eLecture Series 2024
Apps, APIs & AI

Platzhalter eLecture Series Dominoeffekt Abbildung: AdobeStock

Die eLecture Series des Forschungs­schwer­punktes digitale_kultur ist ein fortlaufendes Veranstaltungs­format, das dem öffentlichen Austausch über aktuelle digitalitäts­theoretische Themen dient. Es setzt sich zusammen aus einem Vortrag von Wissenschaftler*innen aus dem FSP oder externen Gästen und einer anschließenden, moderierten Diskussion.

Die gegenseitige Konstruktion von „Lernen“ und „Technik“ bildet den Fokus dieser eLecture Series. Auf der einen Seite stehen Anwendungserfahrungen, Digital Literacy, Medienkompetenz, E-Learning und digitale Forschungsmethoden, die neue Möglichkeiten sowie Motivationen zum Lernen bedingen. Auf der anderen Seite steht das „Maschinelle Lernen“, also Maschinen, die trainiert werden, aus einer Vielzahl von Informationen selbst zu „lernen“.


eLectures

    • mit Dr. Alexander Friedman

    Abstract

    „2023 feierte der Messengerdienst seinen zehnten Geburtstag. Mit inzwischen etwa 800 Millionen Nutzer und Nutzerinnen hat sich Telegram längst weltweit etabliert. Während dieses Projekt des russischen IT-Unternehmers Pawel Durow in Deutschland und in der EU einen ambivalenten Ruf hat und häufig mit Verschwörungstheoretikern und mit dem Rechtsextremismus in Verbindung gebracht wird, gilt Telegram als beliebtester Messengerdienst im postsowjetischen Raum und ist auch in Asien erfolgreich. Sowohl im Kontext der Proteste in Belarus 2020 als auch aktuell in den Kriegen in der Ukraine und in Israel gehören Telegram-Kanäle zu wichtigsten Nachrichtenquellen überhaupt und prägen maßgeblich die Wahrnehmung dieser Ereignisse.

    Wie konnte Telegram diese Position erreichen? Wie lässt sich das Phänomen des Kriegskanals Telegram erklären? Ist dieses soziale Netzwerk tatsächlich frei und unabhängig oder wird es doch vom russischen Staat kontrolliert und zu politischen Zwecken missbraucht?“

    Alexander Friedman, Dr. phil., Historiker, studierte Neuere und Neueste Geschichte, Philosophie und Deutsch als Fremdsprache an der Belarussischen Staatsuniversität (Minsk) und an der Universität des Saarlandes (Saarbrücken), wurde 2009 mit einer Dissertation zum Thema „Deutschlandbilder in der weißrussischen sowjetischen Gesellschaft 1919 bis 1941: Propaganda und Erfahrungen“ an der Universität des Saarlandes promoviert, lehrt an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW sowie an der Universität des Saarlandes, ist aktiv als Publizist u.a. für die Jüdische Allgemeine Zeitung, Deutsche Welle und taz, beschäftigt sich in erster Linie mit der Geschichte Osteuropas, mit der israelischen Geschichte und mit dem Themenkomplex Antisemitismus.

    • mit Prof. Dr. Nicole Zillien (Universität Koblenz)
    • Ort: Zoom
    • Organisation: Prof. Dr. Uwe Vormbusch

    Abstract

    „Digitaltechnologien kommen im Kontext von Partnerschaftsgewalt immer umfassender zum Einsatz. So dienen digitale Sprachassistenten oder Kameras der Überwachung, digitale Türschlösser oder Temperaturregler der Kontrolle, soziale Medien der Beschämung und Tracker der heimlichen Ortung von (Ex-)Partner*innen. Täterpraktiken wie die Überwachung, Kontrolle und Beschämung erfahren somit im Digitalen eine raumzeitliche Entgrenzung, Routinisierung und Raffinierung, was im Vortrag unter Rückgriff auf die mikrosoziologische Gewaltforschung weiter ausbuchstabiert wird.“

    Nicole Zillien, Prof. Dr., hat eine Professur für Allgemeine Soziologie an der Universität Koblenz inne. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Wissens-, Medien- und Techniksoziologie. Sie ist aktuell an der Leitung der DFG-Projekte „Geschlechterdifferenzen in familialen Übergangsphasen“ (2020-2024) und "Schlafwissen. Zur Wissensgenerierung in Schlaflabor und Sleeptracking" (2020-2023) beteiligt. Zuletzt erschienen sind u.a. die Monographie „Digitaler Alltag als Experiment“ (2020), das HSR-Sonderheft „Sleep, Knowledge, Technology“ (2023) sowie der Herausgeberband “Bilder der Pandemie“ (2023).

    • mit Prof. Dr. Burkhard Schäffer (Universität der Bundeswehr, München)
    • Moderation: Prof.'in Dr. Sandra Hofhues

    Abstract

    „Im Vortrag wird nach einem kurzen historischen Abriss des ‚Zusammen-mit-Medientechnologien-Handelns‘ im Bereich qualitativer Sozialforschung das Konzept der ‚distributed interpretation‘ vorgestellt. Das Konzept geht von einer, zwischen Menschen und künstlicher Intelligenz ‚verteilten‘ Interpretation von Materialien qualitativer Sozialforschung aus. ‚Verteilte Interpretation‘ meint im Latourschen Sinne die Verteilung der Handlungsträgerschaft auf menschliche und nichtmenschliche Akteure, die in ‚gemeinsamer‘ Interpretation zu Ergebnissen kommen. Aus dieser Perspektive sind Werkzeugmetaphern (man ‚nutzt‘ eine Software oder eine KI) unangebracht. Vielmehr stellen sich grundlegende Fragen nach der Zukunft qualitativer Sozialforschung angesichts einer zukünftig weitgehenden Automatisierung von Interpretation.“

    Dr. Burkhard Schäffer ist Professor für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung/Weiterbildung an der Fakultät für Humanwissenschaften der Universität der Bundeswehr München. Arbeitsschwerpunkte: Methoden, Methodologien und Softwareentwicklung im Bereich qualitativer Erwachsenenbildungsforschung.
    Aktuelle Forschungsprojekte und -interessen: andragogische Perspektiven auf die Corona Pandemie; Implementierung künstlicher Intelligenz in qualitative Sozialforschung.

    • mit Prof. Matthias Hemmje und Bianca Mix (FernUniversität Hagen)
    • Moderation: Dr. Dennis Möbus (FernUniversität in Hagen)
    • ausnahmsweise 15:30h

    Abstract

    „Computer Science can support and facilitate research in both Humanities and Social Sciences. Both subjects share a hermeneutic research workflow, which profits from support by Computer Science. This intersection is called Digital Hermeneutics. Various tools are being developed to support single steps in the hermeneutic research workflow, however, a systematic approach to develop these tools is missing. Our work solves two problems: Defining a reference model for developing information visualization (IVIS) tools for digital hermeneutic and defining a scientific vocabulary for the development of these digital hermeneutics research tools.

    Our approach combines a computer science view with a central element of hermeneutic research, i.e. the hermeneutic circle. Moreover, the revision of our draft and iterative development of reference model extends the model by adding further elements from Social Sciences and Humanities: We incorporated knowledge preconditions and the permanent criticism into the model. Additionally, the revised model strengthens the focus on the hermeneutic circle as the all surrounding research methodology. The adaptions to the representation of the research phases search and acquisition as well as analysis and interpretation intensifies the account of fluent transitioning of research between the phases and the 'hermeneutics of inbetweenness.“

    Bianca Mix hat einen Masterabschluss in Informatik von der Fernuniversität Hagen und ist Doktorandin am Lehrstuhl für Multimedia- und Internetanwendungen derselben Universität. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf der digitalen Hermeneutik und der Entwicklung von Softwaretools zur Unterstützung des hermeneutischen Forschungsworkflows in den Sozial- und Geisteswissenschaften.
    In ihrer beruflichen Laufbahn leitet sie agile Teams für die Entwicklung von Software für die Automobilindustrie mit dem Schwerpunkt auf Benutzerfreundlichkeit.

    Matthias Hemmje leitet das Lehrgebiet Multimedia und Internetanwendungen an der FernUniversität in Hagen. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Information Retrieval, multimediale Datenbanken, virtuelle Arbeitsumgebungen, Informationsvisualisierung, visuelle Mensch-Maschine-Interaktion sowie Multimedia. Außerdem forscht er auf den Gebieten Content Engineering, Technologien des Wissensmanagements sowie der Evaluation interaktiver Systeme.

    • mit Dr. Christian Leineweber & Dr. Max Waldmann (beide FernUniversität in Hagen)

    Abstract

    „Im Vortrag wollen wir auf Grundlage der Begriffe 'Erziehung' und 'Bildung' eine medienpädagogische Perspektive auf die Erforschung von Mensch-App-Gefügen entwickeln. Als Orientierung dienen uns Überlegungen aus relationalen Ontologien, wie dem New Materialism, und postdigitalen Affekttheorien. Sie werden gebündelt und medienpädagogisch gewendet im Konzept der Techno-Onto-Epistemologie. Mit Bezügen zu Beispielen aus unserer Forschungspraxis wird dieses Konzept in seinen programmatischen und methodologischen Dimensionen vorgestellt. Die Ausführungen haben einen explorativen Charakter. Sie dokumentieren einen Forschungsprozess im Werden.“

    Christian Leineweber ist PostDoc im Lehrgebiet Bildungstheorie und Medienpädagogik an der FernUniversität in Hagen. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind: Medienpädagogische Bildungstheorie, Quantifizierung in pädagogischen Handlungsfeldern, bildungswissenschaftliche Medienforschung, Bildung und Zeit.

    Maximilian Waldmann ist PostDoc im Lehrgebiet Bildung und Differenz an der FernUniversität in Hagen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen u.a. Macht-, Herrschafts- und Ungleichheitsverhältnisse in der postdigitalen Kultur aus medienpädagogischen Perspektiven.

    • mit Prof. Kevin Liggieri (Assistenzprofessur für Historisch-epistemologische Technikforschung, Gruppenleiter der Emmy Noether-Forschungsgruppe „KoLT“)
    • Moderation: Dr. Max Waldmann (FernUniversität in Hagen) und JunProf. Christian Leineweber (OvGU Magedburg)

    Abstract

    „‚Lernen‘ ist im 20. Jahrhundert gleichermaßen zum Versprechen wie zur Aufgabe geworden. Die Erwartungen an das Lernen erstrecken sich dabei über das Kindesalter hinaus und formen Biografien und Gesellschaften grundlegend mit. Noch im 19. Jahrhundert glaubte man, die Lernfähigkeit zeichne den Menschen im Unterschied zu anderen Existenzweisen (wie Maschinen) nicht nur aus, sondern durch diese könne sich der Mensch auch erst zum Subjekt ‚bilden‚‘. Im 20. Jahrhundert wird diese Annahme jedoch, wie ich an einigen historischen Beispielen zeigen möchte, folgenschwer erschüttert. Lerneigenschaften wurden durch Experimentalisierung und Technisierung immer mehr quantifizierbar und damit vom menschlichen Lernsubjekt getrennt. Für die westliche, lernende Gesellschaft wurde diese neue Verbindung und Wechselwirkung von ‚Lernen‘ und ‚Technik‘ konstitutiv. Die gegenseitige Konstruktion von ‚Lernen‘ und ‚Technik‘ bildet gegenwärtig die Grundlage intensiv diskutierter Formen des Lernens in digitalen Gesellschaften: Auf der einen Seite steht das E-Learning, welches mit Hilfe von elektronischen Medien (wie Plattformen mit Selbstlerntools) neue Möglichkeiten sowie Motivationen zum Lernen bereitstellt. Auf der anderen Seite steht das ‚Maschinelle Lernen‘, also Maschinen, die trainiert werden, aus einer Vielzahl von Informationen selbst zu ‚lernen‘. Beide basieren auf Quantifizierungs-, Verwissenschaftlichungs- und Technisierungsprozessen des Lernens, wie sie im 20. Jahrhundert stattfanden und traditionelle Konzepte des Lernens maßgeblich veränderten.

    Im Vortrag soll im ersten Schritt herausgearbeitet werden, wie Organismen in ihren Lernprozessen technisiert wurden. Im zweiten Schritt werde ich darstellen, wie Technik in ihren Lernprozessen, die vorher technisierten, organischen Verhaltensweisen nachahmt.“

    Kevin Liggieri ist Forschungsgruppenleiter der Emmy-Noether-Forschungsgruppe "Ko-Konstruktionen von Lernen und Technik. Zum Wandel von „Lernsubjekten im 20. Jahrhundert“ und Assistenzprofessor für Historisch-Epistemologische Technikforschung an der TU Darmstadt.

    • mit Svenja Wagner (Universität Trier / FernUniversität in Hagen)
    • Moderation: Dr. Thorben Mämecke

    Abstract

    „Die Suche nach relevanten und/oder bestimmten Textstellen innerhalb immer größer werdender Datenmengen erfordert immer passgenauere Suchverfahren, um möglichst relevante Ergebnisse zu erzielen. Soll dabei nicht nur ein Ähnlichkeitsabgleich der Zeichen und Buchstaben zwischen Sucheingabe und möglichen Ausgaben durchgeführt werden, sondern eine inhaltliche Analyse, muss auf neue Verfahren zurückgegriffen werden. Interessant für einen solchen ‚Bedeutungsabgleich‘ sind moderne Sprachmodelle; Gerade Transformermodelle versprechen gute Ergebnisse mit vergleichsweise moderatem (Rechen)aufwand. Nachteilig bei diesen Modellen sind die mitunter geringe Güte bei nicht standardsprachlichen Texten (z.B. dialektalen, historischen oder fachspezifischen) wie auch die Herausforderung solche Modelle mit kleinen Datenmengen zu trainieren. Da der Kant-Korpus nicht besonders groß ist und es sich um historische Texte handelt, wurde ein Verfahren entwickelt, dass es ermöglicht mehrere Modelle auch mit einem kleinen Datensatz (ohne konkrete Frage-Antwort-Kombinationen) möglichst zielführend zu trainieren, eine Auswertung dieser durchzuführen und eine einfache sowie verständliche Nutzungsoption bereitzustellen. Dieses Verfahren soll vorgestellt und mögliche Fallstricke beleuchtet werden. Dabei sollen einerseits Aspekte der zugrundeliegenden Datenverarbeitung, andererseits der theoretische Hintergrund und zuletzt die Bereitstellung der Ergebnisse Beachtung finden.

    Das Projekt basiert auf der Masterarbeit ‚In Medias Res - Semantische Suche in philosophischen Texten anhand von Kants Gesamtwerk mithilfe von Transformer Modellen‘. Weitere Informationen wie auch die Möglichkeit, die Suche anzuwenden finden sich auf der zugehörigen Webseite.“

    Svenja Wagner ist Wissenschaftliche Hilfskraft im Forschungsschwerpunkt digitale_kultur an der FernUniversität in Hagen und ist außerdem am Trier Center for Digital Humanities im Projekt „Fürstinnenbibliotheken und Wissenspraktiken im deutschsprachigen Raum des 18. Jahrhunderts“ angestellt, wo sie vor allem im Bereich des Forschungsdatenmanagements tätig ist.

    • mit Dr. Martin Degeling
    • Moderation: Jun.-Prof. Dr. Jennifer Eickelmann

    Abstract

    „Der Europäische Digital Services Act (DSA) verlangt von sehr großen Online-Plattformen (VLOPs), regelmäßig Risikobewertungen hinsichtlich potenzieller ‚systemischer Risiken‘ durchzuführen. Dazu gehören die Bewertung von ‚negativen Auswirkungen auf demokratische Prozesse, die gesellschaftliche Debatte und Wahlprozesse sowie auf die öffentliche Sicherheit.‘ Das Gesetz hat jedoch einige Fragen nicht im Detail spezifiziert, darunter, wie diese abstrakten Risiken in konkrete Forschungsfragen übersetzt werden können. In einem interdisziplinären Team von Forscher:innen aus Soziologie, Politikwissenschaft und Informatik haben wir eine Methodik auf der Grundlage konkreter Risikoszenarien entwickelt, die bei externen wie internen Prüfungen verwendet werden kann. Die DSA enthält auch mehrere Bestimmungen zur Durchführung externer Forschungsstudien unter Verwendung von Plattformdaten. Als zivilgesellschaftliche Forscher:innen haben wir versucht, diese neuen Zugriffsrechte zusammen mit unserer Methodik zu nutzen, um die VLOP zu untersuchen, die uns am meisten interessierte: TikTok.

    In dem Vortrag wird Dr. Degeling die Szenarien beschreiben, die im Hinblick auf den Verbraucherschutz, die öffentliche Diskussion und die psychische/physische Gesundheit entwickelt und auf dem Blog veröffentlicht wurden.“

    Dr. Martin Degeling arbeitete zuletzt bei interface an einem Projekt zur Analyse und Bewertung von KI-basierten Empfehlungssystemen für Internetvermittler. Aktuell ist er Freelancer im Bereich AI-Forensics. Sein Interesse gilt der (halb-)automatisierten Analyse und Prüfung von IT-Systemen im Hinblick auf ihre Auswirkungen auf Individuen und die Gesellschaft als Ganzes. Bis Juni 2022 war er wissenschaftlicher Koordinator eines Graduiertenkollegs zur menschenzentrierten Systemsicherheit an der Ruhr-Universität Bochum und zuvor Post-Doc an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh. In seiner dortigen Forschung analysierte er, wie rechtliche Rahmenbedingungen für den Datenschutz auf Webseiten umgesetzt werden und zeigte, welche technischen und organisatorischen Herausforderungen dabei auftreten. Er untersuchte auch, wie Verhaltensdaten gesammelt und zur Erstellung von Nutzerprofilen genutzt werden.

FSP digitale_kultur | 20.05.2026