eLecture Series 2023
Affekte, Gefühle & Digitalität
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Die eLecture Series des Forschungsschwerpunktes digitale_kultur ist ein fortlaufendes Veranstaltungsformat, das dem öffentlichen Austausch über aktuelle digitalitätstheoretische Themen dient. Es setzt sich zusammen aus einem Vortrag von Wissenschaftler*innen aus dem FSP oder externen Gästen und einer anschließenden, moderierten Diskussion.
Wird die Sentenz, dernach Daten das neue Öl des Informationszeitalters sind, auf soziale Medien zugespitzt, lässt sich pointieren, dass es insbesondere Daten über Affekte und Gefühle sind, die diese komplexen Systeme antreiben und gleichzeitig durch sie befeuert werden. Eskalative Hassdynamiken, die Prädiktion und Vermarktung von Angstmustern oder das Perpetuieren der immergleichen Weltanschauungen können die Folge sein. Abseits davon ermöglichen sie aber auch neue Führsorgebeziehungen oder ethnografische Einfühlungsmöglichkeiten.
eLectures
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- mit Dr.'in Mareike Meis
- Organisation: Jun.-Prof.'in Dr. Jennifer Eickelmann
Abstract
In meinem Vortrag werde ich mich auf die speziellen Herausforderungen medialer Phänomene in einer digitalisierten Gegenwart als wissenschaftlichen Gegenstand konzentrieren und die Denkfigur der Diffraktion als möglichen Ausgangspunkt für eine Forschungsperspektive vorstellen, die in der Lage ist, diesen methodisch und analytisch zu begegnen. Anhand verschiedener Beispiele aus meiner Forschung werde ich einen mediensensitiven und nutzer*innenzentrierten Zugang verfolgen, den man unter dem Begriff diffraktiver Ethnografien fassen kann. Dieser Zugang ermöglicht es das Zusammengreifen von Medienästhetiken, sozio-kulturellen Kontexten, politischen, ökonomischen und rechtlichen Verfasstheiten und technologischen Voraussetzungen in der Erscheinung von medialen Phänomenen in einer digitalisierten Gegenwart zu betrachten und das Hervorbringen bestimmter Wahrnehmungen von und Erfahrungen mit Medien im Sinne einer lived reality of in unterschiedlichen sozialen Kontexten (insb. in Konflikten, Kriegen und Krisen) zu beschreiben. Insbesondere möchte ich mich hierbei auf zwei Gegenstände meiner aktuellen Forschung fokussieren und zur Diskussion stellen: die Nutzung von Witnessing Apps in internationalen Strafermittlungen und die Einführung digitaler Zeugenbeweise in die internationale Strafgerichtsbarkeit, und der Einsatz von Internet-Memes als humorvolle Waffe im digitalen Informationskrieg im Russland-Ukraine-Konflikt.
Mareike Meis ist Senior Researcher und Direktorin des NOHA Master’s Programme in Internationaler Humanitärer Hilfe am Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht (IFHV) der Ruhr-Universität Bochum (RUB). Als promovierte Medienkulturwissenschaftlerin konzentriert sie sich in ihrer aktuellen Forschung auf die Ästhetik und die Politiken digitaler Technologien und sozialer Medien in Kriegen, Konflikten und Krisen sowie auf die Rolle digitaler Medien in der internationalen Strafgerichtsbarkeit. Sie verbindet hierbei feministische Theorien und dekonstruktivistische Ansätze mit (medien-)ethnografischen Methoden und Perspektiven.
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- mit Sebastian Bruchhaus
- Organisation: Dr. Thorben Mämecke
Abstract
Der Vortrag stellt einige gebräuchliche Verfahren und Prinzipien maschinellen Lernens (ML) und künstlicher Intelligenz (KI) vor, ohne dabei Kenntnisse in höherer Mathematik oder der Programmierung von Computern vorauszusetzen. Vielmehr bespricht er Kernideen, so dass auch Nichtinformatiker einen Blick in die „black box“ KI werfen können. Dabei geht es schwerpunktmäßig darum, die Möglichkeiten und Herausforderungen von KI einzuordnen. Die populären künstlichen neuronalen Netze spielen allerdings einmal nicht die Hauptrolle, sondern werden im Kontext der vielfältigen Methoden von ML betrachtet. Es werden z.B. auch die mächtigen „Gradient-Boosted Decision Trees“ sowie Bayessche Verfahren vorgestellt. Besprochen werden außerdem einige sehr alte, noch offene Fragen der KI-Forschung, die Ursachen des erneuerten Interesses an KI sowie aktuelle Trends. Zu Letzteren zählen etwa „Foundation Models“ wie ChatGPT, „Quantum ML“ und erklärbare KI.
Sebastian Bruchhaus ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lehrgebiet Datenbanken und Informationssysteme an der FernUniversität, das seit Beginn der zweiten Förderphase ebenfalls zum FSP zählt. Sein Dissertationsprojekt dreht sich um den Bau von vertrauenswürdigen KI-Anwendungen unter der Überschrift „Trustability Analytics“.
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mit Prof. Dr. Rainer Mühlhoff
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Organisation: Dr. Thorben Mämecke
Abstract
Die Verbreitung von Big Data und Künstlicher Intelligenz ist – so die These – mit einem epistemologischen Umbruch verbunden: eine Spielart von Wissens- und Wahrheitsproduktion, die man "prädiktives Wissen" nennen könnte, wird immer dominanter und bedeutungsvoller. Im Vortrag werde ich dieses prädiktive Wissen abgrenzend charakterisieren und mit Blick auf seine ökonomische Verwobenheit mit innovativen Technologien und Geschäftsmodellen beleuchten. Ich werde diese Wissensspielart als Machtspielart untersuchen und auf damit verbundene ethische und sozialphilosophische Probleme eingehen. Insbesondere die Frage nach kollektiver Verantwortung wird dabei neu gestellt.
Prof. Rainer Mühlhoff leitet den Forschungsbereich Ethik und kritische Theorien der Künstlichen Intelligenz am Institut für Kognitionswissenschaft der Universität Osnabrück. Mit seinem Team forscht er zu ethischen Fragen rund um KI, Datenschutz, Big Data, Macht und Mitbestimmung. Ein aktuelles Paper im Journal Big Data and Society findet sich hier.
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- mit Prof. Dr. Cornelius Puschmann (Universität Bremen)
- Organisation: Dr. Thorben Mämecke
Abstract
Das Internet hat neben anderen Gesellschaftsbereichen auch den Zugang zu Nachrichten und tagesaktuellen Informationen nachhaltig verändert. Im Zuge einer starken Diversifikation der Nachrichtenquellen und einer wachsenden Rolle algorithmischer Intermediäre erhalten auch Alternativmedien mehr Sichtbarkeit, die z.T. politisch extreme Positionen vertreten und Falschinformationen verbreiten. In meinem Vortrag gehe ich auf erste Ergebnisse einer Mehrmethodenstudie ein, die quantitative und qualitative Aufschlüsse über Einstellung und Soziodemographie von habituellen NutzerInnen von Alternativmedien gibt.
Cornelius Puschmann ist seit 2019 Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft mit dem Schwerpunkt Digitale Kommunikation am ZeMKI, Universität Bremen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Nachrichtennutzung, Desinformationen in den sozialen Medien sowie automatisierte Analysemethoden.
Weitere Informationen finden Sie hier.
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- mit Prof.'in Dr. Olga Shparaga
- Organisation: Prof. Dr. Felix Ackermann
Abstract
Welcher Zusammenhang besteht im frühen 21. Jahrhundert zwischen Praktiken der Fürsorge und digitalen Technologien? In meinem Vortrag bringe ich empirische Phänomene wie #MeToo oder die besonders von Frauen geprägten Massenproteste in der Republik Belarus im Spätsommer 2020 zusammen, um zu untersuchen, welche digitalen Technologien als Infrastrukturen der Fürsorge genutzt werden können. Während #MeToo einen Anstoß gegeben hat, die geschlechtsspezifische Diskriminierung in Arbeitsverhältnissen in den Blick zu nehmen, haben digitale Praktiken der kollektiven Selbstdarstellung und Vernetzung belarussischer Frauen und queerer Menschen während der Proteste des Jahres 2020 geholfen, horizontal und fürsorglich zu agieren. Dadurch erreichten sie neue Kreise und es gelang ihnen soziale Gruppen zur Teilnahme am gesellschaftlichen Aufstand zu motivieren, die zuvor jenseits der politischen Sphäre im scheinbar Privaten ausgeharrt hatten.
Der Vortrag ist Teil des Nachdenkens über die Stärkung der Positionen einer Ethik der Fürsorge. Es geht von der Konzeption zwischenmenschlicher Beziehungen als Netz gegenseitiger Abhängigkeiten aus und stellt diese der Vorstellung selbst-genügender unabhängiger Individuen gegenüber, auf deren Existenz Moraltheorien noch immer weitgehend gründen. Die zwischenmenschlichen, rational-emotionalen Beziehungen, die durch Asymmetrien von Alter, Gender und verschiedenen sozialen Positionen vorgeprägt sind, stehen im Mittelpunkt der Ethik der Fürsorge. Stellt man diese Beziehungen in den Mittelpunkt, führt das nicht nur zu einer alternativen Ethik, sondern auch zu einer anderen sozialen und politischen Ontologie, die ihr Augenmerk auf Infrastrukturen fürsorglicher Unterstützung von sehr unterschiedlichen Menschen aus dem Schatten der sogenannten Privatssphäre befreit und dadurch das Verständnis der Sphäre des Öffentlich-Politischen transformiert.
Auch der Begriff des Selbst wird aus dieser Perspektive ausgehend von den Erfahrungen im Umgang mit neuen digitalen Technologien neu gedacht. Fürsorgliche Verhältnisse schließen die Selbstsorge auch in Zeiten des Internets nicht aus. Sie suchen aktiv nach einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Selbst- und Fürsorge. Ohne eine Balance zwischen beiden bleiben viele (vor allem weibliche) Subjekte und ihre Praktiken marginalisiert und die soziale Ontologie wird weiter von den Gegensätzen Autonomie vs. Heteronomie, Öffentlich vs. Privat, Individualwohl vs. Gemeinschaftswohl, Rationalität vs. Emotionalität und zusätzlich von Geschlechterdualismen zerrissen.
Olga Shparaga (geb. 1974, in Minsk) ist eine belarussische Philosophin und politische Aktivistin, die als Vordenkerin der Proteste in der Republik Belarus gilt. Sie lebt derzeit im Exil in Wien (https://www.iwm.at/fellow/olga-shparaga).
Olga Shparaga studierte an der Belarusischen Staatlichen Universität (BSU, Minsk) und an der Ruhr-Universität Bochum Philosophie. Im Jahr 2001 hat sie ihre Doktorarbeit an der BSU bei Vladimir Fours über die phänomenologische Erkenntnistheorie verteidigt. Sie lehrte von 2005 bis 2014 als Associate Professor am Humanities Departement der Belarusischen Exiluniversität European Humanities University in Vilnius. Von 2014 bis 2021 leitete sie als Professorin den Lehrstuhl für Gegenwartsgesellschaft, Ethik und Politik am European College of Liberal Arts in Belarus in Minsk (ECLAB), das sie 2014 mitgegründet hat.
Zwischen 2000 und 2020 war sie auch aktiv in Minsk und Belarus als Co-Organisatorin von öffentlichen Diskussionen und Projekten im Bereich der sozial-und politisch kritischen Gegenwartskunst, als auch der Förderung des europäischen kulturellen Austausches, u.a. als Co-Leiterin des Projektes „Europäisches Café: öffentliche Vorlesungen und Diskussionen“.
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- mit Prof.'in Dr. Eva Weber-Guskar
Abstract
Die Datenschutzgrundverordnung (kurz: DSGVO) der Europäischen Union gilt seit fünf Jahren und wird nicht selten als weltweit vorbildhaft gelobt. Sie ist ausdrücklich durch die Bestrebung motiviert, die „Privatsphäre“ von Personen zu schützen. Das entspricht der in der Gesellschaft und auch in der philosophischen Ethik weit verbreiteten Auffassung, dass die Privatsphäre bzw. Privatheit ein schützenswertes Gut ist. Gefühle gelten in der Regel als ein Paradebeispiel für etwas, das man privat halten möchte. Bisher werden Gefühlsdaten in dieser Verordnung jedoch nicht eigens berücksichtigt. Angesichts der rasanten Entwicklung des Affective Computings, das die digitale Erfassung von Gefühlen ermöglicht, kann man das zumindest für erstaunlich halten. In der wenigen wissenschaftlichen Literatur, die es bisher dazu gibt, wird dieser Umstand auch bemängelt. Ich möchte mit diesem Vortrag dazu beitragen, zu klären, warum welche Gefühlsdaten tatsächlich nicht von der Verordnung erfasst werden und Gründe diskutieren, die dafür sprechen könnten, das zu ändern. Nach einer Erläuterung der rechtlichen Situation und der normativen Intuition gebe ich einen kurzen Einblick in die theoretischen Grundlagen der Philosophie der Gefühle einerseits und des Affective Computing andererseits, um vor dem Hintergrund dann zu erörtern, ob und wenn ja, wie weit Gefühlsdaten zu den schützenswerten Daten gezählt werden sollten.
Eva Weber-Guskar ist Heisenbergprofessorin für Ethik und Philosophie der Emotionen am Institut für Philosophie der Ruhr-Universität Bochum. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen u.a. Fragen von Zeit und Zeitlichkeit in Theorien des guten Lebens; Ethik der Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz (hier insbesondere philosophische und ethische Fragen zum Affective Computing) sowie die Philosophie der Emotionen.
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- mit Dr.'in Katerina Krtilova (Züricher Hochschule der Künste)
Abstract
„Im Dialog der medienphilosophischen Kritik der ‚algorithmischen Vernunft‘ (Mersch) einerseits und der Auseinandersetzung mit der unberechenbaren performativen Dimension digitaler Medien (Leeker, Salter) andererseits schlägt der Vortrag vor, Praktiken des (De-)Codierens der Welt zur jüdischen und christlichen Reflexion der ‚Heiligen Schriften‘ zurückzuverfolgen. Im Kontext eines Projektes zur Genealogie der Medienreflexion als religiöser Praxis werden dabei die Verschiebungen im Umgang mit dem ‚heiligen‘ Medium Schrift zwischen dem Vollzug von Ritualen, dem ‚Prozessieren‘ symbolischer Systeme und Hermeneutik im Mittelpunkt stehen, im Spannungsfeld der ‚Buchreligionen‘ und heutiger Medienphilosophie und Kulturtechnikforschung"
Katerina Krtilova ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsschwerpunkt Ästhetik an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK)und aktuell Gastprofessorin am Institut für Theater-, Film-, und Medienwissenschaft der Universität Wien.Sie forscht zu Themen der Medienphilosophie, Medientheorie und Ästhetik sowie zum Verhältnis von Performativität, Medialität und Reflexivität in der Philosophie des 20. und 21. Jahrhunderts.