass keine „Kritik an menschlichen Dingen“ übe, sondern „seine Hauptperson in die Abnormität der Zeit“ stelle. Der Roman lasse „keine Identifizierung von Gut und Böse zu.“ Einige Stellen schienen ihr allerdings „geradezu pervers“, sagte sie und gab zu bedenken, dass es passieren könne, „dass die Kommission für jugendgefährdende Schriften fordere, den Band auf die Liste der Bücher zu setzen, die nicht in die Hände Jugendlicher gehörten.“
Daher Mevissens vorsichtige Empfehlung: Der Senat solle sehr wohl erwägen, ob einem Schriftsteller ein staatlicher Preis für ein solches Werk verleihen werden könne.“ Herrnkind: „Das ist eine eher differenzierte Meinung, die Annemarie Mevissen im Senat geäußert hat. Als Jugendsenatorin meinte sie vielleicht, dass es ihre Pflicht sei, darauf hinzuweisen. Dass vor allem sie dann als Frau und Jugendsenatorin am Ende von der Presse verhaftet wurde, war für mich als Studentin der Literatur- und Medienwissenschaft sehr interessant.“
Handeln aus Loyalität?
Auch Mevissens Verschwiegenheit im taz-Interview erklärt sich für Herrnkind jetzt: „Ich glaube nun zu verstehen, warum Frau Mevissen über die Sache nicht mehr reden wollte. Sie war ihren Senatskollegen gegenüber loyal. Hätte sie mit mir darüber gesprochen, hätte sie Farbe bekennen müssen – und die teils viel schärferen Meinungen der übrigen Senatoren offenbaren müssen.“ Herrnkind freut sich, durch die wissenschaftliche Brille im FernUni-Seminar Einblicke bekommen zu haben, die ihr als Journalistin bislang verwehrt waren.
„Der Blick ins Archiv lohnt sich“, rät sie daher Mitstudierenden, die noch auf Themensuche, zum Beispiel für Abschlussarbeiten, sind. Persönlich komplettierte sich für Kerstin Herrnkind das bislang noch unvollständige Bild von Mevissen: „Ich muss sagen, Hochachtung vor dieser Frau und ihrer Loyalität.“ Karriere machte die SPD-Politikerin übrigens ungeachtet des Skandals: 1967 ging sie als erste Bürgermeisterin in die Stadtgeschichte ein.
Zum Roman Die Blechtrommel (1959)
Der Debütroman von Günter Grass erzählt von Oskar Matzerath, der im Alter von drei Jahren beschließt, nicht mehr zu wachsen. Mit einer Blechtrommel als lautstarkem Ausdrucksmittel verarbeitet und kommentiert er seine Erlebnisse während Nationalsozialismus und Nachkriegszeit in Danzig. In der noch jungen Bundesrepublik sorgten die scharfen Beobachtungen und expliziten Darstellungen im Buch für Gesprächsstoff, viele fühlten sich durch den Inhalt provoziert. Auch wegen seiner Sprengkraft zählt das Werk noch heute zu den einflussreichsten deutschen Romanen des 20. Jahrhunderts.
Vorstellung des „Glossars der Unsicherheit“ bei der Leipziger Buchmesse 2025
Prof. Dr. Uwe Vormbusch hat das im Rahmen der Forschungsgruppe Figurationen von Unsicherheit entstandene „Glossar der Unsicherheit“, hg. von dems., Prof. Dr. Michael Niehaus, Dr. Fabian Fechner, Prof. Dr. Peter Risthaus und Dr. Eryk Noji, im Forum „Die Unabhängigen“ bei der Leipziger Buchmesse vorgestellt.
Einen Videomitschnitt finden Sie hier.
Filmpremiere und Podium, hybrid: Theorie|Apparate. Episode 03: IoT, Kontrolle & Gewalt, 16.04.2025, 16–18 Uhr
Die Möglichkeit ein selbstbestimmtes Leben zu führen hängt in weiten Teilen auch davon ab, das Wissen und die Kontrolle über die digitalen Technologien in unserem Alltag zu behalten. Gerade im Zusammenhang mit digitalen Apparaten sind Wissen und Kontrolle allerdings weithin ungleich verteilt.
Der FSP digitale_kultur hat sich im Rahmen der dritten Episode der wissenschaftlichen Interview-Filmreihe Theorie|Apparate daher sowohl mit den Problemen als auch den emanzipatorischen Potenzialen des Internet of Things befasst. Anhand von Interviews mit der Mediensoziologin Prof. Nicole Zillien (Universität Koblenz), dem Bildungswissenschaftler Dr. Max Waldmann (FernUniversität in Hagen) und dem Informatiker Dr. Martin Degeling (Freelancer für AI Forensics & ISD Global) beleuchten wir die komplexe technische Infrastruktur von IoT und Sprachassistenzen und widmen uns aus wissenschaftstheoretischer Perspektive den Fragen danach, ob Sprachassistenzen spezifischen Geschlechterskripten folgen und ob ihnen vor dem
Hintergrund der aktuellen KI-Revolution eine eigene Handlungsträgerschaft zugesprochen werden muss – auch im Kontext von digitaler Gewalt.
In Kooperation mit den Wissenschaftsgesprächen der Fakultät KSW laden wir online und vor Ort zur Premiere des Films ein. Nach dem Screening wird es ein Podium und die Möglichkeit geben, mit Expert*innen und Beteiligten des Films zu diskutieren.
Podiumsgäste:
- Prof. Dr. Dagmar Hoffmann, Professorin für Medienwissenschaft – Medien und Kommunikation / Gender Media Studies, Universität Siegen
- Dr. Max Waldmann, PostDoc im Lehrgebiet Bildung und Differenz, FernUniversität in Hagen
- Axel Nattland, Geschäftsbereichsleitung Educational Technology & Medienproduktion, ZLI, FernUniversität in Hagen
- Jan Groos, Produzent des Podcasts www.futurehistories.today
Begrüßung: Prof. Dr. Peter Risthaus, Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Mediengeschichte, FernUniversität in Hagen
Organisation & Moderation: Dr. Thorben Mämecke, Wissenschaftlicher Geschäftsführer FSP digitale_kultur
Projektwebsite: www.theorie-apparate.de
Veranstaltungsflyer (PDF 587 KB)
Online-Willkommensveranstaltung am 28. April 2025, 18 Uhr
Sehr geehrte Studierende,
am Montag, den 28. April 2025 um 18 Uhr möchte das Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft Sie in einer Online-Veranstaltung willkommen heißen. Nach einer allgemeinen Begrüßungs- und Informationsrunde wird es im zweiten Teil diverse Breakout Sessions geben, in denen spezifische Informationen für verschiedene Zielgruppen angeboten werden. Hier haben Sie auch die Gelegenheit, persönliche Anliegen mit uns zu besprechen und Ihre Mitstudierenden schon mal ein wenig kennenzulernen.
Wir freuen uns auf die erste (wenn auch nur digitale) Begegnung mit Ihnen im Sommersemester 2025.
Die Veranstaltung findet online bei Zoom statt. Hier alle Zugangsdaten:
Link zum Raum: https://fernuni-hagen.zoom-x.de/my/helgek?pwd=UlYzTE9ib0laVXMvelJwYTFlencxQT09
Meeting ID: 215 991 3197
Kenncode: 89658559
Hinweise zum Datenschutz und den Nutzungsbedingungen finden Sie hier: https://wiki.fernuni-hagen.de/helpdesk/index.php/Zoom:_Rechtliches
Weitere Informationen zu Zoom an der Fernuniversität in Hagen unter https://wiki.fernuni-hagen.de/helpdesk/index.php/Zoom
Fachtagung „Kasseler Komik-Kolloquium: Komik und Arbeit“
(2. bis 4. April 2025, Kassel)
Humorwissenschaftliche Tagung im Rahmen des Literaturfestivals „Komische Woche” in Kassel
'Aperitivo' mit Jun.-Prof. Dr. Irina Gradinari am 14.02.2025, 19 Uhr
Foto: PrivatSehr geehrte Studierende,
hiermit lade ich Sie ganz herzlich zu einer weiteren Ausgabe unserer Online-Veranstaltungsreihe ‚Aperitivo mit...‘ ein. Mit dem Format, wollen wir Ihnen die Möglichkeit geben, in entspannter Atmosphäre ein Mitglied des Instituts im persönlichen Austausch besser kennen zu lernen. Sie können unseren Gast alles zur Berufsorientierung, zum akademischen Werdegang, zu den Schwerpunkten in der Lehre, den aktuellen Forschungsinteressen oder den akademischen Selbstverwaltungsaufgaben fragen. Darüber hinaus können Sie Ihre Anliegen oder Sorgen bezogen auf das Studium direkt loswerden.
Am 14. Februar 2025, 19 Uhr ist Jun.-Prof. Dr. Irina Gradinari unser Gast.
Sie ist im Lehrgebiet Neuere deutsche Literatur und Medienästhetik als Juniorprofessorin für literatur- und medienwissenschaftliche Genderforschungtätig. In Ihrer Forschung zeichnet sie sich über das Genderthema hinaus auch als Filmexpertin aus. Sie ist Mitinitiatorin der Reihe „Weihnachtsfilme lesen“ und veröffentliche zwei Monographien zum Thema „Kinematografie der Erinnerung“ (Wiesbaden: Springer 2020 und 2021). Ihr letztes Buch „Feministische Blicktheorien und ihre Folgen“ ist 2024 beim LIT Verlag in Münster erschienen.
Moderation Dr. Wim Peeters
Die Veranstaltung findet online in Zoom statt: https://fernuni-hagen.zoom.us/j/8332438483?pwd=S1ZGSEV1M0ltK3JUU2F1QXJEaFBOdz09
Meeting-ID: 833 243 8483
Kenncode: 27749173
Weitere Informationen zu Zoom an der Fernuniversität in Hagen unter https://wiki.fernuni-hagen.de/helpdesk/index.php/Zoom
Doktorandenkolloquium, 6. Februar 2025
Veranstaltung des Instituts für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft
FernUniversität in Hagen
Universitätsstr. 11, 58097 Hagen,
Geb. 3, Raum H 004
6. Februar 2025, 10:00 – ca. 21:00 Uhr
Livestream via Zoom
Zum Flyer (PDF 192 KB)
Kontakt / Anmeldung:
Dorothea Rehmus-Fittje
FernUniversität in Hagen
Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft
Lehrgebiet Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Medienästhetik
- 10.00 – 10.45 Ann-Kathrin Klassen:
Die Darstellung von Krieg und organisierter Gewalt in Texten der Gegenwartsliteratur – Eine narratologische Untersuchung der Kinderperspektive (Betreuer: Uwe Steiner) - 10.45 – 11.30 Anja Lindner:
Sandmänner, Obscuranten und Dichter. Horizonte ästhetischer und intellektueller Gruppenbildung im studentischen Milieu der Landshuter Romantik (Betreuer: Michael Niehaus) - 11.45 – 12.00 Pause
- 12.00 – 12.45 Andreas Knorr:
Wahrheit und Nützlichkeit. Untersuchungen zum utilitaristischen Prinzip in Texten von Bertolt Brecht (Betreuer: Peter Risthaus) - 12.45 – 13.45 Mittagspause (Mensa)
- 13.45 – 14.30 Elisabeth Rung (per Zoom zugeschaltet):
Krisennarrative im digitalen Zeitalter: Medien, Ideologien und der Wandel der Öffentlichkeit (Betreuerin: Irina Gradinari) - 14.30 – 15.15 Daniel Figueroa:
Iteratives Erzählen in autobiographischen Texten (Betreuer: Michael Niehaus) - 15.45 – 16.15 Pause
- 16.15 – 17.00 Stefan Ludwig:
Die Geburt des Autors im Vorwort. Zur Poetologie deutschsprachiger Romane während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts (Betreuer: Uwe Steiner) - 17.00– 17.45 Hans Schmidt (per Zoom zugeschaltet):
Genre, Gender und Race in zeitgenössischen Filmen (Betreuerin: Irina Gradinari) - 17.45 – 18.00 Pause
- 18.00 – 18.45 Daniel Schaumann:
„Im Heer der Heimatlosen‘. Die Fremdenlegionsliteratur im langen 19. Jahrhundert und ihre besondere Form der literarischen Genrebildung.(Betreuer: Michael Niehaus) - 19:15 Gemeinsames Abendessen