Sebastian Thiem

Vom Einkaufsleiter zum Geschichtsexperten

Porträt von Sebastian Thiem Foto: FernUniversität
Sebastian Thiem

Egal ob antike Steinschleuder oder moderne Atombombe: Die Geschichte der Waffentechnik ist unweigerlich mit Themen wie Gewalt, Krieg und Leid verbunden. Gerade deswegen kommt die historische Forschung nicht umhin, sich reflektiert mit militärischen Aspekten auseinanderzusetzen. Hier hat Sebastian Thiem seine wissenschaftliche Nische gefunden. Der 32-Jährige beginnt zum Sommersemester 2018 das Masterstudium „Geschichte Europas – Epochen, Umbrüche, Verflechtungen“ an der FernUniversität in Hagen. Zuvor hat er bereits seinen Bachelor Kulturwissenschaften mit der Ausrichtung Geschichte und Literaturwissenschaft im Fernstudium erlangt. Parallel zu seiner akademischen Laufbahn ist er als Experte und Sachverständiger für historische Waffen tätig.

Thiem wohnt mit seiner Familie im bayrischen Kirchenthumbach. Als Vater von drei Kindern hat er eigentlich alle Hände voll zu tun – trotzdem studiert er in Vollzeit. Für ihn ist die Doppelbelastung jedoch kein Problem: „Mit Geschichte tue ich mich leicht. Das Interesse ist einfach da!“ Thiem durchlief zunächst eine bankkaufmännische Ausbildung und machte in der Wirtschaft Karriere. Als Einkaufsleiter arbeitete er bei einem bedeutenden Hersteller technischer Keramik. „Ich komme eigentlich aus zwei Welten“, findet der Geisteswissenschaftler. Einer Welt hat er nun fürs erste den Vortritt überlassen: Im November 2017 kündigte Thiem seinen Job, um sich voll auf seine Leidenschaft, die Geschichtswissenschaft, zu konzentrieren.

Zusammenhänge im Blick

Bereits 2010 – also lange vor seiner Zeit als Fernstudent – begann Thiem Aufsätze über alte Waffen zu verfassen, die er seither in einer Special-Interest-Zeitschrift veröffentlicht. Seine so entstandene Expertise kann er zugleich bei Prüfungsleistungen im Studium einbringen. Einer von Thiems inhaltlichen Schwerpunkten liegt bei Klingenwaffen. Neugierig machen ihn dabei nicht nur die Schwerter, Degen und Bajonette als solche, sondern vor allem die Geschichte hinter den historischen Objekten: „Von einer Klinge kann man zum Beispiel auf damalige Produktionsbedingungen, das zeitgenössische Manufakturwesen oder die Industriegeschichte schließen“, erklärt Thiem den Kontext seiner Arbeit. „Das Militär war von der Steinzeit bis zur Neuzeit immer wieder eine Triebfeder für technische Entwicklungen.“

Private Bibliothek

Dass der Masterstudent bisweilen wie eine wandelnde Enzyklopädie wirkt, kommt nicht von ungefähr: „Über die Jahre habe ich mir eine eigene Bibliothek mit über 600 Fachbüchern zusammengestellt“, erzählt er. „Auf die Fernleihe war ich daher während meines bisherigen Studiums kaum angewiesen.“ Für seine Forschung steht Thiem dennoch in regem Dialog mit Archiven und Museen im In- und Ausland. Zudem engagiert er sich als Mitglied in einer Vielzahl von wissenschaftlichen Interessensgruppen – etwa der Gesellschaft für Archäologie in Bayern, dem Arbeitskreis Militärgeschichte oder der Royal Historical Society. Auch als Sachverständiger ist der Fernstudent immer wieder gefragt. Als letztes beriet er die Produzenten einer mehrteiligen Dokumentation über die Geschichte der Gewalt. Die Filmreihe wurde im ZDF ausgestrahlt.

In seiner Freizeit ist Sebastian Thiem am liebsten draußen in der Natur unterwegs. Hier wandert er mit seinen Kindern und sucht archäologische Fundstätten wie alte Mauerreste und Fundamente auf. Sein Forschungsinteresse hat auch seinen persönlichen Blick auf die Geschichte der Bundesrepublik geprägt: „Historisch betrachtet währt die Friedensphase, in der wir uns als Gesellschaft befinden schon sehr lange. Der Frieden ist ein hohes Gut, mit dem wir als Demokratie pfleglich umgehen müssen.“

Stand: März 2018

Benedikt Reuse | 20.09.2018