Studie bestätigt die Wirksamkeit sozialer Normen
Viele Gesellschaften sind gespalten. Soziale Normen können den negativen Folgen von Polarisierung entgegenwirken. Das zeigt eine Studie unter der Leitung von FernUni-Forschenden.
Foto: Hardy Welsch
Auf Menschen mit anderer Meinung zugehen, gesprächsbereit bleiben, andere Einstellungen auch dann aushalten, wenn man sie selbst ablehnt – solche Verhaltensweisen sind für Demokratien elementar. „In vielen Gesellschaften bemerken wir jedoch eine zunehmende Polarisierung“, sagt Prof. Dr. Oliver Christ von der FernUniversität in Hagen. „Wie kann man einer solchen Dynamik entgegenwirken? Was ist auf individueller Ebene wichtig für Demokratien?“ Der Psychologe ist sich sicher: Damit pluralistische Gesellschaften auch unter Spannung zusammenhalten, braucht es den passenden normativen Überbau. Das zeigt nun ein Artikel, erschienen in der renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift PNAS Nexus: „Associations between inclusivity norms and tolerance, contact, and cooperation amid polarization: Evidence from 12 European countries“. Erstautorin ist Laura Schäfer, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Lehrgebiet „Psychologische Methodenlehre und Evaluation“. Oliver Christ, Leiter des Lehrgebiets, ist als Senior-Autor beteiligt; zudem weitere Mitglieder seines Teams und Forschende anderer Universitäten. (s. Infobox).
Der gemeinsame Artikel basiert auf Daten, die im Rahmen des internationalen Projekts „Inclusivity Norms To Counter Polarization In European Societies“ erhoben wurden – finanziert von der VolkswagenStiftung. (Mehr zum Projekt).
„Wir stellen Ergebnisse aus einer Fragebogenstudie vor, die sich über 12 europäische Länder erstreckt hat“, fasst Laura Schäfer zusammen. „Darin haben wir uns angeschaut, inwiefern gesellschaftliche Normen den negativen Auswirkungen von Polarisierung entgegenwirken können.“
Menschen passen sich an
Normen sind gesellschaftlich geteilte Regeln, die Erwartungen an ein bestimmtes Verhalten vorgeben. „Der Begriff ‚Inklusivitäts-Normen‘ beschreibt eine Kombination aus unterschiedlichen inhaltlichen Aspekten“, erklärt Laura Schäfer. Diese vermitteln einen Kanon aus drei zentralen Werten: Dem gegenseitigen Respekt, also der Anerkennung anderer als gleichwertiger Teil der Gesellschaft, der Notwendigkeit von Dialog, also der Bereitschaft anderen in der Gesellschaft zuzuhören, und Gemeinschaft, also der Betonung, dass Menschen nur gemeinsam gesellschaftliche Herausforderungen bewältigen können.
Die Studie
Laura F Schäfer, Nicole Tausch, Marcin Bukowski, Eva Jaspers, Miranda J Lubbers, Maarten van Zalk, Alejandro Ciordia, Anna Potoczek, Lucía Estevan-Reina, Maor Shani, Jan-Willem Simons, Maria-Therese Friehs, Dominika Gurbisz, Wilma Middendorf, Sarina J Schäfer, Jil Ullenboom, Sylvie Graf, Mikael Hjerm, Chloé Lavest, Inga Jasinskaja-Lahti, Anna Kende, Katerina Petkanopoulou, Francesca Prati, Oliver Christ, Associations between inclusivity norms and tolerance, contact, and cooperation amid polarization: Evidence from 12 European countries, PNAS Nexus, Volume 5, Issue 4, April 2026, pgag087, https://doi.org/10.1093/pnasnexus/pgag087
Das Forschungsteam fragte die rund 12.000 Teilnehmenden nach ihrer Wahrnehmung: Verhält sich die Mehrzahl der Menschen in der Gesellschaft in diesem Sinne? Und hält sie es außerdem für wichtig, dass alle Mitglieder in der Gesellschaft sich entsprechend verhalten sollten? Wichtige Fragen, denn der Blick auf die Mitmenschen wirkt sich nachweisbar auf das eigene Handeln aus – in diesem Fall auf die eigene Toleranz, Kontakt- und Kooperationsbereitschaft. „Menschen orientieren sich in ihrem eigenen Verhalten an solchen wahrgenommenen sozialen Normen“, betont Schäfer.
Abgesicherte Zusammenhänge
„Es hat sich über alle untersuchten Länder hinweg gezeigt, dass die Befragten toleranter, kontakt- und kooperationsbereiter sind, wenn sie wahrnehmen, das andere in der Gesellschaft es wichtig finden, sich respektvoll zu verhalten, dialogbereit zu sein und sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen“, sagt Schäfer. Die Zusammenhänge zeigen sich, „selbst, wenn es eine starke Ablehnung der anderen Meinung gibt“, so die Wissenschaftlerin. „Mehrere Robustheitschecks sichern unsere Ergebnisse ab“, bilanziert Christ.
Rezept für eine gemeinsame Zukunft?
Was bedeuten diese psychologischen Erkenntnisse für das Zusammenleben in Deutschland? „Politik wird immer stärker auf der Grundlage der Betonung von deutlichen Unterschieden in Positionen zu wichtigen gesellschaftlichen Fragen ausgetragen“, ordnet Schäfer ein. „Die Politik trägt somit zu einer ‚Wir‘ gegen ‚Die‘ Mentalität bei, die gesellschaftliche Gräben vergrößern kann.“ Eben dort, wo verschiedene Meinungen hart aufeinanderprallen, kommt den Normen ihre große Bedeutung als soziale Leitplanken zu. Deshalb plädiert das Team dafür, mit gutem Beispiel voranzugehen: „Parteien, Politikerinnen und Politiker, alle, die in der Öffentlichkeit stehen, sind eine wichtige Quelle solcher Normen“, pointiert Christ. „Und wer sich den Inklusivitäts-Normen entsprechend verhält und deren Wichtigkeit betont, trägt automatisch dazu bei, dass wir als Gesellschaft alle an einem Strang ziehen – trotz unterschiedlicher Positionen zum richtigen Umgang mit wichtigen gesellschaftlichen Herausforderungen.“
Das könnte Sie noch interessieren
Foto: FG Trade/E+/Getty Images
Foto: Davide Angelini – adobe.stock.com