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Konferenz zu Studienerfolg und Studienabbruch

[16.03.2024]

Was führt im digitalen Studium zu Studienerfolg und -abschluss? Wer bricht sein Studium ab – und wer bleibt dabei? Mit Fragen wie diesen befasste sich jetzt eine digitale Wissenschaftskonferenz. Organisiert wurde sie von dem mit CATALPA assoziierten Projekt LAMASS@DiLea.


FernUni-Studierende Foto: Hardy Welsch
Lernende in digitalen Studienformaten sind oft älter als traditionell Studierende, viele von ihnen sind berufstätig.

„Wenn man Digitalisierung richtig betreibt, wird aus einer Raupe ein Schmetterling. Wenn man es nicht richtig macht, hat man bestenfalls eine schnellere Raupe“, so zitierte Rektorin Prof. Dr. Ada Pellert den MIT-Bildungsforscher George Westerman eingangs in ihrem Grußwort. Und um genau diese Gelingensbedingungen für digitales Lehren und Lernen ging es bei der gut sechsstündigen Veranstaltung, zu der sich Wissenschaftler*innen aus ganz Deutschland online zusammengefunden hatten. Organisiert hatten die Konferenz Prof. Dr. Claudia de Witt, Dr. Joachim Wöhrle und Heike Karolyi von der FernUniversität in Hagen.

Digitalisierung – von Raupe zum Schmetterling

„Seit der Pandemie hat sich in der Digitalisierung der Hochschulen viel getan“, bilanzierte Dr. Klaus Wannemacher vom Institut für Hochschulentwicklung e.V. in seiner Keynote. „Das Thema ist auf der Agenda der Hochschulleitungen weiter nach oben gerückt.“ In der Folge sollten nun etwa vielerorts Module und Curricula neu- und weiterentwickelt werden. Digitalen „Nachholbedarf“ gebe es vor allem noch in Hochschulverwaltungsprozessen. Nach diversen Hacker-Angriffen auf Universitäten schätzen Hochschul-Verantwortliche aber auch das Thema IT-Sicherheit als besonders relevant ein. „All das ist wichtig, damit sich der Schmetterling Digitalisierung entwickeln kann“, griff Wannemacher das von Rektorin Pellert zitierte Bild auf.

Work-Life-Study-Balance muss stimmen

Die Situation in unterschiedlichen digitalen Studienformaten beleuchteten anschließend Forschende aus drei BMBF-Verbundprojekten aus der Förderlinie „Forschung zu Studienerfolg und Studienabbruch II“. Den Anfang machte das von der FernUni verantworte Projekt LAMASS@DiLea, kurz für Learning Analytics, Monitoring and Ambition for Study Success in Distance Learning“. Die Forschenden stellten in drei Teilstudien zu digitalen Studienformaten die Arbeit von drei Projektjahren unter der Leitung von Claudia de Witt vor. Sie ist Professorin für Bildungstheorie und Medienpädagogik und Leitungsteam-Mitglied im Forschungszentrum CATALPA.

Studierender mit Laptop entspannt auf einer Fensterbank Foto: Jakob Studnar
Nicht für jeden Studierenden verläuft das Lernen im digitalen Format so entspannt.

Die Lernenden in digitalen Studienformaten unterscheiden sich dabei deutlich von traditionell Studierenden, führten Heike Karolyi und Joachim Wöhrle aus. Der Altersschnitt der von ihnen befragten Bachelor-Studierenden lag bei rund 40 Jahren. Viele sind berufstätig und wollen oder können dies auch nicht wegen des Studiums aufgeben. Aus dieser Konstellation ergeben sich veränderte Bildungsziele und Voraussetzungen, die zu Studienabbrüchen führen können. „In unserer Vergleichstudie konnten wir feststellen, dass die hochschulexternen Faktoren wie die Work-Life-Study-Balance im digitalen Studienformat eine größere Bedeutung für Abbrüche haben“, erläuterte Karolyi.

Konkrete Vorschläge für die Institutionen

Doch die Institutionen können gegensteuern. Das Forschungsteam, zu dem auch Dr. Berit Blanc vom Deutschen Zentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Berlin und Adrian Woick von der AKAD University gehören, stellten die im Projekt extrahierten zentralen Handlungsempfehlungen vor: Mehr Flexibilität in Curriculum und Prüfungen können beispielsweise dazu führen, dass sich Studium und andere Verpflichtungen besser vereinbaren lassen. Auch Kontakte sind wichtig, etwa zu Kommiliton*innen beim interaktiven Lernen oder zu Lehrenden in einer individuellen Betreuung. „Routine“-Feedback kann dagegen an Learning Analytics oder KI-Systeme ausgelagert werden. Relevant für den Verbleib im Studium ist aber auch eine transparente Information und Beratung vor dem Studium, die dazu beiträgt, realistische Studienerwartungen aufzubauen. Gesondert betrachten sollten die Institutionen dagegen Studierende mit vorherigem Studienabschluss, da sie sich möglicherweise ohnehin nur im Detail weiterqualifizieren wollen, ohne sich den Abschluss des Zweitstudiums als Ziel zu setzen.

Gruppen mit unterschiedlichem Abbruch-Risiko

Aus derselben BMBF-Förderlinie wie LAMASS@DiLea wird auch das Projekt DiSEA (Digitale Studiengänge: Analyse von Erfolgs- und Abbruchfaktoren) finanziert. Prof. Dr. Agathe Merceron und Teodora Dogaru von der Berliner Hochschule für Technik wollen mit Learning-Analytics-Daten – also etwa Datenspuren aus Lernaktivitäten - Studienabbrüche vorhersagen. Kein leichtes Unterfangen, wie sie feststellen mussten. Denn aus Datenschutz-Gründen konnten sie die Lernaktivitäten während der Kurse kaum mit soziodemografischen Merkmalen verknüpfen. Während Regelmäßigkeiten in der Kursaktivität keine eindeutigen Erkenntnisse für einen Studienabbruch in den virtuellen Studiengängen liefern konnten, gelang es den Forscherinnen, Kurse und Kursabschlüsse zu identifizieren, die sich für die Prädiktion eines Abbruchs heranziehen ließen. Das schränkte jedoch die Aussagekraft ihrer Ergebnisse deutlich ein.

Claudia de Witt Foto: FernUniversität
Organisiert wurde die Konferenz vom Team um Prof. Dr. Claudia de Witt.

Im dritten BMBF-Verbundprojekt SaFe (Studienerfolge und -abbrüche im Fernstudium) ermittelten Prof. Dr. Birgitt Erdwien (Europäische Fernhochschule Hamburg GmbH) und Prof. Dr. Marcus Eckert (Apollon Hochschule) vier Typen von Studierenden mit unterschiedlichem Abbruch-Risiko. Besonders gefährdet: Berufsaufstiegsmotivierte, die das Studium für bessere Karrierechancen nutzen wollen. Wenn bei dieser Personengruppe mit der Doppelbelastung durch Beruf und Studium dann auch noch die Unterstützung durch das soziale Umfeld fehle, sei das Abbruch-Risiko im Studium hoch, so die Forschenden. Um hier rechtzeitig vorbeugen zu können, entwickelten sie ein Self-Assessment, mit dem die Hochschule die Abbruchgefährdung rechtzeitig erkennen und durch passgenaue Präventions- und Interventionsmaßnahmen gegensteuern kann.

Zukunftsvisionen für digitale Studienformate

Im letzten Block der Veranstaltung skizzierten die vier LAMASS-Projektleitenden ihre Zukunftsvisionen für digitale Studienformate. „KI wird für Studierende und Lehrende Entlastung bieten, aber auch für die Organisationen als Ganzes, etwa im Monitoring von Studiengängen“, prognostizierte Prof. Dr. Niels Pinkwart (DFKI und Humboldt-Universität Berlin). Prof. Dr. Hendrik Drachsler vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation DIPF sieht die größte Chance in personalisiertem Feedback mit LA und KI. „Das kann für die einzelnen Studierenden wirklich einen Unterschied machen – und entlastet auch den Lehrkörper.“ Auf „Predictive Study Support“ durch eine Kombination aus Learning Analytics und KI setzt Prof. Dr. Daniel Markgraf von der AKAD University: „Wir wollen frühzeitig eingreifen. Also schon dann, wenn der oder die Studierende noch gar nicht gemerkt hat, dass er sich in seinem Studienprozess ein wenig verlaufen hat.“ Veranstaltungs-Organisatorin Claudia de Witt bilanzierte abschließend: „KI und Trusted Learning Analytics werden die Hochschullehre verändern – und sie werden am Studienerfolg beteiligt sein.“

Mehr Informationen zu den Einzelvorträgen

Sämtliche Vortragsfolien von der Veranstaltung stehen hier zur Verfügung.