Neuer „Hagener Rechtsdialog“ startet mit Debatte über KI und Digitalisierung in der Justiz

Wie verändern Digitalisierung und künstliche Intelligenz die Rechtsprechung? Welche Chancen bieten neue Technologien für Gerichte und Anwaltschaft, und wo liegen ihre Grenzen?


Rechtsdialog Foto: OzoraCayo - stock.adobe.com

Unter dem Titel „Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung in der Rechtsprechung“ bringt der neue Hagener Rechtsdialog zum Auftakt am 10. November Fachleute aus Wissenschaft, Justiz und Anwaltschaft zusammen. In drei Impulsvorträgen geht es unter anderem um künstliche Intelligenz, Deepfakes und virtuelle Wirklichkeiten, die Digitalisierung in der anwaltlichen Praxis sowie um den verfassungsrechtlichen Schutz menschlicher Entscheidungsfindung. Anschließend ist das Publikum eingeladen, Fragen zu stellen und mitzudiskutieren.

Zum Auftakt spricht Detlef Heinrich, Präsident des Landgerichts Hagen: „Wenn die Wahrheit digital wird – die Justiz zwischen KI, Deepfakes und virtueller Wirklichkeit“. Sonka Mehner, Vorsitzende des Anwalt- und Notarvereins Hagen, beleuchtet die Digitalisierung in der Anwaltschaft. Prof. Dr. Jonas Botta von der FernUniversität widmet sich in seinem Vortrag „Der Richter und seine KI“ dem verfassungsrechtlichen Schutz menschlicher Entscheidungsfindung. Die Diskussion moderiert Prof. Dr. Osman Isfen, Prorektor für Transfer an der FernUniversität. Begrüßt werden die Gäste von Prof. Dr. Stefan Stürmer, Rektor der FernUniversität, und Dennis Rehbein, Oberbürgermeister der Stadt Hagen.

Auf einen Blick

Termin: Dienstag, 10. November, 18 bis 20 Uhr
Ort: Senatssaal der FernUniversität in Hagen, Gebäude 2, Universitätsstraße 33, 58097 Hagen
Teilnahme: vor Ort oder online, ohne Anmeldung

„Drei Fragen an”: Prof. Osman Isfen, Prorektor für Transfer und Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozessrecht, Wirtschaftsstrafrecht und Internationales Strafrecht

osman-isfen-800 Foto: FernUniversität
Prof. Osman Isfen

Warum braucht es den Hagener Rechtsdialog?

Mit dem Hagener Rechtsdialog schaffen wir einen Ort, an dem Wissenschaft, Justiz und Gesellschaft miteinander ins Gespräch kommen. Gerade in Zeiten tiefgreifender gesellschaftlicher und technologischer Veränderungen genügt es nicht, rechtliche Entwicklungen allein aus der Perspektive einer Disziplin zu betrachten. Vielmehr brauchen wir einen Austausch, der wissenschaftliche Erkenntnisse, praktische Erfahrungen der Justiz und die Erwartungen der Gesellschaft zusammenführt. Das Ziel ist, aktuelle Herausforderungen gemeinsam zu reflektieren, unterschiedliche Sichtweisen sichtbar zu machen und neue Impulse für Recht und Rechtsanwendung zu entwickeln. Der Hagener Rechtsdialog versteht sich daher als Forum der Vernetzung, des kritischen Austauschs und der gemeinsamen Orientierung in einer zunehmend komplexen Welt.

Wo liegen Chancen und Risiken von KI in Gerichten?

Künstliche Intelligenz bietet für die Justiz erhebliche Chancen. Sie kann Richterinnen und Richter sowie Gerichtsverwaltungen bei der Auswertung großer Datenmengen unterstützen, Recherchen beschleunigen, Abläufe effizienter gestalten und so dazu beitragen, Verfahren schneller und ressourcenschonender zu bearbeiten. Insbesondere vor dem Hintergrund steigender Verfahrenszahlen und knapper personeller Ressourcen birgt dies ein erhebliches Potenzial. Gleichzeitig dürfen die Risiken nicht unterschätzt werden. Rechtsprechung ist mehr als die Anwendung von Regeln auf Sachverhalte. Sie erfordert Wertungen, Verantwortungsübernahme und die Berücksichtigung individueller Umstände. KI-Systeme können Fehler machen, Vorurteile aus ihren Trainingsdaten übernehmen oder Entscheidungen nicht ausreichend nachvollziehbar begründen. Hinzu kommen neue Herausforderungen durch Deepfakes und digital manipulierte Beweismittel. Deshalb muss klar sein: KI kann richterliche Entscheidungsfindung unterstützen, sie darf sie aber nicht ersetzen. Die letztliche Verantwortung für gerichtliche Entscheidungen muss beim Menschen bleiben.

Was erwartet die Teilnehmenden beim Auftakt und in Zukunft?

Zum Auftakt widmen wir uns den Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung in der Rechtsprechung. Expertinnen und Experten aus Justiz, Anwaltschaft und Wissenschaft beleuchten das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven und diskutieren gemeinsam mit dem Publikum aktuelle Entwicklungen rund um KI, Digitalisierung und rechtsstaatliche Anforderungen. Ziel ist es, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch den offenen Dialog zwischen den verschiedenen Akteurinnen und Akteuren zu fördern. Für die Zukunft ist vorgesehen, den Hagener Rechtsdialog als interdisziplinäre Veranstaltungsreihe weiterzuentwickeln. Dabei werden unterschiedliche Fakultäten der FernUniversität ihre wissenschaftlichen Perspektiven einbringen. Besonders die Beteiligung der Fakultät für Psychologie eröffnet spannende Fragen: Wie treffen Menschen Entscheidungen? Wie entstehen Vertrauen und Akzeptanz gegenüber algorithmischen Systemen? Welche Auswirkungen haben digitale Technologien auf Wahrnehmung, Kommunikation und Urteilsbildung? Durch diese interdisziplinäre Ausrichtung wollen wir rechtliche Fragestellungen in ihren gesellschaftlichen, psychologischen und technologischen Zusammenhängen betrachten und so einen echten Mehrwert für Wissenschaft, Praxis und Öffentlichkeit schaffen.

Anja Wetter | 28.10.2026