Mit Elfmetern und Gelben Karten menschliches Verhalten erklären

Bei der Fußball-WM hat Dr. Hendrik Sonnabend Elfmeter und Gelbe Karten im Blick. Der FernUni-Wissenschaftler forscht mit Daten aus dem Profifußball.


Hand mit Gelber Karte in einem Fußballstadion Foto: Kinemero/istock/Getty Images
Mit Hilfe von Gelben Karten erforscht Dr. Hendrik Sonnabend Verhalten im Wettbewerb.

Argentinien wird Fußball-Weltmeister. So lautet der Tipp von Fußballfan Dr. Hendrik Sonnabend. Als Wissenschaftler der FernUniversität in Hagen dürften ihn bei der laufenden WM in Russland insbesondere unberechtigt gegebene Elfmeter und der Missbrauch der Gelbsperren-Regel interessieren. Denn mit Hilfe von Strafstößen und Gelben Karten erforscht Dr. Hendrik Sonnabend Verhalten im Wettbewerb.

„Daten aus dem Profifußball eignen sich gut, um ökonomische Hypothesen zu testen. Das Umfeld zeichnet sich durch extrem hohe Anreize aus. Die Daten sind sehr gut dokumentiert, die Leistung ist leicht zu messen und die Fußballer sind Profis in ihrer Aufgabe“, erklärt der Wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl für VWL, insb. Wirtschaftspolitik. „So lassen sich Erkenntnisse gewinnen, die auch Rückschlüsse auf menschliches Verhalten in anderen Lebensbereichen zulassen.“

Führung lässt Raum für Gerechtigkeitsbedenken

Um das Erleben unfairer Vorteile auf das Leistungsvermögen geht es in einem gemeinsamen Projekt mit Dr. Mario Lackner von der Universität Linz. Werden unberechtigt gegebene Elfmeter häufiger verschossen? Ins Spiel kommen hier 857 Strafstöße aus der Fußball-Bundesliga, die sich im Merkmal „korrekte Entscheidung“ und „nicht korrekte Entscheidung“ unterscheiden. Die Analyse zeigt, dass es grundsätzlich keinen Zusammenhang zwischen der Qualität der Schiedsrichterentscheidung und der Trefferwahrscheinlichkeit gibt. Wird allerdings der Spielstand berücksichtigt, werden unberechtigt gegebene Elfmeter häufiger verschossen, wenn die Mannschaft in Führung liegt. Konkret reduziert sich die Trefferwahrscheinlichkeit um 14 Prozent. „Die Führung lässt mehr Raum für Gerechtigkeitsbedenken. Außerdem könnte es eine unbewusste Neigung geben, den erwarteten Sieg nicht beschmutzen zu wollen“, interpretiert Dr. Hendrik Sonnabend die Ergebnisse.

Sollte Bundestrainer Jogi Löw bei der Fußball-WM vor der Entscheidung stehen, wer einen unberechtigt gegebenen Elfmeter schießt, ist es für die Trefferwahrscheinlichkeit übrigens egal, ob der Gefoulte selbst den Strafstoß ausführt oder nicht.

Portrait eines Mannes Foto: FernUniversität
Dr. Hendrik Sonnabend forscht mit Daten aus dem Profifußball.

Missbrauch der Gelbsperren-Regel

Mit Blick auf die Spiele in Russland ist auch der Missbrauch der Gelbsperren-Regel interessant. „Diese Regel wird strategisch genutzt, um Ressourcen zu sparen“, sagt Dr. Hendrik Sonnabend. In einem weiteren Projekt hat der FernUni-Wissenschaftler mit Prof. Dr. Christian Deutscher (Universität Bielefeld), Prof. Dr. Marco Sahm (Universität Bamberg) und Dr. Sandra Schneemann (Universität Bielefeld) strategisches und antizipierendes Verhalten in Turnieren untersucht.

Bei der WM gilt: Zwei Gelbe Karten aus zwei unterschiedlichen Spielen ziehen eine Sperre für das nächste Spiel nach sich. Eine „weiße Weste“ (Streichung aller einzelnen Gelben Karten) gibt es erst ab dem Viertelfinale, um Gelbsperren im Finale zu verhindern. „Dies lässt Raum für die Art von strategischem Missbrauch der Regel, den wir mithilfe von Bundesliga-Daten nachweisen können“, sagt Dr. Hendrik Sonnabend.

Gewinnt eine Mannschaft in Russland die ersten beiden Spiele der Gruppenphase und sieht sich im dritten Spiel einem schwachen Gegner gegenüber, so besteht folgender Anreiz: Im ersten Spiel verwarnte Spieler könnten im zweiten Spiel eine weitere gelbe Karte provozieren, um dann im dritten Spiel auszusetzen und somit „unbelastet“ in das Achtelfinale zu gehen.

Der Fairplay-Gedanke gerät dabei ins Wanken. „Es ist ein schwieriger Konflikt, in dem Spieler während der WM stehen“, sagt Dr. Hendrik Sonnabend. „Sie bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Erfolgs- und Fairnesserwartungen.“

Carolin Annemüller | 18.06.2018