Anna Weidel
Lernen bei Olympia in Italien und Klausuren beim Weltcup in Norwegen
Foto: Kevin Voigt
Peng, peng, peng, peng, peng: Fünf Schüsse, fünf Treffer. Anna Weidel ist eine der schnellsten und sichersten Schützinnen im Biathlon-Weltcup. Aktuell bereitet sich die Bayerin auf die Olympischen Winterspiele in Italien vor. Auch ihre Studienunterlagen packt die Zoll-Beamtin ins Reisegepäck. Die 29-Jährige studiert im zweiten Semester Jura an der FernUniversität in Hagen. „Ich brauche das als Ausgleich für den Kopf“, sagt sie.
Gut essen, gut schlafen und wenig Stress
Wir erreichen Anna Weidel zu Hause in Flintsbach am Inn bei Rosenheim. Gerade erst ist sie vom Weltcup im tschechischen Nové Město zurück. Auspacken, waschen, umpacken: In ein paar Tagen geht’s ins Trainingslager zur Olympia-Vorbereitung nach Obertilliach und von dort weiter zu den olympischen Wettkampfstätten nach Antholz. Olympia ist der Höhepunkt in Anna Weidels bisheriger Sportkarriere, in der sie schon viele nationale und internationale Erfolge gefeiert hat, aber noch kein olympisches Rennen gelaufen ist. Ob sie in Italien tatsächlich starten wird, ist offen. Sechs deutsche Athletinnen sind qualifiziert, nur vier dürfen starten. Entsprechend groß ist der Druck. „Ich bin das als Leistungssportlerin gewohnt und kenne es nicht anders“, bleibt Weidel cool. Die Vorfreude auf das Großereignis ist etwas gedämpft, weil die deutsche Biathlon-Mannschaft nicht im Olympischen Dorf wohnen wird. Die Rennen finden in Antholz statt – weit weg von den anderen Wettkampforten in Mailand und Cortina. „Das ist extrem schade. Wir werden angesichts der Entfernung nicht zur Eröffnungsfeier können“, sagt Weidel. Aktuell laufen für sie die Trainingstage in der Vorbereitung nicht anders ab als sonst auch. „Gut essen, gut schlafen, wenig Stress und vor allem gesund bleiben“, so lautet ihr Motto. „Es wird darauf ankommen, frisch in die Ausscheidungsrennen zu gehen.“ Bei einer Runde mit ihren Hunden und beim Studieren bekommt sie den Kopf frei, zumal Unternehmungen wegen einer möglichen Infektionsgefahr nur eingeschränkt möglich sind.
Foto: Team Deutschland
Das Fernstudium ist gut organisiert und macht Spaß. Ich bin froh und dankbar, dass es die FernUni gibt. Sonst wäre mein Jura-Studium nicht möglich.
Anna Weidel, Biathletin
Klausuren beim Weltcup in Norwegen
Nach Italien fährt auch die FernUni mit. Im Februar steht für Anna Weidel ihre Hausarbeit im Schuldrecht an, im März die Klausuren im Europarecht. „Die werde ich online in Norwegen beim Weltcup schreiben.“ Die Kamera hat sie schon besorgt und getestet. „Ich hoffe auf gutes Internet im Hotel in Oslo“, sagt sie.
Anna Weidel tut es gut, „neben dem Biathlon in eine ganz andere Welt abzutauchen.“ Jura als Fach sei allerdings anstrengend. Nach ihrem BWL-Abschluss an der Hochschule Ansbach erfüllt sie sich jetzt noch ihren langgehegten Wunsch vom Jurastudium – mit dem Bachelor als Ziel, aber ohne Zeitdruck. Denn im Olympiajahr steht der Biathlonsport an erster Stelle. „Ich trainiere gerne und viel“, sagt Anna Weidel. 800 bis 900 Stunden kommen im Jahr zusammen: am Schießstand, in der Loipe auf dem Fahrrad, im Kraftraum. Von November bis März läuft die Weltcup-Saison und Anna Weidel ist kaum zu Hause. Im Sommer wird es etwas ruhiger mit 25 Trainingsstunden pro Woche. In der Regel fallen immer eine Vormittags- und Nachmittagseinheit an. „Der Mittagsschlaf dazwischen ist mir heilig“, sagt Anna Weidel. „Ich lerne daher abends.“
Aller Anfang ist schwer, zumal Anna Weidel keine juristische Unterstützung in der Familie hat. „Es ist schon schwierig, bis man sich zum Beispiel in den Gutachterstil und die Fachsprache reingefunden hat.“ Anna Weidel ist daher über WhatsApp-Gruppen gut vernetzt und tauscht sich häufig mit anderen Studierenden aus. „Es ist viel Arbeit und es gehört viel Eigenverantwortung dazu“, schildert sie ihre Erfahrungen. „Aber das Fernstudium ist gut organisiert und macht Spaß. Ich bin froh und dankbar, dass es die FernUni gibt. Sonst wäre mein Jura-Studium nicht möglich.“
Foto: Kevin Voigt
Dabei sein ist nicht alles
Egal wie es in Antholz läuft, Biathlon soll noch eine Weile an erster Stelle stehen. Mit 29 Jahren hat Anna Weidel auch die Familienplanung im Blick und denkt nur noch von Saison zu Saison. Ein weiteres Jahr als Profibiathletin soll folgen. „Biathlon macht extrem viel Spaß. Ich habe mit dem Sport meine große Leidenschaft gefunden“, erklärt sie. Auf die Zeit nach der Sportkarriere blickt sie daher mit gemischten Gefühlen. „Ich weiß nicht, ob ich im Leben nochmal etwas finde, was mich mental und körperlich so fordert und antreibt, das Beste aus mir rauszuholen.“
In den vergangenen Jahren konnte sie oft nicht zeigen, was sie als Biathletin wirklich drauf hat. Immer wieder wurde sie durch hartnäckige Krankheiten ausgebremst, deshalb trägt sie in der Olympia-Vorbereitung meistens eine Maske. In diesem Winter läuft es bislang rund. Die Qualifikationen für den Weltcup und für Olympia hat sie frühzeitig geschafft, im Weltcup ist sie in die Top Ten gelaufen. Bei den Winterspielen in Antholz möchte sie mehr als nur dabei sein.
Stand: Januar 2026