eLecture Series 2021
Digitale Souveränität & Infrastruktur

Platzhalter eLectures silber blau Band Abbildung: AdobeStock

Die eLecture Series des Forschungs­schwer­punktes digitale_kultur ist ein fortlaufendes Veranstaltungs­format, das dem öffentlichen Austausch über aktuelle digitalitäts­theoretische Themen dient. Es setzt sich zusammen aus einem Vortrag von Wissenschaftler*innen aus dem FSP oder externen Gästen und einer anschließenden, moderierten Diskussion.

Vor dem Hintergrund der Intransparenz algorithmischer Systeme, ihrer Datenflüsse und Speicherorte werden immer wieder Forderungen nach mehr Souveränität laut. Dabei versammelt der Begriff viele unterschiedliche Problembereiche und Lösungsvorstellungen, die nicht sämtlich darauf ausgerichtet sind, Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit zu steigern, sondern auch Konkurenzdenken und nationale Protektionismen bergen können


eLectures

    • mit Julia Grillmayr

    Abstract

    „Science fiction is the realism of our time“, betont der Autor Kim Stanley Robinson immer wieder in Interviews und Artikeln, die nach der zeitgenössischen Relevanz des Genre fragen – und er wird dadurch bestätigt, dass danach inzwischen immer öfter und auch von renommierten Journals wie Nature gefragt wird. Oft geht dieses Statement mit der Beobachtung einher, dass sich Realität und Alltagssituationen zunehmend ‚science-fiktionaler‘ gestalten. Robinson ist einer der bekanntesten zeitgenössischen SF-Autor*innen und allen voran mit dem Subgenre der Climate Fiction verbunden. Die auf Klimawandel und hoffnungsvolle Post-Apokalyptiken spezialisierte CliFi zählt nicht allein deshalb unumstritten zur Science Fiction, weil sie in eine (meist nahe) Zukunft blickt, sondern auch deshalb, weil sie diese Phänomene besonders eindrücklich darstellen kann. Das Global Warming wir hier als Global Weirding wahrnehmbar. Die bizarren, oft katastrophischen Wetterphänomene des Anthropozäns sind wissenschaftlich erklärbar, was sie aber nicht weniger unheimlich macht. Wer könnte solche Situationen besser fassen als die Science Fiction, die sich einer gewissen Wissenschaftlichkeit verpflichtet und gleichzeitig die überraschendsten und bizarrsten Welten erschafft? Vor dem Hintergrund dieser Beobachtung werden zwei Textformen immer öfter miteinander verquickt: Szenarios, kurze Gebrauchstexte, die von Futurist*innen und Technikfolgeabschätzer*innen mithilfe spezieller Methodiken geschrieben werden, und die Science Fiction-Literatur, die eine Kunstform ist, sich aber seit ihrem Bestehen gerne auf futurologische Ansprüche einlässt.

    Anhand von zeitgenössischen Beispielen eines explizit science-fiktionalen Szenario-Schreibens, beleuchtet der Vortrag die Medienspezifik dieser Textform. Dazu zählt der unklar definierte aber emphatisch geäußerte Anspruch, dass Literatur die aktuelle Situation nicht allein abbilden, sondern zu einem Umdenken und Handeln bewegen soll.

    Julia Grillmayr ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin sowie Journalistin. Sie forscht in dem Projekt "Science Fiction, Fact & Forecast" zu Szenario-Techniken in zeitgenössischer Science Fiction-Literatur und Futurologie und unterrichtet zu Literaturtheorie und kritischen Posthumanismen an der Universität Wien und der Kunstuniversität Linz.

    • Sebastian Posth

    Abstract

    Wir sind Zeugen eines Epochenwechsels: Nach Jahrhunderten der Enteignung von Urhebern und Rechteinhabern durch Nachdrucker, Verleger, Reproduktions- und Vervielfältigungs-Apparate, Plattformen und Piraten erfährt die Frage des (geistigen) Eigentums ausgerechnet im Kontext der digitalen Medien, Identitäten und Signifikanten eine neue Wendung – sozusagen aus dem Geiste limitierter, wenn auch zugleich unbeschränkt verfügbarer Cryptokätzchen, mit denen der aktuelle Hype um die sogenannten NFTs begonnen hat.

    Protokolle und Technologien wie Blockchain, kryptographisches Hashing und Public-Key-Kryptographie ermöglichen es digital zu signieren und sich dadurch bestimmte Rechte und Identitäten anzueignen. Die digitale Signatur ist Zeichen einer neuen Autorität und der Kontrolle über eine dauerhafte und unlösbare Bindung, welche Identitäten und Selbstbeschreibungen, Werke und Metadaten miteinander zu verknüpfen vermag. Dadurch entsteht auch eine anderer Typ von Souveränität zwischen Dingen und Subjekten.

    Sebastian Posth hat nach seinem Studium der Deutschen Literaturwissenschaften und Philosophie mehr als 15 Jahre als Unternehmer den digitalen Wandel der Medienindustrien aktiv mitgestaltet. Der Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit – als Promovent an der Universität Siegen und als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Internet-Sicherheit der Westphälischen Hochschule – liegt auf der Erforschung der technischen Grundlagen und Standards für die Dezentralisierung in den Kultur- und Kreativwirtschaften und Blockchain-Governance.

    • mit Prof'in Dr. Anna Tuschling

    Abstract

    Lange Zeit galten Computer und digitale Medien als körperferne Technologien, die entweder der reinen Erkenntnisgewinnung (in der Frühzeit der Großrechner) oder der textbasierten und sprachlichen Unterhaltung und Verständigung (im Zeitalter des PCs und frühen Internets) dienten. Seit etwa einer Dekade wird jedoch unübersehbar, dass Affektivität in der digitalen Kultur ein Schlüsselthema darstellt.
    Digitale Medien lösen nicht nur heftige Reaktionen - positiver wie negativer Art - aus, sondern ihre Allgegenwart und ihr fortlaufender Gestaltwandel machen sie zu affektiven Objekten in unserer Lebenswelt.
    In Form von Wearables, Implantaten, Uhren und Trackern sind uns Digital Devices „auf den Leib gerückt“, um körperbezogene Daten zu erfassen, Stimmungen aufzuzeichnen und expressive Reaktionen auszuwerten. Menschliche Affekte in verkörperter Form sind kurzum zum Gegenstand der technischen Erkennung und Verarbeitung geworden, wie sie in den Projekten des Affective Computing und der emotionalen KI vorangetrieben werden.
    Am Beispiel des Affective Computing diskutiert und problematisiert der Vortrag, was als „Affektivität" in der digitalen Kultur verhandelt und verarbeitet - und dabei auch ausgelassen - wird.

    Anna Tuschling ist Inhaberin des Lehrstuhls für Theorie, Ästhetik und Politiken digitaler Medien am Institut für Medienwissenschaften der Ruhr-Universität Bochum. Im Rahmen der Lecture wird sie am Beispiel des Affective Computing und sog. "emotionaler KI" diskutieren, was allgemein als „Affektivität" in der digitalen Kultur verhandelt wird und was der Begriff in der Regel nicht umfasst.

    • mit Prof'in Dr. Petra Gehring

    Abstract

    „Infrastruktur“? Jedenfalls im Digitalbereich scheint das derzeit nahezu alles zu sein. So gibt es gute Gründe, über die im Digitalzeitalter eingetretenen Veränderungen des ein­zel­nen geisteswissenschaftlichen Arbeitsplatzes und der Kommunikation von Forscher*innen mit­einander zu sprechen – bereits auf dieser Ebene ist „das Private“ (auch) politisch. Stich­worte wie digitale Volltextrecherchen, Korpusanalyse, Annotationssysteme und die sogenann­ten „quantitative“ Belege, aber auch Lizenzen, digitales Publizieren mit oder ohne Verlag, ver­änderte Services der Bibliotheken („E-Only“), fachwissenschaftliche Sozialnetze und ver­än­der­te Peer-Systeme seien schlaglichtartig genannt.

    Ebenso sind, teils programmatische und im Ergebnis verwerfungsartige Umbrüche in den Fä­chern zu beobachten. Insofern ist „fachpolitisch“ zu Digitalität und auch zu digitalen Infra­struk­turen einiges zu sagen.

    Jenseits dessen aber sind „Infrastrukturen“ auch ein Politikum im Makro-Maßstab, und hier liegt der Fluchtpunkt des Vortrags. Zentrale Stichworte lauten: Wissenschaftsweite Dien­ste, Zugänge, Interoperabilität, Recht, das ein Teilen von Daten und Digitalressourcen ermöglicht, und nach Möglichkeit Steigerung von Quali­tät(en) einerseits, Kosten, Qualitätsprobleme, neue Anreize und Organisationsformen, die auch Fehlanreize oder Gefahren mit sich bringen.

    Petra Gehring ist Professorin für Philosophie an der TU Darmstadt. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen u.a. in der poststrukturalistischen Theoriebildung sowie in Fragen zu Technik, Macht und digitalen Infrastrukturen. Sie beschäftigt sich außerdem mit digitaler Metaphernanalyse und Methoden der Digital Humanities. Sie ist Mitherausgeberin des Journal Phänomenologie und seit 2022 der Deutschen Zeitschrift für Philosophie. Petra Gehring war Sprecherin der DFG Graduiertenkollegs „Technisierung und Gesellschaft” und „Topologie der Technik”. Seit April 2020 leitet sie das hessische Zentrum verantwortungsbewusste Digitalisierung (ZEVEDI)

FSP digitale_kultur | 28.05.2026