Von der Bachelorarbeit zum Forschungsartikel
Anja Brand studiert an der FernUni im Master Psychologie. Ihre Bachelorarbeit über KI baute sie mit ihren Dozenten zur professionellen Wissenschaftspublikation aus.
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Warum eigentlich interessiert sie sich für Psychologie? Darauf hat Anja Brand eine ebenso einfache wie pragmatische Antwort – mit einem Schmunzeln zeigt sie auf ihren Kopf: „Wir alle tragen das Ding da oben mit uns herum, aber eine Bedienungsanleitung dafür, die bekommt man nicht mitgeliefert.“ Die FernUni-Studentin aus Nürnberg absolvierte 2025 ihren Bachelorabschluss neben dem Beruf. Zuvor studierte sie bereits englische Übersetzung, dann Wirtschaftsinformatik – und sammelte jahrelang Arbeitserfahrung in der Beratung und IT. Aus diesem Spannungsfeld heraus entwickelte sie die Idee zu ihrer psychologischen Bachelorarbeit: „Darin beschäftigte ich mich mit der sogenannten Theory of Mind, der Fähigkeit, zu verstehen, dass andere Menschen gegebenenfalls anders denken und fühlen als man selbst“, erklärt Anja Brand. „Inwieweit können KI-Sprachmodelle diese Fähigkeit simulieren?“ Ihre vielfältigen Interessen helfen ihr dabei, Large Language Models (LLM) zu verstehen. „Natürlich hat ein Sprachmodell viel mit Sprache zu tun – logischerweise auch mit Informatik. Was man schnell vergisst, ist, dass es aber auch auf vielen psychologischen Prinzipien fußt“, ordnet die Studentin ein. „Wie Sprachmodelle lernen, ist unter anderem unserem menschlichen Lernen nachempfunden.“
Anja Brands Abschlussarbeit konzentrierte sich auf einen bestimmten Aspekt: die Simulation kindlicher Entwicklungsstufen: Kann kindliches Verhalten von den Sprachmodellen so treffend nachgeahmt werden, dass sie gar als virtuelle „Versuchspersonen“ eingesetzt werden können? Dafür müssten die Modelle nicht nur „klug“ oder möglichst richtig antworten, sondern Entwicklungsstufen von Kindern verschiedenen Alters glaubwürdig vorhersagen – also zum Beispiel auch falsche oder unzulängliche Antworten abgeben. „Der Grundgedanke liegt in der Simulation von realitätsnahen Daten“, fasst Brand zusammen.
Entdeckung in Social Media Post
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Von Anfang an betreute der FernUni-Psychologe Prof. Dr. Oliver Christ die Abschlussarbeit. „Ich fand die Idee sehr gut und unterstützenswert“, erinnert sich der Leiter des Lehrgebiets Psychologische Methodenlehre und Evaluation. „Schon das Proposal hat darauf hingedeutet, dass man hier auf sehr viel Expertise und Kompetenz stößt.“ Anja Brand erntete bald die Früchte ihrer Mühe: Das Bachelorstudium war bestanden.
Glücklich über ihren Erfolg postete Anja Brand einen Beitrag auf der Social-Media-Plattform LinkedIn, der auch den Titel ihrer Bachelorarbeit nannte. Hierauf wurde FernUni-Psychologe Dr. Tobias Wingen aufmerksam. „Die Frage, ob KI womöglich Effekte im Kindesalter vorhersagen oder nachbilden kann, hat mich sofort interessiert“, sagt der Wissenschaftler im Lehrgebiet Behavioral Economics und Interkulturelle Psychologie. „Ich habe mir gedacht: Das passt doch eigentlich perfekt zu dem, woran ich selbst gerade arbeite. In unserem Team beschäftigen wir uns nämlich auch damit, ob KI mögliche Effekte vorhersagen kann.“
Tobias Wingen meldete sich bei der Studentin. „Gemeinsam kamen wir dann schnell auf die Idee, die Bachelorarbeit in einen echten Fachartikel zu verwandeln. Fachlich war alles so super gemacht – es wäre schade gewesen, wenn die Arbeit in einem Aktenschrank verstaubt wäre.“ Zusammen mit Oliver Christ machten sich Anja Brand und Tobias Wingen ans Werk.
Rückrunde für spannendes Thema
Ein Forschungspraktikum an der Fakultät für Psychologie bildete den geeigneten Rahmen, um die Arbeit veröffentlichungsreif zu machen. „Im Praktikum habe ich mir meine Bachelorarbeit noch einmal vorgenommen und überprüft.“ Mithilfe ihrer Dozenten arbeitete sie Schritt für Schritt alle Stufen zur Erstellung eines Fachartikels ab: Vor Kurzem reichten die drei den Artikel bei einer Fachzeitschrift ein und veröffentlichten eine Vorab-Version als Preprint. Die Ergebnisse sind aufschlussreich für die Forschungscommunity: „Wir haben insgesamt sechs Sprachmodelle getestet“, gibt Brand einen Einblick. „Nicht bei allen Modellen und nicht in allen Situationen hat es geklappt – bei der ein oder anderen Bedingung waren die Modelle aber doch erfolgreich und haben sehr ähnlich wie Kinder geantwortet.“
Tobias Wingen ist stolz auf das gelungene Teamwork: „Es ist echt super, wie Anja Brand ihren beruflichen Hintergrund in der IT mit in ein aktuelles Forschungsthema eingebracht hat. Daran sieht man: Aus einer einfachen Abschlussarbeit kann etwas ganz Großartiges werden.“ An das Lob schließt sich auch Oliver Christ an: „Hier ist ein ganz exzellentes Produkt entstanden – ein tolles Beispiel dafür, dass unsere Studierenden an der FernUni etwas ganz Besonderes sind!“
Zum Preprint der Studie
Brand, Anja, Tobias Wingen, and Oliver Christ. “Can Large Language Models Simulate Child-like Theory of Mind?” DOI: https://doi.org/10.31234/osf.io/386vw_v1