Ein Raum für Werte

In Zeiten zunehmender Polarisierung ist die Fähigkeit, über Werte diskutieren und Konflikte lösen zu können, eine wichtige Kompetenz. Hier setzt das neue Lehrprojekt WERTstatt an.


Drinnen hilft medizinisches Personal mit Handschuhen. Draußen schimpfen Vorbeilaufende. Drinnen haben Suchtkranke die Möglichkeit, in einer sicheren und sauberen Umgebung Drogen zu konsumieren. Draußen diskutieren die Menschen über die Sicherheit und Lebensqualität in ihrer Nachbarschaft. An Drogenkonsumräumen entzünden sich häufig hitzige Streitgespräche. Sie sind ein Beispiel für einen Wertekonflikt. Denn Werte spielen in unserem Alltag, in unserem Beruf und auch in der öffentlichen Diskussion eine große Rolle. Gerade in Zeiten zunehmender Polarisierung ist die Fähigkeit, über Werte zu diskutieren und Konflikte lösen zu können, eine wichtige Kompetenz. Genau an dieser Stelle setzt das neue Lehrprojekt WERTstatt an. Die WERTstatt ist zum Sommersemester 2026 an der FernUniversität gestartet und schafft für Psychologiestudierende einen Raum, um eigene Werte zu reflektieren, Wertekonflikte zu erkennen und gemeinsam Lösungsansätze zu entwickeln.

Eine Hand hält einen Kompass. Auf diesem stehen statt Norden, Süden, Osten, Westen die Werte Gerechtigkeit, Selbstbestimmung, Solidarität und Partizipation. Foto: KI-generiert mit OpenAI/DALL·E
Werte spielen in unserem Alltag, in unserem Beruf und auch in der öffentlichen Diskussion eine große Rolle.

„Dabei werden Kompetenzen wie Selbstreflexion, Perspektivübernahme und Active Listening gezielt gefördert“, erklärt Prof. Dr. Anette Rohmann. Eine solche Möglichkeit gab es im Studium bisher nicht. „Das habe ich zum einen in bestimmten inhaltlichen Diskussionen gemerkt und zum anderen sind Studierende auch aktiv an mich herangetreten“, erläutert die Leiterin des Lehrgebiets Community Psychology an der FernUniversität, wie es zu der Idee kam, den Studierenden außerhalb des Curriculums die Möglichkeit zu bieten, über Werte zu diskutieren.

Förderung durch die Stiftung Innovation in der Hochschullehre

Umsetzen ließ sich diese Idee dank einer Förderung der Stiftung Innovation in der Hochschullehre. Innerhalb der Förderlinie „Freiraum für die Lehrentwicklung“ erhält das Projekt von April 2025 bis Ende März 2027 Gelder für zwei wissenschaftliche Mitarbeiterinnen sowie zwei studentische Hilfskräfte. „Damit bietet uns die Förderung genau das, was schon in ihrem Namen steht: Freiräume für die Lehre und damit die Möglichkeit to think outside the box“, freut sich die Psychologin.

Gemeinsam mit diesem vierköpfigen Team hat Anette Rohmann die WERTstatt im vergangenen Jahr aufgebaut. In der Praxisphase wird es zudem noch von sechs studentischen Tutor:innen unterstützt. Beim Aufbau ging es zunächst darum, herauszufinden, was Studierende brauchen, um über Werte ins Gespräch zu kommen. Dafür hat das Team eine mehrstufige Bedarfsanalyse durchgeführt, zu der sowohl kleine moderierte Gesprächsrunden, sogenannte Fokusgruppen, als auch größere Onlinebefragungen zählten. „Wichtig war uns hierbei, die Inhalte und Formate der WERTstatt passgenau auf die Bedürfnisse der Studierenden der FernUniversität in Hagen zuzuschneiden und die studentische Perspektive miteinzubeziehen.“

Ein Student Advisory Board berät

Damit dies immer der Fall ist, ist auch ein Student Advisory Board fester Bestandteil der WERTstatt. In regelmäßigen Online-Treffen bringen acht Studierende ihre vielfältig geprägten Erfahrungen ein und wirken mit Feedback, Ideen und Impulsen maßgeblich daran mit, das Angebot konsequent studierendenorientiert sowie inklusiv, relevant und bedarfsnah zu gestalten. Ein Mitglied ist Jascha L. Naumann. Er engagiert sich im Student Advisory Board, weil er dort Veränderungen anstoßen kann. „Ich bin sehr dankbar, dass das Lehrgebiet Community Psychology uns die Gelegenheit gibt, Lehre nicht nur zu konsumieren, sondern aktiv mitzugestalten.“

Nach der mehrmonatigen Vorbereitung ist zum aktuellen Sommersemester nun die Praxisphase gestartet. „Den Anmeldungen haben wir mit großer Spannung entgegengesehen“, blickt Anette Rohmann zurück. „Da wir nicht abschätzen konnten, wie unser Angebot von den Studierenden tatsächlich angenommen wird, waren wir sehr gespannt.“ Letztlich waren es über 140 Anmeldungen und damit sogar mehr als es Plätze gab, sodass das Los entscheiden musste. „Über das Interesse an unserem Angebot freuen wir uns sehr.“ Seit Ende April arbeiten nun 93 Studierende in zwölf Kleingruppen, jeweils begleitet von studentischen Tutor:innen, am Thema Werte.

Die Tutor:innen wurden für diese Aufgabe extra geschult. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Verena Ohanian hat dafür eine zweitägige Präsenzveranstaltung am Campusstandort in Hamburg organisiert: „Dort haben wir in einem intensiven Austausch über die eingesetzten Inhalte und Methoden erarbeitet, was für die Begleitung der Teilnehmenden besonders wichtig ist.“

Porträt von Anette Rohmann
„Wir können uns sehr gut vorstellen, die WERTstatt zukünftig auch für andere Studierende zu öffnen. Denn das Thema Werte ist schließlich nicht nur für unser Fach wichtig, sondern auch für die ganze Gesellschaft.“
Prof. Anette Rohmann

Ablauf der WERTstatt

Der achtwöchige Kurs für die Studierenden besteht aus einem flexiblen Selbststudium über Moodle und wöchentlichen Online-Treffen in einer Kleingruppe mit Diskussionen und Übungen. Ergänzt wird er durch einen Präsenztag, an dem die Studierenden in interaktiven Übungen beispielsweise aktives Zuhören trainieren und in Rollenspielen den Umgang mit konkreten Wertekonflikten erproben. Das alles findet innerhalb eines Brave Spaces statt – einem Raum für respektvollen Austausch, in dem man mutig miteinander in den Dialog treten kann.

In einer wöchentlichen Übung können sich die Studierenden zudem kleine Aufgaben für ihren Alltag frei auswählen. „Die Übungen beinhalten zum Beispiel das Vorstellen der möglichen Lebensgeschichte anderer Menschen, das aktive Zuhören verbunden mit gezielten Nachfragen in Gesprächen mit anderen Personen, oder das bewusste Nehmen neuer Wege, beispielsweise zur Arbeit, um Routinen zu brechen und die eigene Umgebung wieder aufmerksamer wahrzunehmen“, erklärt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Stefanie Gellner das Konzept.

Evaluation und zweiter Durchgang

Nach dem achtwöchigen Kurs wird das Team den ersten Durchgang der WERTstatt evaluieren. „Wir möchten herausfinden, ob wir unsere Ziele erreicht haben, wie die Studierenden die WERTstatt bewerten und ob sie durch die Teilnahme kompetenter geworden sind“, erklärt Prof. Rohmann.

Ab September läuft dann der Anmeldezeitraum für den zweiten Durchgang – wiederum „nur“ für Psychologiestudierende. In Zukunft könnte dies jedoch anders werden: „Wir können uns sehr gut vorstellen, die WERTstatt zukünftig auch für andere Studierende zu öffnen. Denn das Thema Werte ist schließlich nicht nur für unser Fach wichtig, sondern auch für die ganze Gesellschaft.“


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