„Kontakt wirkt – aber passiert nicht einfach so“
Die Sozialpsychologie weiß: Kontakt hilft dabei, Beziehungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen zu stärken. Aus einer FernUni-Tagung zum Thema ging nun eine Publikation hervor.
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Wie lässt sich gesellschaftlicher Zusammenhalt stärken? Die Sozialpsychologie hat darauf eine eindeutige Antwort: durch Kontakt zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. Doch ganz so leicht ist es nicht. Die Forschung zu sogenannten Intergruppenkontakten treibt noch immer viele Fragen um – zum Beispiel: Wie kommt man überhaupt in Kontakt? Welche Art von Personen kommt in Kontakt? Und unter welchen Umständen wird Kontakt vermieden? Um die Forschung dazu voranzubringen, trafen sich Psycholog:innen aus der ganzen Welt 2024 zu einer Kleingruppenkonferenz in Hamburg. Ausgerichtet wurde die Konferenz von Prof. Dr. Oliver Christ (FernUniversität in Hagen), seiner Mitarbeiterin Dr. Maria-Therese Friehs und Prof. Dr. Mathias Kauff (Medical School Hamburg). Die European Association of Social Psychology und die beteiligten Hochschulen förderten das internationale Treffen.
Die Idee hinter der Kleingruppenkonferenz: Expert:innen sollen nicht mit verschiedenen Vorträgen untereinander konkurrieren, sondern gemeinsam an frischen Forschungsansätzen arbeiten. „Wir haben uns bewusst von traditionellen Konferenzformaten entfernt, wo es nur darum geht, bestehende Forschung zu präsentieren“, fasst Therese Friehs zusammen. „Stattdessen haben wir zukunftsgewandt und gemeinsam neue Forschungsthemen entwickelt.“ In fünf Arbeitsgruppen machten sich die Psycholog:innen ans Werk.
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Das Teamwork trägt bereits Früchte: Die Fachzeitschrift „Nature Reviews Psychology“ veröffentlichte jetzt einen Beitrag, erstellt von einer der Arbeitsgruppen. Darin überblicken die Autor:innen die bisherige Forschung zu Kontaktfindung und Kontaktvermeidung. (s.Infobox). „Die Literatursynthese haben wir genutzt, um auch die Ergebnisse unserer Konferenz einzuarbeiten“, erklärt Friehs, die als Autorin beteiligt war.
Historische Einordnung
Das psychologische Interesse an Kontakten hat bereits eine lange Geschichte: „Die Kontaktforschung kommt aus den USA; aus den Zeiten der Segregation zwischen Schwarzen und Weißen US-Amerikanern“, ordnet Therese Friehs ein. Zuerst war die „Rassentrennung“ nur an bestimmten Orten aufgehoben worden, zum Beispiel dort, wo man unweigerlich auf immer neues Personal angewiesen war – etwa unter Soldaten im Zweiten Weltkrieg, oder im Bergbau. Später kam es zu flächendeckenden Öffnungen, zum Beispiel 1954 im Schulbetrieb. „Hier nahm die Kontaktforschung ihren Ursprung.“ Statt Konflikte durch strikte Abgrenzung vermeiden zu wollen, führt man Gruppen zusammen, in der Annahme, dass sich die Beziehungen so verbessern. „Ich merke, dass mein Gegenüber ein Mensch ist – so wie ich“, pointiert Friehs. Die Forschung erkannte: „Kontakt wirkt! Und das ist was Gutes für die Gesellschaft.“
Die Studie
Paolini, S., Dixon, J., Kotzur, P.F. et al. Towards a habit-rupture model of intergroup contact in everyday settings. Nat Rev Psychol (2026). https://doi.org/10.1038/s44159-025-00523-0
Studie wirft einen Blick auf das bigger picture
Ausgehend von dieser Erkenntnis ist die Sozialpsychologie inzwischen an tiefergehenden Fragen interessiert. „Bisher haben wir Kontakt vor allem als den Einfluss betrachtet, der etwas verändert“, so Friehs. „Aber wir haben uns selten angeguckt, wie Kontakt eigentlich entsteht, warum er vermieden wird oder welche Personen mehr oder weniger Kontakt haben.“ Mehr zu solchen Fragen herauszubekommen, sei wichtig. „Denn leben wir nicht in einer so multikulturellen Welt, in der wir so viel Potenzial für Kontakt haben, dass es inzwischen eigentlich gar keine Vorurteile mehr geben dürfte?“ Friehs‘ Bilanz fällt nüchtern aus: „Das ist ganz offensichtlich nicht der Fall. Selbst in Bereichen mit sehr hoher Diversität beobachten wir noch Vorurteile, Stereotype und Spannungen zwischen den Gruppen.“
Ergebnisse der Studie
Welche Ergebnisse hält die aktuelle Publikation fest? „Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass Kontakt einfach so passiert“, fasst Friehs zusammen. „Vor allem in längsschnittlichen Analysen sehen wir häufig, dass sich hier wenig Veränderung zeigt. Das heißt, wir müssen Phasen identifizieren, in denen es Änderungen im Kontaktgeschehen gibt.“ Das könnten etwa Umbrüche sein: Umzüge, Schulwechsel, Studienbeginn oder Elternschaft. In Momenten wie diesen vermutet das Team besonderes Potenzial für neue Begegnungen. „Das sind Gelegenheiten, aus dem eigenen ‚Alltagstrott‘ herauszukommen – und neue Leute kennenzulernen.“
Macht der Gewohnheit(en)
Hoffnung setzt das Team vor allem auf die Gewohnheitsforschung. Zur Veranschaulichung wählt Friehs das Beispiel Zähneputzen: „Das ist eine tägliche Gewohnheit, die uns mental wenig kostet. Routine. Alle mit kleinen Kindern wissen jedoch, wie schwer es ist, diese zu erlernen.“ Kontakt, so vermutet es das Autor:innenteam, funktioniert im Alltag ganz ähnlich: „Der Bus, mit dem ich täglich fahre, mein Stammplatz in der Kantine, die Bank auf dem Spielplatz – das sind Orte, die dafür sorgen, dass Leute ein festes Level an Kontakt zu anderen haben.“ In diesen Bereichen Veränderungen zu erwirken, die infolge zu mehr Kontakt führen, ist herausfordernd. Deshalb liegt hierin ein wichtiger Ansatzpunkt der aktuellen Forschung.
Die neue Publikation ist erst der Anfang, das frischgebackene Arbeitsteam bleibt dran und möchte noch mehr herausfinden. Klar ist schon jetzt: Der Kontakt zwischen den verschiedenen internationalen Wissenschaftler:innen – er war ein Erfolg.
