Habilitationsprojekte

Auf dieser Seite stellen wir Ihnen die Habilitationsprojekte unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor.

Dr. Mareen Heying

„Sozialraum im Milieu. Kneipen als Orte von Alltag, Politik und Subkultur der europäischen Arbeiterklasse, 1870 bis 1930“

Im Zuge der expandierenden Industrialisierung entstanden ab dem 19. Jahrhundert Arbeiterviertel in europäischen Städten. Diese Viertel waren heterogene soziale Räume, deren Bewohner/-innen sich hinsichtlich ihrer sozialen Position innerhalb der Arbeiterklasse, nach (regionaler) Herkunft, Alter und Geschlecht unterschieden. Die Alltagskultur dieser Räume steht im Zentrum des Habilitationsvorhabens.

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In städtischen Arbeitervierteln herrschte auf der einen Seite eine Form von Eintönigkeit und Enge, zugleich fanden dort ein kollektives und kulturelles Leben, ein politischer Austausch und eine Subkultur statt. Zentraler Raum für Arbeiter war hier die Kneipe/Pub/Bar, die daher im Zentrum der Analyse steht. Die Arbeiterkneipe war ein bedeutender und zugleich ambivalenter Ort. Sie war ein Zwischenraum zwischen Arbeitsort und Zuhause, sie bot einen wichtigen Raum gegen die Enge vieler Wohnungen und war ein Ort des Alltags. Zudem war die Kneipe ein Ort der Kommunikation und der politischen Agitation, aber auch ein Ort, an dem sich Versuche der Sozialdisziplinierung innerhalb des Untersuchungszeitraumes spiegeln, was u. a. durch polizeiliche Verbote und Regulierungen von Vergnügen sichtbar wird. Denn die Gestaltung oblag nicht den Arbeiter/-innen selbst; gesetzliche Normen und Ordnungen bestimmten die Viertel. Zudem zeigen die zeitgenössischen bürgerlichen Diskurse über Arbeiterviertel und ihre Subkultur, welche Vorstellungen von einer vermeintlich unzivilisierten und gefährlichen Arbeiterklasse existierten.

In Anlehnung an Edward P. Thompson wird die Arbeiterklasse als ein „historisches Phänomen“ verstanden. Die Entwicklungsprozesse von Klasse und Klassenbewusstsein basieren auf Ereignissen, Erfahrungen und sozialen Beziehungen von konkreten Individuen und lassen sich historisch rekonstruieren. In den Blickpunkt der Untersuchung rücken nicht soziale Kategorien, sondern die Arbeiter/-innen als Akteur/-innen mit ihren Handlungsweisen. Dies beinhaltet einen Blick auf Identitäten wie Geschlecht, Herkunft und Religionszugehörigkeit, welche die Heterogenität der Klasse unterstreichen. Zugleich formiert sich eine Klasse nicht nur über die Verständigung untereinander, sondern auch in der Auseinandersetzung mit entgegengesetzten Interessen anderer. Um diese Heterogenitäten zu benennen, werden Arbeiterviertel und deren Kneipen in verschiedenen Industriestädten untersucht.

Dr. Sibylle Marti

„Unsichtbar und unsicher. Geschichte informeller Arbeit im langen 20. Jahrhundert“

Das Habilitationsprojekt ist im Bereich der neuen, kultur- und globalhistorisch orientierten Arbeitsgeschichte angesiedelt. Trotz virulenter gesellschaftlicher Debatten über die zunehmende Informalisierung und Prekarisierung von Arbeit stellt die Geschichte informeller Arbeit einen bislang vernachlässigten Gegenstand dar. Dies ist dadurch bedingt, dass lange Zeit die Herausbildung und Entwicklung der kodifizierten Lohnarbeit im Vordergrund historischer Studien stand. Mein Habilitationsprojekt leistet somit einen Beitrag zu einem weitgehend unerforschten Thema.

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Es untersucht die Grenzziehungen zwischen formalisierter und nicht formalisierter Arbeit und nimmt jene Akteure, Diskurse und Praktiken in den Blick, die informelle Arbeit seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert problematisierten, politisierten und skandalisierten und Wissen über solche Arbeitsformen hervorbrachten. Mit Fallbeispielen zu Deutschland bzw. der BRD in transnationaler Perspektive verbindet das Forschungsprojekt die Analyse eines lokalen Beispiels, das Auseinandersetzungen und Anwendungen im nationalstaatlichen Rahmen in den Blick nimmt, mit der Untersuchung von Debatten und Standardisierungen auf internationaler Ebene.

Dr. Arndt Neumann

Karl Ernst Osthaus. Zwischen klassischer Moderne und deutschem Kaiserreich

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In dem Leben und Wirken des Hagener Mäzens Karl Ernst Osthaus (1874-1921) überlagerten sich zwei Stränge. Zum einen gehörte er zu den wichtigsten Förderern der entstehenden modernen Kunst und Architektur. Nur wenige andere Sammler, Galeristen und Museumsdirektoren verfügten im frühen 20. Jahrhundert über ein ähnlich dichtes Netz an Beziehungen. Unter anderem stand Osthaus mit Paul Cézanne, Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner, Oskar Kokoschka, Peter Behrens, Bruno Taut, Walter Gropius und Le Corbusier in Kontakt. Zum anderen verdichteten sich in seiner Biographie die zentralen gesellschaftlichen Umbrüche des deutschen Kaiserreichs. Die rasante Industrialisierung und Verstädterung, der sich radikalisierende Nationalismus und Antisemitismus, die wachsenden kolonialen Ansprüche und Fantasien sowie das zunehmend lebensreformerisch geprägte Verhältnis zu Körperlichkeit und Sexualität schlugen sich allesamt in seinem Lebensweg nieder. Bislang hat sich die Forschung vor allem mit der Bedeutung von Karl Ernst Osthaus für die moderne Kunst und Architektur auseinandersetzt. Sein über den Bereich der Hochkultur hinausgehendes gesellschaftspolitisches Wirken wurde, wenn überhaupt, nur am Rande untersucht. An diesem Punkt setzt das Habilitationsprojekt an. Es strebt an die beiden verschiedenen lebensgeschichtlichen Stränge zusammenzubringen. Ausgehend von einem biographischen Zugang wirft es die Frage auf, in welchem kulturellem, politischem, sozialem und wirtschaftlichem Kontext der Aufstieg der modernen Kunst begann.

Wahlbrinck | 17.03.2020