Existenzielle Risiken für die Menschheit

Wie lassen sich Risiken verringern, die das Überleben der Menschheit bedrohen? In einem neuen Lehrprojekt bündelt die FernUni Wissen aus unterschiedlichen Fachrichtungen.


Atombombe, Abwurf, Nagasaki 1945 Foto: Wikipedia, gemeinfrei
Ein möglicher Atomkrieg stellt ein globales Risiko für die Menschheit dar. Unser Bild zeigt den Abwurf der US-Atombombe über der japanischen Großstadt Nagasaki im Jahr 1945.

Wie lassen sich Risiken erkennen, bewerten und verringern, die die Grundlagen unserer Zivilisation und das Überleben der Menschheit bedrohen könnten? Mit dem neuen Lehrprojekt „Existential Risks to Humanity“ bündelt die FernUniversität in Hagen Wissen aus unterschiedlichen Fachrichtungen. Das englischsprachige Modul startet im Wintersemester 2026/27 und verbindet interdisziplinäre Forschung mit innovativer Lehre.

Atomkrieg, Klimawandel, globale Ernährungskrisen bis hin zu Risiken durch Künstliche Intelligenz: Mit möglichen existenziellen Szenarien beschäftigt sich ein neues Lehrprojekt der FernUniversität. Das einsemestrige Modul „Existential Risks to Humanity“ richtet sich an Studierende aller Fakultäten. „Wer Risiken nicht erkennt, kann sie kaum vermeiden oder begrenzen“, sagt Jun.-Prof. Dr. Julius Weitzdörfer. „Unser Ziel ist es, Studierende dafür zu sensibilisieren, wie globale Risiken entstehen, zusammenwirken und sich eindämmen lassen.“

Das interdisziplinäre Projektteam um den Rechtswissenschaftler bringt unter anderem Perspektiven aus Umweltwissenschaften, Mathematik, Informatik, Psychologie, Geschichte, Ökonomie, Politikwissenschaft bis hin zu Philosophie und Rechtswissenschaft zusammen. Denn existenzielle Risiken lassen sich kaum aus der Perspektive einer einzelnen Disziplin verstehen. „Die großen Risiken des 21. Jahrhunderts kennen keine Fächergrenzen“, betont Weitzdörfer. „Ökologische, technologische und politische Entwicklungen sind eng miteinander verknüpft. Deshalb müssen wir sie auch gemeinsam betrachten.“ Weitzdörfer forscht unter anderem zu Risikoregulierung, Technologiepolitik und Umweltrecht. Angestoßen wurde sein Schwerpunkt durch die Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011.

Joel Christoph, Julius Weitzdörfer, Florian Jehn Foto: Assem Nugumanova
Jun.-Prof. Julius Weitzdörfer (Mitte) und seine wissenschaftlichen Mitarbeiter Joel Christoph (links) und Florian Ulrich Jehn (rechts) waren im September bei der Conference on Catastrophic Risk vom Centre for the Study of Existential Risk der University of Cambridge mit zwei Postern und einem Vortrag vertreten.

Lernen mit Zukunftsszenarien

Neben wissenschaftlichen Grundlagen setzt das Lehrprojekt auf interaktive Lernformate. In zwei Simulationsübungen beschäftigen sich die Studierenden mit möglichen Zukunftsszenarien. In einem Storytelling-Format entwickeln sie gemeinsam ein Szenario zur weltweiten Nahrungsversorgung: Ausgangspunkt ist ein erneuter Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien. Die damit verbundene Abkühlung des Weltklimas könnte Ernten beeinträchtigen und globale Hungersnöte auslösen. Die Studierenden untersuchen die möglichen Folgen für Ernährungssysteme und Gesellschaften. Genutzt wird hier die ParEvo-Methodik, mit der in einem webgestützten Prozess das partizipative Erforschen alternativer Zukünfte möglich wird.

In der moderierten Simulation „Intelligence Rising“ setzen sie sich mit möglichen Entwicklungen Künstlicher Intelligenz auseinander. Sie übernehmen Rollen von Staaten, internationalen Organisationen und Unternehmen und müssen auf technologische, wirtschaftliche und geopolitische Veränderungen reagieren.

Die mit 30 Studierenden bewusst kleine Gruppe ist Teil des Konzepts: In der zweijährigen Erprobungsphase will das Projektteam das Lehrangebot gemeinsam mit den Studierenden weiterentwickeln und untersuchen, welche Kompetenzen die unterschiedlichen Lernformate vermitteln.

Hohe Nachfrage und internationale Perspektive

Das Modul startet im Wintersemester 2026/27 mit 10 ECTS-Punkten. Es sind bereits mehr als 70 Bewerbungen eingegangen. Weitere Bewerbungen von FernUni-Studierenden sind zum Sommersemester 2027 möglich.

Von Beginn an ist das Lehrangebot so konzipiert, dass es perspektivisch auch an anderen Hochschulen eingesetzt werden kann. Nach der Entwicklungs- und Erprobungsphase sollen die Lehrmaterialien als Open Educational Resources öffentlich und international zugänglich gemacht werden.

„Keine Regierung kann globale Risiken alleine bewältigen“, sagen die Projektmitarbeiter Joel Christoph und Dr. Florian Ulrich Jehn. „Deshalb beginnt Risikovorsorge mit Bildung und Bewusstsein. Genau dazu wollen wir mit dem Kurs beitragen.“

Gefördert von der Stiftung Innovation in der Hochschullehre

Angesichts der wachsenden Bedeutung der globalen Risikobewertung haben Jun.-Prof. Julius Weitzdörfer und Dr. SJ Beard (Cambridge) ein Konzept für einen interdisziplinären Kurs zu existenziellen Risiken entwickelt. Dieser baut auf früheren Arbeiten am Centre for the Study of Existential Risk (University of Cambridge) auf, dem beide Forschende weiter verbunden sind. Das Projekt zur Umsetzung, Einführung, Evaluation und Weiterentwicklung des Moduls ist im April 2026 an der FernUniversität in Hagen gestartet und läuft über einen Zeitraum von zwei Jahren. Gefördert wird es von der Stiftung Innovation in der Hochschullehre mit gut 360.000 Euro. Im Fokus stehen dabei die Entwicklung und Erprobung innovativer didaktischer Methoden. Mit Dr. Florian Ulrich Jehn, Dr. Felix Jawinski und Joel Christoph sind drei wissenschaftliche Mitarbeitende im Projekt tätig.

Das könnte Sie noch interessieren

Foto: Arsalan Sami – stock.adobe.com

Wohin, wenn die Welt untergeht?

Florian Ulrich Jehn hat mögliche globale Katastrophen untersucht. Was macht Gesellschaften widerstandsfähig? Und welche Länder sind am besten darauf vorbereitet?

Foto: STRABAG

KI erkennt finanzielle Risiken im Bau von Straßen und Gleisen früher

Die FernUniversität und das Bauunternehmen STRABAG haben eine datengetriebene Risikoanalyse im Verkehrswegebau entwickelt. Das Modell soll auf weitere Sparten übertragen werden.

Foto: Anvesh - stock.adobe.com

Juristische Lehre im KI-Zeitalter

Wie verändert KI das Jurastudium? Eine Tagung an der FernUni bringt Fachleute zusammen, um über neue Formen des Lernens, Lehrens und Prüfens zu diskutieren.

Carolin Annemüller | 30.09.2026