Die Wahrheit über Anschläge zurechtgebogen?

FernUni-Forschende belegen in einer psychologischen Studie: Der Mensch bildet sich verzerrte Urteile über Gewalttaten, um die Integrität seiner eigenen sozialen Gruppe zu wahren.


Portrait-Bilder Foto: FernUniversität/ Bernd Müller
Birte Siem und Agostino Mazziotta arbeiteten in einem internationalen Team an der Studie.

Die Motive für Anschläge sind vielfältig. Manche Menschen leiden an schweren seelischen Erkrankungen, die sich in Gewalttaten Bahn brechen. Ihre Attacken sind affektiv und keine gezielten Terrorakte. Andere indes sind religiös oder politisch motiviert und töten planvoll. Oft decken Ermittelnde erst nach Tagen auf, was die wahren Hintergründe eines Angriffs sind. Derweil haben sich in der Öffentlichkeit jedoch längst verschiedene Urteile über das vermeintliche Täterprofil herausgebildet. Wie subjektiv verzerrt diese Einschätzungen sind, zeigt eine internationale psychologische Studie, an der zwei Forschende der FernUniversität in Hagen beteiligt waren: Dr. Birte Siem ist in den Lehrgebieten Sozialpsychologie (Prof. Dr. Stefan Stürmer) und Community Psychology (Prof. Dr. Anette Rohmann) tätig; Dr. Agostino Mazziotta arbeitete noch als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrgebiet Community Psychology an der Studie mit.

Zeitgleich zum Hagener Team trieben Assistant Professor Masi Noor (Keele University, England) und Assistant Professor Nour Kteily (Northwestern University, USA) das Projekt voran. Neben dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn war den Forschenden auch die Signalwirkung der Studie wichtig. „Wir wollten anhand politischer Ereignisse zeigen, wie relevant psychologische Forschung für das Verständnis von gesellschaftlichen Zusammenhängen ist“, sagt Dr. Mazziotta.

Verteidigung der „Eigengruppe“

Masi Noor führte den ersten Versuchslauf während des Brexit-Referendums 2016 durch. Ein Attentäter tötete im Juni 2016 die Labour-Abgeordnete und Brexit-Gegnerin Jo Cox. Neben dem Verdacht einer rein politischen Motivation gab es auch Indizien für psychische Probleme des Mörders. Nun sollten sich die befragten Personen direkt nach der Tat selbst einem politischen Spektrum zuordnen und eine Beurteilung der Situation vornehmen.

Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Die meisten Brexit-Befürwortenden distanzierten sich vom Attentäter, indem sie auf seine seelische Instabilität verwiesen. „Je nachdem, welches Motiv ich als Erklärung für eine Tat heranziehe, bestrafe ich nicht nur den Täter, sondern auch seine Eigengruppe, die sogenannte ‚In-Group‘“, erklärt Agostino Mazziotta. „Die Gruppe, der wir uns zugehörig fühlen, ist Teil unserer Identität. Deswegen tendieren wir dazu, sie zu schützen.“

Dass dagegen die mit dem Täter assoziierten Brexiteers nicht an einen politisch motivierten Mord glaubten, passte demnach ins vermutete Muster. „Diejenigen, die für den Brexit waren, hätten ja sonst zugegeben, dass jemand aus ihren Reihen radikal ist“, so Dr. Siem.

Illustration: Sprengsatz Foto: wragg/E+/Getty Images
Nach einem Anschlag kommt die Frage auf, welche Motivation hinter der Gewalttat steckt. In der Öffentlichkeit bilden sich schnell Urteile darüber, auch wenn die Informationslage noch unklar ist.

Krankheit oder Kalkül?

Die deutschen Forschenden übertrugen die Fragestellung kurze Zeit später auf den Anschlag im bayrischen Ansbach. Im Juli 2016 verletzte ein syrischer Asylbewerber 15 Menschen mit einer Bombe und kam dabei selbst ums Leben. Birte Siem und Agostino Mazziotta reagierten so schnell wie möglich. So wie ihr britischer Kollege mussten auch sie ihre Befragung abschließen, noch bevor sich die Nachrichtenlage klären würde. Objektive Informationen zum Motiv des Täters hätten das Ergebnis verfälscht. „Wir haben den Fragebogen in einer Nachtaktion programmiert und verteilt“, erinnert sich Siem. „Es war uns ein Anliegen, nicht langsam und verzögert auf solche Ereignisse zu reagieren, sondern ‚ad hoc‘ die echten Reaktionen zu erfassen.“

Die Ergebnisse fügten sich abermals in die Argumentationslinie des Forschungsteams: Analog zur Rechtsprechung straft die Öffentlichkeit Gewaltakte weniger ab, wenn sie nicht auf Kalkül, sondern Krankheit zurückgehen. Die meisten Anhängerinnen und Anhänger einer offenen Asylpolitik führten den Anschlag des jungen Moslems daher auf seelische Probleme zurück, um ihre „In-Group“ zu verteidigen. Die gegnerische „Out-Group“ sah in dem Angreifer hingegen sofort den islamischen Terroristen, und somit ein Beispiel für die – ihrer Meinung nach – gescheiterte Asylpolitik der Bundesregierung. Siem: „Die Testpersonen versuchten eine Erklärung für die Gewalttat zu finden, die der eigenen Position dienlich ist.“

Zur Studie

Die Studie wurde in der Zeitschrift „Social Psychological and Personality Science“ veröffentlicht: Noor, M., Kteily, N., Siem, B., Mazziotta, A. (2018). “Terrorist” or “mentally ill”: Motivated biases rooted in partisanship shape attributions about violent actors. Social Psychological and Personality Science. Advance online publication. DOI: 10.1177/1948550618764808

Ausgrenzung als Schutzreflex

Die dritte Erhebung, durchgeführt von Nour Kteily, verlief andersherum. „Wir wollten wissen, was passiert, wenn die Motive klar sind“, sagt Siem. Der Attentäter „Mister A“ war deshalb eine erfundene Figur. Die verschiedenen Testgruppen bekamen bereits im Vorfeld Hintergrundinfos dazu, ob Mr. A aus psychischer Unzurechnungsfähigkeit oder politisch motiviert handelte. „Wenn die Möglichkeit wegfällt, die eigene Gruppe dadurch zu schützen, dass man sagt, jemand ist psychisch krank, werden eben andere Gründe gesucht, die Person auszuschließen“, erklärt Mazziotta. So distanzierten amerikanische Patriotinnen und Patrioten einen geistig gesunden Terroristen unter anderem von ihrer „In-Group“, indem sie urteilten, er sei wahrscheinlich Moslem.

Aus der Studie ergeben sich Anknüpfpunkte für weitere psychologische Überlegungen. Laut Siem und Mazziotta stehe nun zum Beispiel die Frage im Raum, welche Implikationen für die Medienbranche aus der verzerrten Urteilsbildung der Öffentlichkeit erwachsen. Gerade in Zeiten von „Fake-News-Debatten“ und Populismus kann die Psychologie hier wertvolle Erkenntnisse liefern.

Benedikt Reuse | 06.09.2018