Cornelia Kandler
Demokratie in Bildern: FernUni-Absolventin erzählt Geschichte als Graphic Novel
Foto: @ Landtag Rheinland-Pfalz
Im Landtag von Rheinland-Pfalz in Mainz erzählen gezeichnete Bilder von Revolution, Hoffnung und politischem Aufbruch. Sie zeigen Szenen aus der Zeit der Mainzer Republik (1792 bis 1793) – der ersten Demokratie auf deutschem Boden. Gezeichnet hat sie Cornelia Kandler. Die Absolventin des Masterstudiengangs Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Geschichte an der FernUniversität in Hagen hat aus ihrer wissenschaftlichen Beschäftigung mit diesem historischen Ereignis eine Graphic Novel entwickelt.
Was als Thema für eine Masterarbeit begann, wurde zu einer Ausstellung an einem symbolträchtigen Ort: im Parlament des Landes Rheinland-Pfalz. Die Präsentation fällt auch in die Zeit des neuen bundesweiten „Tags der Demokratiegeschichte“ am 18. März – ein Datum, das an zentrale Ereignisse der deutschen Demokratieentwicklung erinnert, unter anderem ist es der Gründungstag der Mainzer Republik im Jahr 1792.
Zwei Leidenschaften, die zusammenfinden
Dass Cornelia Kandler Geschichte einmal zeichnerisch erzählen würde, war lange nicht absehbar: Sie ist gebürtige Mainzerin und lebt heute noch in der Nähe der Landeshauptstadt. Zunächst arbeitete sie in einem „Vernunftberuf“. Nach ihrem Studium als Diplom-Verwaltungswirtin (FH) war sie im gehobenen Dienst der Stadt Mainz tätig. Doch ihre kreative Begabung ließ sie nicht los.
Anfang der 1990er Jahre erfüllte sie sich einen Traum und studierte Kommunikationsdesign in Wiesbaden. Seitdem arbeitet sie als Grafikerin und Illustratorin – unter anderem für Verlage und andere Auftraggeber: Aufwändige Buchillustrationen, Kartenspiele, Ausstellungen und Zeichenkurse gehören zu ihrem Portfolio.
Lange prägte zugleich ihr Familienleben den Alltag. Zwei Söhne großzuziehen bedeutete eine intensive Zeit. Doch gerade in dieser Phase gewann eine zweite Leidenschaft an Raum: die für Geschichte.
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Studium zwischen Familienalltag und Zeichenblock
2011 schrieb sich Cornelia Kandler an der FernUniversität in Hagen ein für den Master Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Geschichte. Das flexible Fernstudium passte gut zu ihrem Leben. Studienbriefe begleiteten sie auf Reisen, in den Urlaub oder an den Küchentisch.
„Je größer die Kinder wurden, umso mehr Freiräume hatte ich“, erinnert sie sich. Vor allem verfolgte sie ihren Weg als Illustratorin wieder intensiver. Das Studium an der FernUni verlief nicht mehr so stringent. Motivation und Austausch fand sie insbesondere in einer Lerngruppe in Frankfurt. „Die Lerngruppe hat mir bei Schwierigkeiten geholfen, etwa Hausarbeiten zu schreiben“, erzählt sie.
Den entscheidenden Impuls für ihre Masterarbeit erhielt sie schließlich in einem Comicseminar bei der Historikerin PD Dr. Eva Ochs von der FernUniversität. Ochs brachte die Idee ins Rollen, historische Forschung mit beruflicher Erfahrung als Illustratorin zu verbinden.
Von der Masterarbeit zur Graphic Novel
In ihrer Masterarbeit untersuchte Kandler die Geschichte der Mainzer Republik – der ersten bürgerlichen Demokratie auf deutschem Boden, die während der Französischen Revolution entstand, aber nur neun Monate existierte. „Mich interessierte vor allem die Rolle der Frauen in der Zeit des Umsturzes“, erzählt Kandler. Sie studierte Quellen von Zeitzeugen und Gerichtsakten über die Frauen, die sich an der Mainzer Republik beteiligt hatten.
Am Ende legte sie eine dreiteilige Masterarbeit vor: den reinen wissenschaftlichen Beitrag plus einen konzeptionellen Leitfaden darüber, wie sich historische Forschung in das Format einer Graphic Novel übertragen lässt. Außerdem hatte sie das Manuskript entwickelt und drucken lassen. „Für einen Eindruck, wie das fertige Buch später aussieht.“ Es enthielt bereits ein paar fertige Seiten, Vorzeichnungen, Entwürfe und geplante Seiten.
Im Anschluss begann sie, die Geschichte tatsächlich zeichnerisch umzusetzen: „Kreppl, Kokarden, Kanonen – Anna und die Mainzer Republik“. „Da trifft die Welt der Wissenschaft – mit Genauigkeit und Belegen – auf die Welt der Illustration – mit Freiheit und Kreativität“, beschreibt Kandler, die sich mit dem Projekt nun seit insgesamt vier Jahren beschäftigt.
Foto: © Landtag Rheinland-Pfalz
Im Mittelpunkt steht eine fiktive Figur: Anna Kandler, Angehörige einer Leineweberfamilie, die 1791 nach Mainz kommt und die politischen Umbrüche der Zeit miterlebt. Über diese Familiengeschichte führt die Graphic Novel durch die Zeit vor der Revolution, die Phase der Revolution und schließlich das Ende der Republik.
„Die Handlung basiert auf eben den historischen Quellen und Berichten, die ich für die Masterarbeit gelesen hatte“, so Kandler, die sich als Familienmensch bezeichnet. Da lag es nahe, die Heldin der Graphic Novel zu einer Ahnin zu machen.
Vom Studienprojekt zur Ausstellung
Mit dem Projekt bewarb sie sich für eine Ausstellung beim Landtag in Mainz. „Die Staatskanzlei hatte sofort Interesse, darüber habe ich mich sehr gefreut.“
Die Bilder sind hörbar gemacht: Sprecherinnen und Sprecher haben die historischen Dokumente vertont – nicht nur für die Ausstellung, sondern auch für das Buch. „So wird Geschichte lebendig.“
Demokratie sichtbar machen
Für Cornelia Kandler ist die Beschäftigung mit der Mainzer Republik mehr als ein historisches Interesse. Die kurze Phase zwischen 1792 und 1793 zeigt, wie erstmals demokratische Ideen auf deutschem Boden praktisch erprobt wurden – mit Öffentlichkeit, Pressefreiheit und politischer Teilhabe, aber auch Konflikten und Brüchen.
Gerade deshalb sieht die Mainzerin darin eine Botschaft für die Gegenwart: „Wir leben in einer Zeit, in der Öffentlichkeit, Meinungsfreiheit und Debattenkultur nicht mehr selbstverständlich scheinen“, sagte sie bei der Ausstellungseröffnung. „Gerade den jüngeren Generationen möchte ich sagen: Lasst euch diese Errungenschaften nicht nehmen.“ Deshalb möchte sie ihr Buch künftig insbesondere in Schulen vorstellen und in Geschichtsvereinen darüber sprechen.
Was als Masterarbeit an der FernUniversität begann, hat so eine eigene Dynamik entwickelt. Für Cornelia Kandler ist das Studium zwar abgeschlossen – ihr Thema aber längst nicht. „Schade, dass es vorbei ist“, sagt sie über ihre Studienzeit.
Die Geschichte der Mainzer Republik erzählt sie weiter – Bild für Bild.
Stand: April 2026