„Weg von Funktionalität, hin zu individueller Bedeutung“

Alexandra Pontzen leitet seit Frühjahr 2026 das Lehrgebiet „Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Medienästhetik“. Verbindendes Element ihrer Arbeit: die Freude am Text.


Drei Personen, Frau in der Mitte mit Urkunde Foto: FernUniversität
Ernennung zur Professorin in Hagen (v. li.): Rektor Prof. Dr. Stefan Stürmer, Prof. Dr. Alexandra Pontzen und Dekan Prof. Dr. Michael Stoiber

„Wissenschaft heißt, zu beobachten und zu beschreiben“, erinnert sich Prof. Dr. Alexandra Pontzen an eine Lehre aus ihrem eigenen Studium. Stoff dafür dürfte der Forscherin so schnell nicht ausgehen: Als neue Professorin für „Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Medienästhetik“ kommt sie zu einer Zeit an die FernUniversität, die von großen medialen Umbrüchen geprägt ist. KI wertet im Flug ganze Bibliotheken aus, produziert neue Texte am Fließband, füllt noch die kleinste Leerstelle mit Halluzinationen. „Wie werden wir in den Geisteswissenschaften mit den Veränderungen durch KI und Digitalisierung umgehen?“ Eine Überlegung, die die Forscherin umtreibt. „Ich glaube, wir müssen weg von der Funktionalität und hin zu individueller Bedeutung: Was bedeutet das Lese- oder Schreiberlebnis für mich?“ Bewusstes Lesen, Schreiben, Bewerten und Verantworten von Texten – das sind Fertigkeiten, die Alexandra Pontzen vermitteln möchte.

Blickwinkel einer Bildungsaufsteigerin

Ihr Weg in die Wissenschaft begann Ende der 1980er Jahre in Bonn, wo sie Germanistik, Romanistik und Erziehungswissenschaft studierte, zunächst mit dem Ziel „Lehramt“. „Ich bin ein Bildungsaufstiegskind“, ordnet Pontzen ein, „deshalb hatte mich die recht konservative Uni sehr beeindruckt – und mir großen Spaß gemacht.“ Ein Aufenthalt im französischen Toulouse brachte der Studentin zum ersten Mal die internationale Perspektive, die ihre Arbeitsweise bis heute prägt.

„Den Studierenden der FernUni eilt ein sehr guter Ruf voraus.“

Prof. Alexandra Pontzen

Zurück in Bonn stürzte sie sich zunächst auf die Sprach-, später auf die Literaturwissenschaft. Bald wurde der Wissensdurst so groß, dass sie ihre Ambition, Lehrerin zu werden, zugunsten eigener Forschungsprojekte pausierte – darunter ein Vorhaben zu deutsch-jüdischen Schriftstellern und Zionismus. „Damals habe ich endgültig Blut geleckt, was die Wissenschaft anging.“ 2000 promovierte sie, noch in Bonn, und wechselte dann als wissenschaftliche Assistenz nach Marburg. „Damit habe ich auch die letzte Chance aufs Referendariat in den Wind geschlagen.“ 2004 führte Pontzens Weg sie auf eine Professur für Deutsche Literatur an der Universität Lüttich in Belgien. „Diese Zeit habe ich sehr genossen – unter anderem, weil ich aus einer Randperspektive auf die deutsche Literatur blicken konnte.“ Erst 2013 ging es zurück nach Deutschland – für eine literaturwissenschaftliche Professur an der Universität Duisburg-Essen.

Tapetenwechsel nach Hagen

Hier vertiefte die Forscherin ihre Arbeitsgebiete weiter, und bildete neue aus: darunter Literatur und Emotionen, Genderfragen, deutsch-jüdische Literatur und Forschung zum Literaturbetrieb, vor allem zu Funktion und Wirkung der über 1000 in Deutschland regelmäßig verliehenen Literaturpreise. Nach zwölf erfolgreichen Jahren in der Präsenzlehre kam die Neugierde auf neue Herausforderungen – und einen besonderen Schlag Mensch, wie es ihn vor allem an der FernUniversität gibt. „Den Studierenden der FernUni eilt ein sehr guter Ruf voraus“, so die Professorin. Starke Motivation, große Diversität und Bildungsbiografien mitten aus dem Leben – der ,Hagener State of Mind‘ reizte Alexandra Pontzen. „Außerdem hoffe ich, mir im neuen Umfeld wieder mehr Freiraum fürs eigene Schreiben erarbeiten zu können“, bekennt sie.

Leidenschaft Literaturkritik

Eigenes Schreiben – damit meint Pontzen nicht nur Forschungstexte, sondern auch ihre Leidenschaft: die Literaturkritik. Bereits in ihrer Marburger Zeit entdeckte sie die Freude an der fundierten, aber zugänglichen Besprechung literarischer Werke. „In den späten 90ern hat mein damaliger Chef Thomas Anz eine Online-Zeitschrift gegründet: literaturkritik.de.“ Seinerzeit ein absolutes Novum. „Das mit diesem Internet wird sich nicht lange halten, hieß es zwar“; bekanntermaßen hielt es sich dann aber doch – und bis heute findet literaturkritik.de eine große weltweite Leserschaft. Pontzen leitet die Redaktion Gegenwartskulturen der Zeitschrift. „Diese Aufgabe habe ich nun auch mitgenommen an die FernUniversität.“

Verwandlungen in der Nasszelle

Mann schaut kritisch in einen Spiegel Foto: Daniel - stock.adobe.com
Das Badezimmer mit seinen Wasser- und Spiegelflächen taucht immer wieder als Ort in der Literatur auf. Alexandra Pontzen forscht zu „Mikrotopoi“ wie diesem.

Was genau fasziniert Alexandra Pontzen an Literatur? „Ich interessiere mich zur Zeit für das Thema Wohnen zwischen Lifestyle und ‚Menschenrecht‘. Da leistet die Literatur Gegenwartsdiagnostik – etwa in der Darstellung sogenannter Mikrotopoi“. Topoi sind in der Literaturwissenschaft wiederkehrende Erzählmuster, die nach bestimmten Regeln funktionieren. Bezogen auf konkrete räumliche Mikro-Konstellationen – etwa im häuslichen Bereich – überlagern sich in Topoi Erzähl- und Verhaltensmuster: „Was passiert etwa in kleinen Räumen? Was gibt es hier für ungeschriebene Interaktionsregeln?“ Mal dürfen Kleinkinder mit, mal die Freundin in der Disco – ansonsten bleibt das WC ein intimer, fast heiliger Ort. „Wegen des Wassers ist es nämlich ein Raum des Numinosen.“ Geheimnisvoll klingen deshalb seit jeher auch Märchen, in denen das spiegelnde Nass verzauberte Frösche, Metamorphosen und Wesensveränderungen bringt. „Und noch heute sind Badezimmer Orte, in denen wir uns zurückziehen, selbst vergewissern, und uns so verwandeln, dass wir uns der Welt danach wieder zeigen können.“ Filmisch umgesetzt wird das häufig über das Motiv (und Badezimmer-Accessoire) des Spiegels, in dessen Reflexion sich viele Filmfiguren kritisch erblicken und aufbauen.

Care-Arbeit als Widerstandsform

Parallel zu solchen theoretischen medienästhetischen Betrachtungen, kann Alexandra Pontzen auch „konkret“: Von Hagen aus treibt sie etwa ein Projekt voran, das sich unter Federführung einer hispanistischen Kollegin mit Frauen aus NRW befasst, die im spanischen Bürgerkrieg gekämpft haben. „Was uns interessiert, sind ihre unkonventionellen Kampfformen.“ Viele Frauen engagierten sich, vom Arbeitermilieu bis zur Industriellenfamilie. „Sie haben nur eben nicht im Schützengraben gestanden, sondern anderen Support geleistet.“ Angefangen bei der Organisation und Logistik über die Netzwerkpflege bis zur Beschaffung von Geld. „Diese ‚Care-Arbeit‘ ist bisher überhaupt nicht gesehen und gewürdigt worden.“ Das Team um Pontzen und die Essener Hispanistin Susanne Zepp-Zwirner ist nun auf der Suche nach bisher unentdeckten Quellen, Selbstzeugnissen, Dokumenten und Akten, in Archiven und auf Dachböden. „Damit wollen wir auch das Selbstbewusstsein von NRW mit seiner unterschiedlichen Regionalgeschichte stärken.“

 

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