Im EEG-Labor der Psychologie: Wenn aus dem Pflichtpraktikum echte Forschung wird

Vier Studierende trainieren im EEG-Labor mit Doktorandin Rabea Liebram als Probandin. Bald starten echte Messungen zu hormonellen Einflüssen.


Eeg-labor-labor Foto: FernUniversität
Jaenette Dombrowski, Michèle Hettig, Tina Rosenbaum und Frank Tercan (v.li.) bereiten Rabea Liebram (mi.) für die Messung im EEG-Labor vor.

Vier Studierende stehen konzentriert um den Versuchsplatz im EEG-Labor der Fakultät für Psychologie. Handgriff für Handgriff bereiten sie gemeinsam mit der Betreuung eine Messung vor: Die EEG-Kappe wird angepasst, Elektrodengel aufgetragen, Signale werden überprüft. In der Mitte des Settings sitzt diesmal keine externe Versuchsperson – sondern Rabea Liebram.

Sie ist Doktorandin im Lehrgebiet Allgemeine Psychologie: Urteilen, Entscheiden, Handeln von Prof. Roman Liepelt und schlüpft für das Onboarding der Praktikant:innen in die Rolle der Probandin im neurophysiologischen Labor der Psychologie-Fakultät. EEG steht für Elektroenzephalographie; dabei werden elektrische Aktivitäten des Gehirns gemessen. Noch ist es Übung; in ein paar Wochen sitzen echte Proband:innen auf dem Stuhl des EEG-Labors. Dann geht es um die Forschung.

Studie zu hormonellen Einflüssen auf kognitive Leistungen

Im Mai startet die Datenerhebung des Forschungsprojekts „Kognition und digitales Arbeiten“. Parallel absolvieren vier Psychologiestudierende ihr dreimonatiges Pflichtpraktikum und arbeiten im Projekt mit. „Als Praktikant:innen sammeln sie Laborerfahrung in einem laufenden interdisziplinären Forschungsprojekt und lernen die Forschungsmethoden aus nächster Nähe kennen“, hebt Rabea Liebram hervor. Die Studie untersucht hormonelle Einflüsse auf kognitive Leistungen und verbindet psychologische Grundlagenforschung mit Anwendungen aus der Wirtschaftsinformatik. Liebrams Projektpartnerin ist Dr. Alina Bockshecker, Postdoktorandin am BWL-Lehrstuhl für Betriebliche Anwendungssysteme. Sie forscht seit Jahren zu den Auswirkungen weiblicher hormoneller Veränderungen auf digitales Arbeiten.

„Wie wenig anonym die FernUni sein kann“

Bevor die ersten Messungen beginnen können, kommen die vier Praktikant:innen im sogenannten EEG-Bootcamp zusammen. Im Labor werden sie Schritt für Schritt herangeführt. „Hier machen wir alle mit den Abläufen vertraut, führen in die Software ein – und vermitteln den Umgang mit Proband:innen, von der ersten Begegnung bis zum Verlassen des Labors“, schildert Liebram, die in die Studie ihr Wissen zur Fehlerverarbeitung einbringt.

Dass sie heute selbst andere Studierende anleitet, verdankt sie ihren eigenen Erfahrungen. Sie fand ihren Weg in das Lehrgebiet von Prof. Roman Liepelt über das empirisch-experimentelle Praktikum (Modul 6b) sowie das Pflichtpraktikum und ihre Abschlussarbeiten. Heute ist die Produktmanagerin in der Medizintechnik zugleich externe Doktorandin in der Psychologie und Masterstudentin der Wirtschaftswissenschaft. „Ich bin selbst als Praktikantin sowie über meine Abschlussarbeiten zur Forschung gekommen und habe vor allem die Menschen hinter den Namen an der FernUni in Hagen kennengelernt. Diese positiven Erfahrungen möchte ich weitergeben und zeigen, wie wenig anonym die FernUni sein kann“, sagt Rabea Liebram.

Alina Bockshecker ergänzt: „Ich freue mich über das Interesse der Praktikant:innen am Thema Frauengesundheit. Es wird dadurch gestärkt und sichtbarer.“ In jüngster Vergangenheit ist die geschlechtersensible Forschung allgemein in den wissenschaftlichen Fokus gerückt.

Methoden aus dem Lehrbuch – angewendet im Forschungsalltag

Eeg-labor-gruppe Foto: FernUniversität
Das studentische Labor-Team um Prof. Roman Liepelt (2.v.li.), Rabea Liebram, Dr. Sven Hoffmann (beide hinten) und Dr. Alina Bockshecker (2.v.re.).

Für Lehrgebietsleiter Prof. Liepelt liegt der besondere Mehrwert des Laborpraktikums darin, „dass die Studierenden Einblicke in den realen Forschungsalltag gewinnen und lernen, wie praktische und interdisziplinäre Forschung unter methodisch anspruchsvollen Bedingungen durchgeführt wird.“

Die vier Praktikant:innen übernehmen dabei von Beginn an eigene Verantwortung: Sie bereiten Messungen vor, weisen Proband:innen ein, kontrollieren Datenqualität und begleiten Versuchsdurchläufe. Für Tina Rosenbaum ist das eine lange erhoffte Chance: „Ich habe mir immer gewünscht, als Studentin in der Forschung mitzuwirken – bisher gab es keine Gelegenheit. Das Angebot des Praktikums ist ein echter Glücksgriff.“

Michèle Hettig hat bereits Vorerfahrung im EEG-Praktikum und weist als Studentin die anderen Praktikant:innen ein. Hettig arbeitet in der Verwaltung eines tierärztlichen Zentrums und ist seit 30 Jahren nebenberuflich unter anderem als Präventionstrainerin tätig. „Ich möchte mein Psychologiestudium damit verbinden. Ich ziehe viel daraus, wie ich Menschen betreuen und motivieren kann.“ In ihrer Bachelorarbeit vergleicht Hettig Sportgruppen. Ihr eigener Antrieb: „Ich möchte im Bereich Psychophysiologie forschen.“

Bachelorstudent Frank Tercan, beruflich Flugbegleiter, interessiert vor allem die Verbindung von Theorie und Praxis. „Mich interessiert, wie Denkprozesse funktionieren. Ich freue mich, theoretisches Wissen anwenden zu können.“ Und Jaenette Dombrowski nutzt das Praktikum, um neue berufliche Perspektiven kennenzulernen.

EEG und kognitive Leistung

Die vier werden in den kommenden Wochen und Monaten unter der Anleitung von Liebram und mit Unterstützung von Dr. Sven Hoffmann, der Laborleitung des Lehrgebietes, zwölfmal im EEG-Labor arbeiten und untersuchen, wie sich hormonelle Veränderungen auf die kognitive Leistung auswirken.

Prof. Liepelt ergänzt: „Elektroenzephalographie kann dabei helfen zu verstehen, wie sich hormonelle Veränderungen auf Handlungskontrolle, Konzentration und Entscheidungsverhalten auswirken.“

Die gewonnenen Erkenntnisse könnten nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Grundlagenforschung leisten, sondern auch für die Bereiche Gesundheit und digitale Arbeitswelt relevante Impulse liefern. Die vier Praktikant:innen lernen in dieser Zeit nicht nur viel, sondern leisten auch einen wichtigen Beitrag.

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