Wohin, wenn die Welt untergeht?
Florian Ulrich Jehn hat mögliche globale Katastrophen untersucht. Was macht Gesellschaften widerstandsfähig? Und welche Länder sind am besten darauf vorbereitet?
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Seuche, Blackout, nuklearer Konflikt – es sind viele Katastrophenszenarien denkbar, die Auswirkungen im globalen Maßstab haben. Kein Ort der Erde ist gegen sämtliche solcher Risiken abgesichert, so lautet das nüchterne Fazit der internationalen Forschungsarbeit von Dr. Florian Ulrich Jehn. Wohl aber unterscheidet sich die Widerstandskraft verschiedener Länder. Seine neue Studie „No place to hide? Regional resilience and vulnerability to global catastrophic risk“ stellt detailliert dar, auf welche Schutzfaktoren es im Ernstfall ankommt. Der Überblicksartikel ist als Teamarbeit entstanden – international und interdisziplinär: „Wir haben sozusagen ein ‚Allstar-Team‘ gebildet, um dem Thema gerecht zu werden.“
Dabei ist bereits Jehns eigenes Fachwissen rund um Katastrophen ziemlich breit gefächert: Ursprünglich studierte er Umweltwissenschaften an der Universität Gießen, wo er schließlich in der Hydrologie, also als Experte für Wasser, promovierte. Anschließend forschte er für die NGO „ALLFED“ (Alliance to Feed the Earth in Disasters). 2026 wechselte der Wissenschaftler an die FernUniversität, ins Team von Jun.-Prof. Dr. Julius Weitzdörfer (Ostasiatisches Recht), der sich selbst mit dem Thema Katastrophen befasst. „So bin ich in einem juristischen Umfeld gelandet, obwohl das eigentlich nicht mein Fachgebiet ist“, erklärt Jehn seinen Quereinstieg. Sein Expertenwissen bringt er auch in der Lehre ein, unter anderem in einem interdisziplinären Modul über das Risiko globaler Katastrophen, das er zusammen im Team um Jun.-Prof. Dr. Julius Weitzdörfer anbietet.
Endzeitliche Hitliste
Was deckt die Studie ab? „Es geht uns um Szenarien, die mindestens zehn Prozent der Menschheit auf einen Schlag auslöschen könnten. In einem kurzen Zeitraum schaffen das nicht viele Katastrophen“, sagt Jehn. Grundsätzlich ließen sich drei Überkategorien bilden: Erstens biologische Risiken, dazu zählen zum Beispiel auch Pandemien. Zweitens der Verlust der kritischen Infrastruktur, beispielsweise durch einen geomagnetischen Sturm, der die Stromversorgung lahmlegt. „Ohne Elektrizität haben wir auch schnell keinen Brennstoff mehr, ja nicht einmal Dünger für die Felder.“ Drittens all jene Settings, in denen sich die Sonne verdunkelt: „Nukleare Winter, Vulkanausbrüche, große Asteroideneinschläge – so etwas würde dazu führen, dass es global kälter wird."
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Australien: Groß, reich, abgeschieden
Davor sind manche Orte besser, manche schlechter geschützt. „Obwohl Australien offensichtliche Probleme mit den Folgen des Klimawandels hat, schneidet es bei uns gut ab“, so Jehn. Seine hohen Temperaturen könnten Australien eventuell sogar nützen: zum Beispiel im Falle eines nuklearen Winters. „Es ist eine Insel, sodass es sich einfacher abschotten und isolieren kann. Australien produziert unheimlich viel Nahrung, hat viel eigene Industrie und Bergbau. Außerdem ist es reich und eine recht stabile Demokratie – all das sind Sachen, die ein Land resilienter machen.“ Zum Vergleich: Auch das benachbarte Neuseeland erfüllt viele dieser Punkte; ist aber nicht so industriell geprägt, bedeutend kleiner und dadurch weniger autark.
Keine Arche für alle
Also rasch von Deutschland nach Down Under? So leicht ist es nicht, dämpft Jehn: „Wir wollen nicht sagen, dass Australien der einzige Ort ist, der durchkommt – nur, dass es die besten Chancen hat.“ Auch Australien sei stark auf Handel und Kooperation angewiesen – etwa mit Blick auf Medikamente, Treibstoffe und Düngemittel. Und Deutschland selbst? Eine hochtechnisierte Handelsnation, die im Herzen Europas alles andere als „isoliert“ ist. „Deutschland ist jedenfalls keines der resilienteren Länder. Ohne Strom ist es völlig geliefert“, urteilt Jehn. „Wo es zumindest punktet, ist bei der demokratischen Stabilität und der Nahrungsproduktion.“ Allerdings dürfte letztere im Falle einer verdunkelten Sonne schnell zusammenbrechen – Stand jetzt.
Wachrütteln für mögliche Krisenfälle
„Unser Ziel ist es, deshalb fürs Thema zu sensibilisieren. Es ist etwas, worüber wir als Gesellschaft dringend nachdenken sollten“, so der FernUni-Forscher. „Katastrophen in dieser Größenordnung kommen in deutschen Debatten kaum vor. Wenn man sich aber gar nicht vorbereitet, läuft’s auf jeden Fall schief.“ Dabei gäbe es Spielräume; zum Beispiel Handelsverträge mit anderen Ländern, die den Austausch von überlebenswichtigen Waren auch im Notfall garantieren. „Oder sogenannte ‚resilient foods‘. Das sind Nahrungsmittel, die auch im Katastrophenfall große Produktionsmengen erlauben würden.“ Dazu zählen etwa spezielle Bakterien, die in Bioreaktoren Nährstoffe zu gehaltvollem Proteinpulver verstoffwechseln („single-cell-proteins“). Generell verfüge Deutschland über viel technisches Know-How und finanzielle Mittel – eigentlich gute Vorrausetzungen, um sich zu wappnen.
„Man kann schon vieles machen“, ermutigt Florian Ulrich Jehn zu proaktivem Handeln. „Gesellschaften können so einiges überstehen, wenn sie sich nur vorbereiten und solidarisch bleiben.“ Und im besten Fall, so ein hoffnungsvoller Schluss der Studie, lassen sich Schreckensszenarien völlig abwenden. „Prävention ist natürlich immer besser als Resilienz“, da ist sich der Forscher sicher.
Internationale Studie
Dr. Florian Ulrich Jehn ist Hauptautor der Studie „No place to hide? Regional resilience and vulnerability to global catastrophic risk“, die er gemeinsam mit einem internationalen Team verfasst hat, bestehend aus: Maximilian Rössler, Luke Kemp, Mike Cassidy, Zachary Kallenborn, Juan Bartolomé García Martínez, Lara Mani und Matt Boyd. Die Studie ist in der Zeitschrift Global Challenges veröffentlicht worden. Abrufbar im Open Access unter der DOI: https://doi.org/10.1002/gch2.70146
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