KI und Arbeitswelt: „Ich darf nie aufhören zu lernen“

Beim Politischen Salon ging es um KI: Was bringt die neue Technik für die Arbeitswelt? Und verlieren nun alle ihre Jobs? Expert:innen kamen darüber mit dem Publikum ins Gespräch.


Roboter mit Tablet als Gesicht Foto: FernUniversität
Temi, der sprechende Roboter aus dem Immersive Collaboration Hub (ICH) der FernUni, steht sinnbildlich für den technischen Wandel. Rechts der KI-Forscher Prof. Matthias Thimm.

Mal unmerklich, mal offensichtlich ist Künstliche Intelligenz inzwischen mit dem Alltag der Menschen verwoben. Eher unauffällig begegnet sie uns zum Beispiel in Navigations-Apps, beim Musikstreaming oder Online-Shopping – bewusst wird sie uns spätestens im direkten Dialog mit Sprachmodellen wie ChatGPT. Temi aus dem ICH-Hub der FernUniversität verleiht der neuen Technik sogar ein regelrechtes „Gesicht“: Der kleine Roboter mit Monitor-Kopf begrüßte das Publikum beim Politischen Salon. Er steht sinnbildlich für einen Wandlungsprozess, der in vielen Lebensbereichen spürbar ist; so auch in der Arbeitswelt. „Superkraft KI – Jobchanger für alle(s)?“ lautete der Titel des öffentlichen Podiumsgesprächs, das Dr. Annabell Bils (FernUni) und Tobias Prinz (SIHK zu Hagen) moderierten. Ausgerichtet wurde der Politische Salon wie immer von der FernUni in Kooperation mit dem Theater Hagen, dem Emil Schumacher Museum und dem Osthaus Museum – diesmal auf dem Hagener Campus. Auch der verändert sich unter dem Einfluss von KI, wie Prof. Dr. Claudia de Witt als Prorektorin für Lehre, Studium und Künstliche Intelligenz in Bildungsprozessen erklärte: „In drei Jahren werden sie die Hochschule vielleicht ganz anders wahrnehmen, weil wir eine flächendeckende Struktur für KI aufbauen.“

Menschen befähigen

Volles Podium Foto: FernUniversität
Die Podiumsdiskussion wurde durch Wissens-Snacks aufgelockert, die Prof. Claudia de Witt und Prof. Matthias Thimm präsentierten.

Als staatliche Universität voranzugehen, erscheint angesichts galoppierender technischer Entwicklungen unerlässlich. Zwar beruhigte Prof. de Witt mit Blick auf den allgemeinen Arbeitsmarkt: „In der Arbeitswelt ist eher eine Transformation der Arbeit als ein massenhafter Arbeitsplatzabbau zu erwarten.“ Schritt halten kann aber eben nur, wer am Ball bleibt. Lernen wird so mehr denn je zur lebenslangen Aufgabe – woraus die FernUniversität ihren gesellschaftlichen Auftrag ableitet: „Bildung bleibt relevant, wenn wir Menschen befähigen, mit dem ständigen Wandel umzugehen.“ Nicht nur in Forschung und Lehre braucht es Know-how. De Witt verwies gleichermaßen auf die flächendeckende Qualifikation der gesamten FernUni-Belegschaft. „Wir sind die erste Hochschule, die eine verpflichtende KI-Schulung für alle Beschäftigten auf den Weg gebracht hat.“

Zahnräder in der Verwaltung schmieren

Dazu passten die Einblicke, die Matthias Böhm aus der Verwaltung der Stadt Hagen lieferte. Als Fachbereichsleiter für Informationstechnologie und Zentrale Dienste der Stadt Hagen überblickt er eine Reihe von Maßnahmen, die die kommunale Arbeit schneller, unkomplizierter und bürgernäher machen soll. Seine Kernfrage mit Blick auf KI laute: „Wo sind die Anwendungsfälle, die die wirklichen schnellen und großen Gewinne erzielen können?“ Wichtig war Böhm zu betonen, dass die Technik zwar Dienstleistungen verbessern, keineswegs aber den Menschen mit seinen letztgültigen Entscheidungen ersetzen soll. Zwar gelte es bedacht vorzugehen – etwa mit Blick auf Datenschutz oder digitale Souveränität. Trotzdem freut sich Böhm über die Innovation, die dank KI in die Verwaltungsarbeit Einzug hält: „Es geht an vielen Stellen schlicht und ergreifend darum, erstmal anzufangen.“ Die Technik wird bei vielen Prozessen unter die Arme greifen. Direkt spürbar für Bürger:innen soll sie etwa in Form eines Chatbots werden, der Standardfragen beantwortet. Den Menschen bliebe so mehr Zeit für komplexe Probleme.

Vom mechanischen Apparat zur subsymbolischen KI

Menschen auf Podium Foto: FernUniversität
Andreas Rittinghaus (li.) und Matthias Böhm vermittelten ihren arbeitspraktischen Bezug zu KI.

Welche Aufgaben einer KI zuzutrauen sind – und was „Künstliche Intelligenz“ überhaupt wissenschaftsgeschichtlich bedeutet, das erklärte Prof. Dr. Matthias Thimm dem Publikum auf unterhaltsame Weise. Der Forscher leitet das Lehrgebiet Künstliche Intelligenz an der FernUniversität. Die Faszination dafür, dem Menschen technisch nachzueifern, zeige sich bereits in der antiken Mythologie, so Thimm: „Hephaistos hat schon Roboter konstruiert.“ Mit der Herausbildung der modernen Informatik nach dem Zweiten Weltkrieg startete auch der Dauerlauf zur möglichst perfekten KI. Schon Mitte des letzten Jahrhunderts verband die Forschung große Heilsversprechen mit der Technik. Heutige subsymbolische Systeme zeigten zwar durchaus beeindruckende Leistungen, allzu euphorische Prognosen blieben dennoch zweifelhaft: „Die Geschichte der KI ist eine Geschichte der falschen Ausblicke, der falschen Vorhersagen“, stellte Thimm klar. Darauf angesprochen, welche Sorge ihn in Bezug auf KI umtreibt, erinnert er an die eigene Schaffenskraft des Menschen: „Die Gesellschaft muss aufpassen, dass sie ihre Kreativität nicht verliert.“

Zwischen Sorge und Faszination

Große Sorgen haben auch Marcel Colley umgetrieben: Er ist Senior Cloud Architect und Experte für KI-gestützte Softwareentwicklung. Im Rahmen seiner beratenden und entwickelnden Tätigkeit sei er durch viele Höhen und Tiefen gegangen, berichtete er. Einerseits sieht er große Probleme – etwa mit Blick auf die digitale Souveränität der EU: „Ja, es stimmt, es gibt eine extreme Abhängigkeit.“ Auf die enge Verstrickung mit US-amerikanischen Konzernen blickt er mit gewissen Bauchschmerzen: „Wir sind alle in einer riesigen Marketingkampagne gefangen“, bilanziert er nüchtern. „Es gibt wenige Antworten von Europa – und das ist erschreckend.“ Trotzdem hat er aus unternehmerischer Räson den Schluss gezogen: „Bedenken second!“ Irgendwann war ihm klar: „Ich muss mich damit auseinandersetzen. Ich muss es können.“ Wie schon Prof. de Witt machte er deutlich: „Ich darf nie aufhören zu lernen.“ Sein Wunsch: Die KI soll lästige, repetitive Aufgaben erledigen – sodass dem Menschen mehr Zeit für seine eigentliche Profession und Leidenschaft bleibe.

Studierende eignen sich Kompetenzen an

Menschen auf Podium Foto: FernUniversität
Zwischen Bedenken und Aneignung: Marcel Colley (li.) und Maren Cordes

Als Studentin der FernUniversität hat Maren Cordes einen ganz eigenen Blick auf KI. Sie arbeitet beim Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband und beschäftigt sich in ihrer Masterarbeit mit früher Bildung. Mit Blick auf dieses Arbeitsumfeld ist sie sich sicher: „Die Menschen werden definitiv nicht ersetzt werden können. Die frühe Bildung braucht das menschliche Gegenüber.“ Nichtsdestoweniger sieht sie Herausforderungen: „Oft wird die KI sehr unreflektiert eingesetzt.“ Auch deshalb hält sie es für gut und wichtig, dass die FernUni sich hinsichtlich ihres Studienangebots wandelt und weiter modernisiert – auch, wenn sie den früher häufigeren zwischenmenschlichen Umgang mit Kommiliton:innen sehr genossen habe. Am Puls der Zeit zu bleiben, sei jedoch alternativlos. Entsprechend plädierte sie für ein „sehr gutes didaktisches Angebot“ ohne Berührungsängste. Der an manchen Unis vorherrschende Verdacht, „die Studierenden lassen sich ihre Arbeiten schreiben“, stimme so nicht. Dass die FernUni hier offener und mutiger denkt, freut sie.

Einmal frisch durchmischen

Mut zum Neuen, Mut zum Wandel – das ist es, wofür auch Andreas Rittinghaus, Geschäftsführer der HAIT GmbH, steht. Sein Leitsatz: „Wir sind Changer!“ Er teilte unter anderem Erfahrungen mit der Entwicklung einer innovativen Lernplattform für seine Kundschaft. Dabei muss er mit seinem Team viele Steine aus dem Weg zu räumen, die Bürokratie und Regularien mit sich bringen. Die Mühe lohne sich jedoch – allein mit Blick auf die Mission, junge Menschen fit für den Arbeitsmarkt zu machen. Leicht sei es zu beklagen: „Die jungen Leute taugen nix.“ Rittinghaus denkt jedoch lieber konstruktiv: „Wir müssen uns vielleicht auch mit unseren Lösungsansätzen an den Menschen orientieren, die jetzt in die Arbeitswelt reinkommen.“ KI biete hier einmalige Chancen: „Damit hole ich die Menschen wieder alle an einen Tisch“, pointierte er.

 

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