Studienwoche beleuchtet „das Populäre“
Experimente zu „Pop & Mittelalter“, Vorlesungen, Seminare und ein Besuch von Popliterat Leif Randt: Für Studierende der Literatur- und Medienwissenschaft gab es viel zu entdecken.
Foto: FernUniversität
„Das Populäre“ steht gerne im Mittelpunkt, gefällt und möchte gefallen, wird geschätzt wie gefürchtet, mal skeptisch beäugt oder verachtet, oft auch gefeiert. Fest steht: Wer sich wissenschaftlich mit Medien befasst, kommt um den Begriff und die ihm verwandte Vorsilbe „Pop-“ kaum herum.
So auch nicht bei der 16. Studienwoche Literatur- und Medienwissenschaft an der FernUniversität in Hagen. Dr. Vanessa Höving hat sie in diesem Jahr federführend organisiert. „Es macht unheimlich viel Spaß, an der FernUni zu lehren“, resümiert die Wissenschaftlerin. „Bei solchen Gelegenheiten wie der Studienwoche wird das noch einmal besonders deutlich.“ Für das Programm zog das ganze Institut an einem Strang. Doch auch vor dem Engagement der Fernstudierenden hat Höving Respekt. Denn eine Studienwoche in Präsenz bringt gerade für jene, die weit weg wohnen, berufliche oder familiäre Verpflichtungen haben, auch organisatorische Herausforderungen.
Die über 70 Studierenden, die die Reise nach Hagen auf sich genommen hatten, freuten sich dafür über vier Tage „Studium pur“, vollgepackt mit maßgeschneiderten Angeboten: eine Ringvorlesung von drei Professor:innen des Instituts, verschiedene Seminare, ein Experimentallabor, ein Abendvortrag von Prof. Dr. Moritz Baßler „Zum Erbe des emphatischen Pop in der Gegenwartsliteratur“ – und eine Autorenlesung mit Popliterat Leif Randt. Das ganze Programm zum Nachlesen
Begegnungen in Präsenz sind etwas besonders an der FernUni, deren Studienalltag ansonsten vor allem von Online-Formaten geprägt ist. Doch der Mangel an alltäglichem „Studentenleben“ wird in Hagen von enormer intrinsischer Motivation abgefangen, findet Vanessa Höving: „Unsere Studierenden haben richtig Lust – und sie wollen etwas. Dadurch haben die Veranstaltungen eine sehr hohe Qualität.“ Dabei fällt auch die Diversität der Studierenden auf. „Eine tolle Entwicklung ist übrigens auch, wie viele junge Studierende inzwischen mit dabei sind“, bilanziert Höving.
Experimentallabor „Pop und Mittelalter“
Foto: FernUniversität
Passend dazu zeichnete die Studienwoche ein moderner Zugang zur Lehre aus – abseits von reinem Frontalunterricht. Zum Beispiel lud Martin Kiel in ein Experimentallabor ein. „Ich komme aus der experimentellen Philologie und Deutschdidaktik“, so der Honorarprofessor der FernUni. „Mich interessiert, wie Kinder, Jugendliche und Erwachsene heute mit dem, was wir Mittelalter nennen, interagieren.“ Um zu erkunden, wie stark das Mittelalter in die aktuelle Popkultur hineinwirkt, kuratierte Kiel im ICH der FernUniversität verschiedene Ausstellungsstücke: einen Sampler, der mit mittelalterlich anmutendem Design und Tönen spielt, Ensembles höfischer Plastikfiguren, Spielzeugritterburgen oder VR-Handschriften.
„Wir haben mit den Stationen versucht, Schreibanlässe zu generieren“, so Kiel. „Was kann ich daraus machen? Wann und wo ist mir Pop und Mittelalter begegnet?“ Die haptischen Artefakte, mit denen die Studierenden interagieren können, haben Wissen gespeichert. Schnell zeigt sich: Von Gaming, über Literatur und Kino bis zur Mode, Architektur und Musik – niemand kann den historischen Einflüssen entgehen. „Um es mit Umberto Eco zu sagen: Das Mittelalter war und ist immer da.“ Martin Kiel freut sich, wenn seine Exponate zum wissenschaftlichen oder auch literarischen Schreiben anregen konnten.
Star-Autor auf dem Campus
Foto: FernUniversität
Ums literarische Schreiben ging es auch bei der Lesung mit Leif Randt. Bekannt ist der Autor unter anderem durch seinen Roman Allegro Pastell (2020) und das Drehbuch zum gleichnamigen Film. Auf dem Podium sprach er mit Expertin Vertr.-Prof. Dr. Katja Kauer über seinen aktuellen Roman Let's talk about feelings (2025). Die Forscherin vertrat im letzten Semester das Lehrgebiet von Prof. Dr. Michael Niehaus. Moderiert wurde das Gespräch von Linda Göttner, die flankierend ein Seminar zu aktueller Popliteratur in der Studienwoche veranstaltete: „Es war bereichernd, einen Gegenwartsautor in Hagen zu Gast zu haben und ihm aktuelle Fragen, die die Studierenden auch während der Studienwoche beschäftigt haben, direkt stellen zu können“, freut sich die Literaturwissenschaftlerin.
Popliteratur: Begriff mit Geschichte
Eine übergeordnete Frage ist etwa, was Popliteratur eigentlich meint. „Sie unterscheidet sich in drei Phasen“, ordnet Katja Kauer den spezifisch deutschen Begriff ein. In den 1960er Jahren besetzten ihn zunächst Autoren wie Rolf Dieter Brinkmann – mit engen Bezügen zur Pop-Art und analog zur angloamerikanischen Beat-Literatur. Diese Anfänge galten als subversiv, antielitär und dreckig. Die zweite Phase um die Jahrtausendwende wurde geprägt von Autoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre oder Christian Kracht. Typisch für sie ist ein auffallend bejahendes Referenz-Karussell aus Marken, Mode, Party, Sex, Musik und anderen vermeintlichen Oberflächlichkeiten. „Diese Phase gilt als hyper-affirmativ und überhaupt nicht mehr als politisch.“ Die gesellschaftskritische Dimension entstehe vielmehr in den Köpfen. „Humor und Subversion sind hier Sache der Leser:innen.“
Spätkapitalistische Vibes
Foto: FernUniversität
„Leif Randt zählt zu den vordergründigen Protagonisten einer dritten Phase“, erklärt Kauer. Diese Spielart der Popliteratur positioniert sich irgendwo zwischen Gegenkultur und Nihilismus – ohne direkte politische Ambition, aber mit einer großen Ladung Melancholie. „Es geht darum, wie schwer es ist, sich in einer spätkapitalistischen Gesellschaft noch irgendwie als Mensch zu positionieren.“ Um den Wesenskern von Romanen wie Allegro Pastell zu verstehen, schlägt die Wissenschaftlerin die Denkfigur eines „Digital Other“ vor. „Wir alle haben durch die digitale Revolution ein neues Gefühl für Selbstreflexion und Selbstmentoring entwickelt.“
„Idealisierter Shot von sich selbst“
Im Kopf läuft ein ständiger Abgleich mit dem gewünschten Selbstbild ab: „Der Zwang besteht darin, einem idealisierten Shot von sich in jeder Situation entsprechen zu können bzw. das Leben so zu gestalten, dass es filmtauglich ist“, beschreibt Kauer. „Alles, was wir tun, von der Urlaubsentscheidung bis zur Kleiderwahl ziehen wir durch eine innere Kamera.“ Leif Randt macht diesen permanenten Perfomance-Druck in seinen Texten anschaulich; und geht mit seinen Figurenkonstellationen noch einen Schritt weiter: „In dem Moment, da wir uns dem ‚Digital Other‘ bewusst werden, kann doch zwischenmenschliche Nähe entstehen.“
So schließt sich dann auch der Kreis zu den Teilnehmer:innen der Literaturwoche. Am Ende bringt die Lektüre popliterarischer Romane die Gesellschaft weiter, da ist sich Katja Kauer sicher. Mit ihr können sich die Menschen bewusstmachen, wie Medienstrukturen sie als Subjekte prägen. „Dabei hilft Literatur. Sie zwingt uns eine Erkenntnis auf – ist aber zugleich auch das Heilmittel.“
Das könnte Sie noch interessieren
Foto: Robbie Jack/The Image Bank Unreleased/Getty Images
Foto: John Smith/Corbis/Getty Images
Foto: FernUniversität