Mehr als Studierenden-Demos: die „68er“, ein Flächenbrand

Die Legitimität und die Erfolge der 68er Bewegung sind umstritten. Prof. Peter Brandt sieht als deren Voraussetzung einen sozio-kulturellen Wertewandel, der sich vor 1968 vollzog. Der Historiker sieht vor allem die Jahre vor 1968 als die politisch und gesellschaftlich besonders interessanten.


Eine Gruppen von Menschen bei einer Demonstration Foto: Chris Hoffmann / picture-alliance dpa
Der SDS-Chefideologe Rudi Dutschke (Mitte, mit erhobener Faust), Gaston Salvatore - deutschsprachiger Schriftsteller und Dramatiker aus Chile sowie Postgraduiertenstipendiat in Berlin (links neben Dutschke) - sowie der deutsche Lyriker und Schriftsteller Erich Fried (li.) marschierten am 18. Februar 1968 in Berlin an der Spitze eines Demonstrationszuges gegen den Vietnamkrieg.

Über Folgen und Erfolge der „68er Bewegung“ in Deutschland sind sich Historikerinnen und Historikern nicht einig. Prof. Dr. Peter Brandt (Jahrgang 1948), bis zu seinem Ruhestand 2014 Geschichtsprofessor an der FernUniversität in Hagen, sieht vor allem die Jahre vor 1968 als die politisch und gesellschaftlich besonders interessanten. Politisch formte sich schon in dieser Inkubationsphase eine „Neue Linke“, die sich sowohl von der Sozialdemokratie als auch vom Sowjet-Kommunismus abgrenzte.

Ein Mann spricht gestenreich Foto: FernUniversität
Prof. Peter Brandt

„Pille“, Bildung, Rock ‘n Roll

Seit etwa 1960 bis zur Mitte der 1970er gab es nach seiner Erkenntnis in der hochindustrialisierten Bundesrepublik – wie in den vergleichbaren Ländern des Westens – einen breiten und nachhaltigen sozio-kulturellen (Werte-)Wandel: Der „Konsumkapitalismus“ entwickelte sich und junge Menschen wurden zu einer eigenen Macht im Markt. Mit dem Rock ’n Roll entstand eine neue Musikkultur. Autoritäre Strukturen wurden abgeschliffen, in den Universitäten wurde die Macht der Ordinarien infrage gestellt („Unter den Talaren, der Muff von 1.000 Jahren“), die NS-Vergangenheit von Funktionsträgerinnen und Funktionsträgern hinterfragt und Reformen der Bildungsinhalte gefordert.

Hinzu kamen veränderte Lebensbedingungen, z.B. durch die Anti-Baby-Pille. Ihre Einführung hatte zwar nichts mit der Protestbewegung zu tun, machte jedoch eine größere sexuelle Freiheit außerhalb der Ehe möglich. Ebenso wie Ehescheidungen nahmen auch Wehrdienstverweigerungen zu. Das Leben wurde individueller, obrigkeitliche Orientierungen nahmen ab.

Breite gesellschaftliche Liberalisierung

Die „68er“ waren keineswegs nur Studierende, es ging auch nicht nur um deren politische und gesellschaftliche Interessen. An der gesellschaftlichen Bewegung beteiligten sich vielmehr Angehörige breiter Bevölkerungsschichten, so Peter Brandt, der nach seinem Schulbesuch in Berlin dort, im Zentrum des Geschehens, ab dem Sommersemester 1968 studierte.

Der jungen Generation von etwa 14 bis etwa 24 Jahren kam eine zentrale Rolle zu, nicht zuletzt den Jugendorganisationen von Gewerkschaften, Kirchen, SPD und FDP (die Jungdemokraten) sowie sogar den Pfadfindern. Wichtig waren als Verbindung zu den Protestbewegungen der 1950er Jahre auch die Ostermärsche.

So kam es, dass bei vielen Demonstrationen und Aktionen nicht die Studierenden in der Mehrzahl waren, sondern „Lehrlinge“, Jungarbeiterinnen und Jungarbeitern sowie unter anderem Angestellte. In der Gesamtbevölkerung war es aber zweifellos eine Minderheit, die revoltierte, während in Frankreich ein Studentenprotest einen Generalstreik auslöste. Auch in vielen anderen Teilen der Welt bewegte sich etwas, z.B. bei der Anti-Vietnamkriegs- und der Bürgerrechtsbewegung in den USA. Und selbst Ostblockländer erlebten ihr „1968“.

Es handelte sich also um eine internationale „Massenbewegung, die weit mehr als nur eine Studentenbewegung war“, so Brandt. Es gab sie nicht nur in großen Städten, „in der Provinz spielte sich deutlich mehr ab, als man in Berlin dachte. Es war ein Flächenbrand, doch keine in sich geschlossene und greifbare Bewegung.“

Eine Gruppen von Menschen bei einer Demonstration. Sie halten ein Plakat mit dem Portrait eines Mannes in die Höhe. Foto: Bestand Ludwig Binder, Haus der Geschichte, Bonn
Peter Brandt (re. vorne, mit Brille) trägt bei einer Demonstration 1968 ein Plakat mit einem Bild von Leo Trotzki.

Vertrauen in den Staat verloren

Die verschiedenen Bewegungen kulminierten 1967/68. In den USA wurden 1968 Martin Luther King und Bobby Kennedy ermordet, am 2. Juni 1967 der Student Benno Ohnesorg bei einer Anti-Schah-Demonstration von dem Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras von hinten in den Kopf geschossen. Kurras sprach von „Selbstverteidigung“, Polizisten logen laut Brandt nachweislich beim Prozess zugunsten des Kollegen, der am Ende freigesprochen wurde.

Viele junge Menschen verloren das Vertrauen in den Staat. Die Studentenbewegung radikalisierte sich. Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 und den folgenlosen Protesten gegen die Notstandsgesetzgebung brach die Bewegung auseinander. Quantitativ expandierte die „Außerparlamentarische Opposition“ (APO) noch jahrelang.

Ein wesentlicher Grund für den Zerfall der 68er-Bewegung könnte in ihrer eigenen Entwicklung zur Massenbewegung gelegen haben. Brandt: „Wenn eine Bewegung breit wird, ist die Gefahr der Verflachung gegeben, auch intellektuell.“ Mit dem schwerstverletzten Charismatiker Dutschke fehlte nun das Gesicht der Studentenbewegung und einer ihrer intellektuellen Vordenker.

Dafür, dass die Zeiten sich änderten, haben die „68er“ mitgesorgt, auch wenn sie ihre radikal-demokratischen und antiautoritär-sozialistischen Ziele nicht erreichten.

Gerd Dapprich | 03.09.2018