Prof. Dr. Reinhold Pregla: der Neu-Entwickler

Interview mit Reinhold Pregla, Mitglied im FernUni-Gründungsausschuss: „Wir betreiben nur die Lehre grundsätzlich anders.“ Foto: FernUniversität, Jakob Studnar

Biographisches

  • 1938 geboren im Kreis Schildberg, Prov. Posen/Polen

  • 1956 Abitur in Glauchau (Kreis Sachsen)

  • 1963 Diplom an der TU Braun­schweig im Fach Elektro­technik; anschl. 1966 Promotion und 1969 Habili­tation in Braun­schweig

  • 1973 Wiss. Rat und Professor an der Ruhr-Uni­versität Bochum

  • 1974 Berufung in den vorläu­figen Gründungs­ausschuss der FernUniversität

  • 1975–2003 Professor für Allgemeine und Theo­retische Elektro­technik im Fachbereich Mathematik

  • 1981 eigenstän­diger Fach­bereich Elektro­technik gegründet

Reinhold Pregla war gerade wissenschaftlicher Rat und Professor in Bochum geworden, als er dort von den Gründungsabsichten einer Fernuniversität im benachbarten Hagen erfuhr. Über einen Bochumer Kollegen wurde er 1974 für den vorbereitenden Gründungsausschuss ernannt und bekam ein Jahr später die Professur für Allgemeine und Theoretische Elektrotechnik im Fachbereich Mathematik. „Die Absicht, eine Fernuniversität zu gründen, fand ich interessant. Man sollte nicht im Hörsaal stehen, sondern eben in geeigneter Weise die Inhalte aufschreiben und den Studenten vorstellen.“

Das Heimlabor

Zunächst ging es darum, den Studierenden der Mathematik die elektrotechnischen Grundlagen in den Nebenfächern Informatik und Elektrotechnik beizubringen. Für die Studienmaterialien legte Pregla didaktische Konzepte ausgewiesener Experten zugrunde – insbesondere in Bezug auf Lehr- und Lernziele sowie Kontrollaufgaben. Gemeinsam mit seinen technischen Mitarbeitern entwickelte Pregla 1980 das Heimlabor, mit seine Studierenden zu Hause Grundlagenversuche durchführen konnten.

Dazu kamen die Praktika, als Kompaktveranstaltungen zunächst in Hagen und später auch in anderen Bundesländern. „In der Elektrotechnik müssen die Studierenden viele verschiedene Versuche fahren und nicht alles lässt sich mit so kleinen Bauelementen erledigen.“

E-Technik wird eigenständig

Gemeinsam mit einem Informatik-Kollegen erreichte Pregla beim Ministerium in Düsseldorf und an der FernUniversität, dass Informatik und Elektrotechnik jeweils eigenständige Fachbereiche wurden. An der Hochschule musste sich Pregla damit gegen Widerstände durchsetzen. „Man hatte Befürchtungen, dass dann die anderen Fachrichtungen knapper gehalten werden“, blickt er zurück. Einwände kamen von vielen Seiten: Der Senat wollte das Vorhaben um ein Jahr verschieben. Das Rechenzentrum äußerte Bedenken. Die beiden Fachrichtungen wurden 19 als eigene Studiengänge eingerichtet.

Das Interview als Text

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Ja, wissen Sie, das ist mir in Braunschweig auch gesagt worden: Wie kann man denn ins Ruhrgebiet gehen, diese Hochöfen und, und usw.?
Dann bin ich eingeladen worden und letztlich hab' ich dann das Berufungsschreiben von Herrn Rau bekommen im Juli 1974, also sozusagen ein Jahr, nachdem ich in Bochum die Stelle des wissenschaftlichen Rates und Professors angetreten bin und dann bin ich, ja hab' ich mitgewirkt im Gründungsausschuss für die Fernuniversität. Es musste ja dann auch das Studienmaterial geplant werden und dann hat, hat man Werkverträge vergeben an diejenigen, die insbesondere einen Ruf an die FernUniversität annehmen wollten. Und da ich eben in die, in den Gründungsausschuss für die Mathematik, aber für das Nebenfach Elektrotechnik berufen worden bin, kam ich natürlich dafür in Frage, den Kurs, den, ja den Grundlagenkurs Elektrotechnik für die Mathematikstudierenden zu schreiben.

Es ging ja darum, eben Fernstudierenden diese Inhalte nahezubringen. In der Vorlesung erzählt man das einfach, eventuell kann mal jemand zwischen fragen, aber die Möglichkeit haben die Fernstudierenden ja nicht. Also man musste sich als Textschreibender irgendwie in die Situation des Studierenden hineinfinden. Man musste überlegen, welche Fragen könnten denn aufkommen oder wie muss man die Dinge formulieren, damit sie so verstanden werden, dass sie dann auch brauchbar sind. Und, und insbesondere hatte der Herr Effertz vorgeschlagen, dass neben den eigentlichen Lehrtext zusätzlich gewisse Elemente eingebaut werden – muss mal schauen, ob hier auch sowas drin ist, das ist jetzt schon eine neue Version – und zwar eben auch in Bezug, man sollte den Studierenden sagen, was sie hier erwartet und welche Lehrziele sie erreichen, Lernziele sie erreichen sollen. Und zum Schluss sollten auch passende Aufgaben erstellt werden, so dass sie zum einen das, was sie gelesen haben, anwenden können und dass sie dann auch manches vielleicht ein wenig vertiefen können, oder es sollte sogar, sollte vielleicht auch ein gewisser zusätzlicher Praxisbezug hergestellt werden. Also insgesamt waren das gute didaktische Hinweise, die uns da gegeben worden sind, und das hat, das ist auch in der Öffentlichkeit anerkannt worden oder auch, wird auch heute noch anerkannt. Ich hab' ja meine Grundlagen der Elektrotechnik auch als Buch veröffentlicht und wenn ich heute bei dem Verlag lese, was die Käufer so dazu schreiben, dann kommt dieses direkt vor: Didaktisch gut aufgebaut.

Und wir haben dann nach Möglichkeiten gesucht, da wirklich etwas Praktikables zu entwickeln, damit es den Studierenden zugeschickt werden kann, und eben da stecken sozusagen alle sieben Versuche drin, weiß nicht, ob Sie denn da schon mit reingeguckt haben, die beiden Herrschaften haben ja schon reingeguckt. Hier sind die Elemente {[holt etwas hervor]}, Sie sehen, hier kann man sogar dran drehen {[lacht]}. Und dann sind hier die Kabel, mit denen man die einzelnen Elemente verbinden kann, und dann hier ist das Netzgerät und dann ist da hier das Messinstrument. Also, und jeder Studierende hat dann so einen Kasten zugeschickt bekommen.

Natürlich haben wir auch Praktika aufgebaut, zu denen die Studierenden zu uns kommen mussten, denn man kann nicht alles auf diese Weise erledigen. In der Elektrotechnik müssen die Studierenden viele verschiedene Versuche fahren und nicht alles lässt sich so mit kleinen Bauelementen erledigen und man kann die dann auch nicht verschicken und von daher haben wir das dann so eingerichtet, dass das Praktikum oder die jeweiligen Praktika dann konzentriert in einer Woche stattfanden, so dass die Studierenden sich vielleicht eine Woche Urlaub genommen haben und dann zu uns kamen und ihre Versuche durchgeführt haben.

Wir haben das zweite Jahr hinter uns gebracht und dann kam Besuch aus Düsseldorf und der hat die FernUniversität gelobt und hat zum Ausdruck gebracht, dass eigentlich die FernUniversität noch weiter ausgebaut werden sollte. Und diese Gelegenheit haben mein Kollege Stetter, der für die Informatik zuständig war, und ich genutzt, um dann zu sagen: Informatik und Elektrotechnik sollten als eigene Studienfächer aufgebaut werden, nicht nur Nebenfach für die Mathematik, sondern eben auch sollten Studiengänge entwickelt werden für Elektrotechnik und Informatik. Und das ist uns dann auch tatsächlich gelungen, dass wir eben das Ministerium und die Universität überzeugen konnten. Es hat ja durchaus auch Gegenwehr gegeben innerhalb der Universität. Man hatte Befürchtungen, dass dann die anderen Fachrichtungen knapper gehalten werden, das ist ja immer so, dass dann die Ängste entstehen: Naja, wenn da was Neues dazukommt, dann müssen Ressourcen für das neue Gebiet zur Verfügung gestellt werden und man selbst muss dann bisschen knapper, ist dann knapper gestellt. Insbesondere wollte man – das hab' ich noch sehr deutlich vor mir – im Senat wollte man das Ganze um ein Jahr verschieben, aber es wurden von vielen Seiten Einwände eingebracht, auch vom Rechenzentrum, können die das nicht bewältigen oder wie. Ich hab', da hab' ich als Laie gesagt: Wieso, wir machen doch heute ordentliche Datenverarbeitung, da muss man doch die paar Studierenden, die noch dazukommen, da auch bearbeiten können. Und zum Glück ist das durchgegangen und die, die beiden Fachrichtungen konnten als eigene Studiengänge installiert werden, denn ein Jahr später wäre das nicht mehr gegangen. Dann kam nämlich eine gewisse – na, wie soll man das bezeichnen – na, sagen wir so, allgemein Geldknappheit im Ministerium und dann hätte, hätte man das nicht mehr bewilligt.

Ein Vertreter – Ihnen kann ich das ja sagen – von Siemens war bei mir und der sagte mir: Ist ja schön, dass Sie Elektrotechnik für die Mathematiker machen. Aber wir würden es begrüßen, wenn Sie auch Elektrotechnik für Ingenieure anbieten würden, also Ingenieure ausbilden würden. Und naja, vielleicht hat dieses Argument gewirkt.

Ja vielleicht auch noch dieses: Raumsituation. Als ich nach Hagen kam, wurde ich zunächst in einer Wohnung untergebracht, nämlich Am Roggenkamp 6. Das war 'ne ganz normale, ich glaube Zwei-Zimmer-Wohnung oder so etwas. Dabei konnte es natürlich nicht bleiben. Und dann ist der Kanzler auf die Idee gekommen, dass man in Untermiete gehen sollte zur Fachhochschule. Es war so, dass insbesondere in Iserlohn die Fachhochschule nicht ausgelastet war und eben genügend Räume zur Verfügung gestellt werden konnten. Und dann ist mein Lehrstuhl in Iserlohn verortet worden, im sechsten Stock des Hauptgebäudes, und das Kuriose dabei ist vielleicht auch noch dies, dass für uns extra sozusagen ein Seitengang von der elektronischen Überwachung freigeschaltet werden musste. Damit wir jederzeit dahin gehen konnten, ob werktags oder sonntags, ob abends oder morgens, wenn also die, die Fachhochschule noch nicht geöffnet war, wir konnten jederzeit dort hingehen.

Und im Prinzip sollten wir das Gebäude bekommen – ich glaube, das heißt Schmalenbach-Haus, das sollten wir bekommen. Wir hatten schon die Steckdosen eingezeichnet, die für uns eingerichtet werden sollten, aber dann ist es uns doch nicht zur Verfügung gestellt worden, wir mussten noch länger warten, ja, bis dann kurz vor der Jahrtausendwende das jetzige Philip-Reis-Gebäude erstellt wurde für uns.

Aber als dann die FernUniversität gegründet wurde, dann hat man sich besonnen und hat ein Fernstudium im Medienverbund einführen wollen.
Natürlich war es ein Konkurrenzunternehmen, aber es war ein Unternehmen aller Länder der Bundesrepublik. Das war ja nicht irgendein anderes Land, FernUniversität war Land Nordrhein-Westfalen, aber FiM war ein Unternehmen der Bundesländer und es sollten alle Bundesländer in den Ausschüssen vertreten sein. Nicht, und deshalb wurde ich dann von NRW aus dahin geschickt.

Ich weiß nicht, es waren vier Fächer, ich kann Ihnen aber nur sagen, dass eines dieser vier Fächer die Elektrotechnik war. Und dann wurde ich entsandt, um in dieser, ja, wie nennt man diese Gruppe, ich sag' mal Gründungsgruppe für dieses Fach Elektrotechnik, für FiM, ja, zu entwickeln.

Ich hatte so bisschen gehofft, dass vielleicht dieser Grundlagenkurs dann einfach von uns übernommen werden könnte. Aber naja, man wollte autark sein, ich glaube, man wollte mit der Fernuniversität nichts zu tun haben. Aber, naja, ich denke schon, dass das eine gewisse Ausrichtung gegeben hat, ich hatte ja inzwischen auch schon bisschen Erfahrung gesammelt hier an der FernUniversität und hab' das dann alles eingebracht.

Es hat ein Probejahr stattgefunden. Und das war's dann. Wie das in den anderen Fächern war, weiß ich nicht, aber wahrscheinlich ist das auch nicht umgesetzt worden, sondern man hat einfach mal schauen wollen, wie das so läuft, und ich glaube, die Präsenzfakultä..., ja, die Fakultäten, entsprechenden Fakultäten an den Präsenzuniversitäten wollten das wahrscheinlich nicht haben, das war so ein Stiefkind für sie und wollten das ganz gerne wieder loswerden, wenn ich das richtig gesehen, wenn ich das richtig sehe. Für uns war das aber ein Vorteil, dass das stattgefunden hat. Nämlich: Wir haben ja, wie ich vorhin berichtete, nach zwei Jahren dann Informatik/Elektrotechnik als eigene Studienrichtungen hier eingeführt und wir konnten ja nicht alles so ganz plötzlich aus dem Boden stampfen. Für so ein Studium Elektrotechnik im Grundstudium braucht man ja nicht nur die Grundlagen der Elektrotechnik, sondern man braucht Physik, man braucht technische Mechanik, man braucht Konstruktionslehre. Und Wärmelehre und die verschiedensten Dinge und das hätten wir ja nicht so schnell aus dem Boden stampfen können. Aber die hatten ja gewisse Dinge entwickelt. Und dann haben wir eben diese Materialien übernommen. Und also, ich muss wirklich sagen, dass, als wir die Elektrotechnik eingeführt haben hier in Hagen, da hat, haben mir diese Kontakte und eben andere, die ich hatte, unwahrscheinlich geholfen.

Zum Beispiel haben die Bochumer gesagt: Jawohl, wir betreuen die Physik. Oder wir ma..., führen auch das Praktikum – auch in Physik muss ein Praktikum durchgeführt werden – und die waren bereit, das Praktikum für uns dort in Bochum durchzuführen. Und dann haben, hat der, der Kollege, der Physikkollege in Bochum auch noch dafür gesorgt, dass wir Kontakt nach Karlsruhe bekamen und dann hat Karlsruhe, ist da auch mit eingesprungen und hat da mitgemacht.
Und so konnten wir eben den Studiengang hier realisieren.

Also, die FernUniversität ist bezüglich der Forschung genauso eine Universität wie jede andere. Nur eben die Lehre erfolgt ein wenig anders. Aber sonst sind die Universitäten gleich. Das, das hab' ich eigentlich von Anfang an so gesehen und so hab' ich auch immer argumentiert: Wir betreiben nur die Lehre bisschen anders.
Ja also, ich muss sagen, das Leben an der FernUniversität war abwechslungsreich, es war interessant, es war international und es war erfolgreich.

Über das Projekt Zeugen der Zeit

Interviews und Redaktion:
Dr. Almut Leh (Institiut für Geschichte und Biographie)

Produktion:
Jennifer Dahlke, Alexander Reinshagen, Sascha Senicer (Zentrum für Medien und IT)

Texte:
Carolin Annemüller, Susanne Bossemeyer, Gerd Dapprich, Anja Wetter, Multimediale Umsetzung: Oliver Baentsch (Dezernat 7 Hochschulstrategie und Kommunikation)

Fotos:
Jakob Studnar, Stefanie Loos, Archiv der FernUniversität

Plakate:
Gabriele Gruchot (Dez. 5 Technische Medienadministration)