Lehrbetrieb: Neue wissenschaftliche Projektleiterin

Im Interview spricht die Bildungsforscherin Prof. Julia Schütz über konkrete Ziele und Zukunftsszenarien für Studium und Lehre an der FernUniversität.


Portrait Foto: FernUniversität
Prof. Julia Schütz

Sucht man den Begriff „Blended Learning“ im Klinkhardt Lexikon der Erziehungswissenschaft, stößt man auf den Eintrag einer Hagener Forscherin: Prof. Dr. Julia Schütz. Seit Anfang des Jahres steuert die Bildungsexpertin von wissenschaftlicher Seite das Projekt Lehrbetrieb an der FernUniversität. Die Leiterin des Lehrgebiets Empirische Bildungsforschung hat damit eine Aufgabe des ehemaligen Prorektors für Digitalisierung und Internationalisierung Prof. Dr. Theo Bastiaens übernommen, der inzwischen das Rektorenamt der niederländischen Open Universiteit innehat.

In einem hochschulweiten Prozess arbeitet das Team des Projekts Lehrbetrieb daran, das Bildungsangebot der FernUniversität auf digitalem Weg schrittweise zu modernisieren. Im Interview spricht Julia Schütz über vorhandene Stärken, frische Ideen und neue Möglichkeiten in Fernstudium und -lehre.

Ich habe das große Glück, genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Prof. Dr. Julia Schütz

Frau Prof. Schütz, welche Aufgaben haben Sie als neue wissenschaftliche Leiterin des Projekts Lehrbetrieb?

Julia Schütz: Momentan steht für mich erst einmal im Vordergrund, mir Orientierung zu verschaffen. Letztendlich sehe ich meine Rolle in der Begleitung und Beratung des Projektes mit dem Fokus auf hochschul- und mediendidaktische Überlegungen. Von Hause aus bin ich keine Mediendidaktikerin, sondern Professionsforscherin, ich beschäftige mich unter anderem mit der Frage: Was bedeutet Hochschullehre in Zeiten der Digitalisierung? Welche Frage sich für mich nicht stellt, ist: Brauchen wir digitale Medien in der Lehre? Es ist völlig klar, dass das so ist. Vielmehr schaue ich darauf, inwieweit man didaktische Arrangements für Studierende aber auch für Lehrende so konzipiert, dass am Ende eine „gute“ Lehre möglich ist. Meine Aufgabe im Projekt liegt also in der wissenschaftlichen Reflexion von Hochschullehre.

Über Prof. Dr. Julia Schütz

Die Professionsforscherin leitet seit September 2017 das Lehrgebiet Empirische Bildungsforschung der FernUniversität. Hier forscht sie unter anderem zu Arbeitsweisen pädagogischer Berufsgruppen und deren sozialer Anerkennung. Zudem entwickelt sie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung den Ländermonitor und den Länderreport Frühkindliche Bildungssysteme. Darüber hinaus ist sie Mitbegründerin und Sprecherin des Zentrums für pädagogische Berufsgruppen- und Organisationsforschung (ZeBO) in Hagen. Mehr über Prof. Schütz Forschung und ihre Antrittsvorlesung.

Worin bestehen aus Ihrer Sicht die Stärken des Lehrbetriebs an der FernUniversität?

Ich habe das große Glück, genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Das ganze Thema Digitalisierung ist gesamtgesellschaftlich erst in den letzten Jahren so richtig explodiert. Wir befinden uns momentan in einer Hochphase – auch in der Erziehungs- und Bildungswissenschaft. Jetzt, da das Thema boomt, habe ich das Gefühl, dass der Blick Richtung Hagen geht – denn die FernUni macht’s ja bereits seit über 45 Jahren. Wenn ich an den klassischen Präsenzuniversitäten bin und dort zum Beispiel erzähle, dass wir Webinare anbieten, dann gucken mich die dortigen Hochschullehrenden erstaunt an und fragen: „Was ist denn das?“ Im hochschulischen Kontext ist ein digitaler Wandel spürbar, bei dem die FernUniversität – trotz gewisser Mängel – ganz weit vorne ist.

Was wollen Sie langfristig im Rahmen der Projektarbeit erreichen?

Wie gesagt, wird die FernUniversität in der Hochschullandschaft als Vorreiterin wahrgenommen. Damit wir diese Rolle auf längere Sicht auch wirklich erfüllen, müssen wir jetzt Gas geben! Im Zuge der Digitalisierung plädiere ich dafür, dass es nicht „entweder oder“ sondern „und“ heißt: Die Studienbriefe werden auch weiterhin ein wichtiges Herzstück der FernUni sein. Wir müssen sie allerdings anders didaktisch aufbereiten, sodass Studierende nicht unbedingt chronologisch lernen müssen, sondern auf eingebettete Lehrvideos und Übungen zugreifen oder zwischendurch ein Thema in einem Webinar vertiefen können. Menschen lernen nicht anders als früher, allein die Lehr- und Lernangebote wandeln sich: Will ich heute zum Beispiel einen Baum fällen, schaue ich mir zunächst ein entsprechendes Youtube-Tutorial darüber an. Wir können die veränderte Lebenswelt der Studierenden – und der Menschen generell – nicht ignorieren. Dabei sollten wir der Entwicklung allerdings nicht hinterherhechten, sondern gerade die Universität als einen Ort begreifen, an dem experimentiert, visionär gedacht und auch mal etwas riskiert werden kann.

Zum Schluss eine gedankliche Zeitreise ins Jahr 2049: Wie stellen Sie sich den idealen „Lehrbetrieb der Zukunft“ vor?

Für meine Utopie würde ich mir wünschen, dass die Beharrungstendenzen, Bedenken und Vorbehalte aufgelöst sind. Heute wird oft die Karte gespielt: „Das haben wir immer so gemacht!“ In 30 Jahren verstehen sich die Menschen, die für Bildungsprozesse verantwortlich sind, hingegen vielleicht mehr als Gestalterinnen und Gestalter digitaler Medien. Wir könnten insgesamt mehr von der Rezeption in die Produktion gehen. Unsere Kinder machen das schon längst sehr selbstverständlich, nehmen Musik auf oder schneiden Videos. Das könnten wir Lehrende auch lernen. In der Zukunft werden wir selbstständiger als heute dazu fähig sein, auch über das klassische Buch hinaus, Medien zu produzieren – und beispielsweise Tools und Tutorials zu entwickeln. Viele Ängste, die es derzeit gibt, haben meiner Meinung nach damit zu tun, dass den Menschen noch die nötigen Fähigkeiten im Umgang mit der Technik fehlen. Hier können wir – auch an der FernUni – einen selbstverständlicheren Umgang entwickeln.

Benedikt Reuse | 20.03.2019