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Aktuelles - Juni 2017

Eine Portion Dativ: Deutsch lernen mit Rim Jnidi und Natalia Raude

Rim Jnidi und Natalia Raude mit Lehrbüchern in ihren Händen
Rim Jnidi (links) lehrt Deutsch auf dem Sprachniveau A1, Natalia Raude auf A2. (Foto: FernUniversität, Pressestelle)

Rim Jnidi und Natalia Raude verbindet ein besonderes Engagement: Sie geben Flüchtlingen Deutschunterricht. Zweimal die Woche kommen Schülerinnen und Schüler zur FernUniversität in Hagen, um Vokabeln, Aussprache und Grammatik zu pauken. Die Sprachkurse werden seit 2016 in Kooperation mit der Volkshochschule Hagen angeboten.

Die beiden Sprachlehrerinnen wissen genau, was es bedeutet, Deutsch von der Pike auf zu lernen: Natalia Raude kommt ursprünglich aus Neuseeland. Seit 2013 arbeitet sie im Service-Center. In Sachen Sprachunterricht hat sie bereits Erfahrung; ihren Kurs leitet sie schon seit anderthalb Jahren. Auf dem Sprachniveau A2 lernen die Flüchtlinge von Natalia Raude, sicher in Alltagssituationen zu kommunizieren.

Rim Jnidi verließ ihre Heimat Syrien 2009 für ein Masterstudium. Sie blieb in Deutschland, wurde 2015 an der FernUni angestellt und arbeitet seit Mai 2017 als Wissenschaftliche Hilfskraft im Lehrgebiet Datenbanksysteme für Neuanwendungen. Jnidi hat im April 2017 mit ihrem Sprachkurs begonnen. Das Angebot vermittelt auf A1-Niveau erste sprachliche Grundlagen.

Was hat Sie zu Ihrem Engagement bewogen?

Natalia Raude: Ich sehe gerne die Freude der Leute, wenn sie Fortschritte machen. Da ich selbst Deutsch als Fremdsprache gelernt habe, kann ich aus eigener Erfahrung so etwas sagen wie: ‚Kommt Leute, jetzt ist es zwar schwer, aber wenn ihr den Dativ und Genitiv erstmal im Kopf habt, dann wird es viel leichter!‘ Schon vorher war ich ehrenamtlich in der Kirche tätig. Weil man so viel vom Leid der Flüchtlinge mitgekriegt hat, wollte ich einfach mithelfen. Als dann das Angebot der FernUni kam, habe ich gleich zugeschnappt.

Rim Jnidi: Ich wollte es auf jeden Fall probieren, weil ich weiß, wie schwer Deutsch als Fremdsprache zu erklären ist. Da ich nicht Muttersprachlerin bin, habe ich ein total anderes Sprachbewusstsein entwickelt. Das merke ich zum Beispiel, wenn ich Kolleginnen und Kollegen frage: ‚Ist das jetzt ein Dativ oder ein Akkusativ?‘ – und dabei auf Unverständnis stoße. Als ich dann auf der Website gelesen habe, dass noch Hilfe gebraucht wird, dachte ich mir: ‚Warum nicht? Ich kann es probieren.‘ Jetzt freue ich mich über das positive Feedback. Ich arbeite übrigens nebenher in der Diakonie als Dolmetscherin. Dort ist es oft noch viel komplizierter, weil manche Flüchtlinge eine Psychotherapie brauchen. Ich sitze dann zwischen einer Therapeutin und einem Patienten und muss alles hundertprozentig richtig übersetzen.

Können FernUni-Beschäftigte denn einfach mitmachen, wenn sie helfen möchten, oder sind besondere Qualifikationen notwendig?

Natalia Raude: Jeder kann mitmachen. Es wird ausschließlich auf Deutsch unterrichtet, oft auch mit Händen und Füßen. Man lernt mit jedem Mal dazu und bekommt viele Rückmeldungen von den Flüchtlingen darüber, was sie gerne lernen möchten – zum Beispiel deutsche Formulare auszufüllen.

Kommen die Flüchtlinge oft mit Alltagsproblemen zu Ihnen, die aufgrund der Sprachbarriere entstehen?

Natalia Raude: Ja! Viele kommen zum Beispiel mit Briefen oder Rechnungen zu mir, die sie nicht verstehen. Ich habe auch einmal eine Voicemail auf dem Handy vorgespielt bekommen: Eine Nummer wurde auf Deutsch durchgesagt, die ich dann anrufen sollte. Manchmal fragen die Leute auch einfach um Rat – etwa dazu, wie sie sich in der Stadtbücherei anmelden können.

Rim Jnidi: Bei mir war es sogar noch konkreter: Eine Person wollte sich psychiatrisch behandeln lassen, brauchte dazu aber jemanden zum Dolmetschen. Gemeinsam mit einer Kollegin habe ich versucht, zu helfen: Am Ende haben wir einen Dolmetscher gefunden und eine Therapie organisiert. Auch Post vom Anwalt habe ich schon beantwortet. Ich leiste sehr gerne Hilfe – genau deswegen wollte ich mitmachen!

Woher kommen die Flüchtlinge in Ihren Kursen? Sind die Herkunftsländer sehr gemischt?

Natalia Raude: Ja, viele kommen aus Ländern im Nahen Osten, vor allem Afghanistan, Syrien, Irak oder Iran. Manche sind aber auch aus Osteuropa…

Rim Jnidi: Bei mir kommen die Teilnehmenden ebenfalls aus unterschiedlichen Ländern; zum Beispiel Nigeria, Afghanistan, Albanien oder Russland. Dadurch sind die sprachlichen Grundlagen sehr verschieden: Einige sprechen Englisch, manche arabisch – das ist gut, denn in diesen Fällen kann ich selbst übersetzen. Bei den Persisch-Sprechenden hilft mir oft ein mehrsprachiger Teilnehmer, der für mich vermittelt.

Natalia Raude: Ja, auch in meinem Kurs beherrschen viele gleich mehrere Sprachen. Einige können sich allerdings gar nicht untereinander verständigen.

Rim Jnidi: Außerdem sind die Bildungsgrade sehr verschieden. Manche in meinem Unterricht sind sogar analphabetisch – da entstehen natürlich Schwierigkeiten: Ich versuche zwar, Extrazeit für die entsprechenden Personen zu investieren, aber das geht nicht immer, weil es den anderen gegenüber unfair wäre.

Gibt es auch sonst hin und wieder Frustmomente?

Natalia Raude: Schon. Zum Beispiel sind viele Behördentermine, zu denen die Teilnehmenden hinmüssen, am Vormittag. Einige verpassen deshalb mehrere Wochen in Folge den Unterricht. Man muss dann vieles wiederholen – was vor allem für diejenigen frustrierend ist, die da waren.

Rim Jnidi: Vor ein paar Wochen haben wir einen Test geschrieben und ich war ziemlich enttäuscht. Vor allem war ich sauer darüber, dass die Teilnehmenden zuhause nicht ausreichend geübt hatten. [Jnidi lacht.] Wir sind ja nicht in der Schule – ich kann nicht einfach die Eltern anrufen, wenn keiner die Hausaufgaben macht.

Natalia Raude: Es gibt aber auch viele lustige Situationen, zum Beispiel, wenn mehrdeutige Begriffe im Wörterbuch nachgeschlagen werden. Einmal haben wir über Tiere auf dem Bauernhof gesprochen und ich habe in Zusammenhang mit Pferden das Wort ‚Geschirr‘ erwähnt. Ein Teilnehmer hielt dann sein Smartphone mit einem Bild von Tellern hoch. Ansonsten ist natürlich toll, wenn schwere Dinge endlich verstanden werden [Raude muss schmunzeln] – zum Beispiel der Dativ.

Benedikt Reuse | 23.06.2017
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