Der Napoleon-Effekt und der Heimvorteil in der zweiten Halbzeit
Das Größenverhältnis zwischen Schiedsrichtern und Spielern sowie die Sichtbarkeit des Social Supports können die Spielergebnisse bei der Fußball-Weltmeisterschaft beeinflussen.
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Ob ein Spieler bei der Fußball-Weltmeisterschaft eine Gelbe Karte erhält, könnte davon abhängen, ob er größer als der Schiedsrichter ist. Auch die Sichtbarkeit des Social Supports der eigenen Fans schlägt sich möglicherweise im Spielergebnis nieder. Zu diesen Ergebnissen kommen Studien der FernUniversität in Hagen.
Wenn bei der Fußball-Weltmeisterschaft noch bis zum 19. Juli in den USA, Mexiko und Kanada Millionen Fans mitfiebern, schaut PD Dr. Hendrik Sonnabend vor allem auf die Daten. Denn für den Wirtschaftswissenschaftler der FernUniversität in Hagen bietet der Profifußball ideale Voraussetzungen, um menschliches Verhalten zu erforschen. Ob Heimvorteil oder der sogenannte Napoleon-Effekt – anhand von Spielstatistiken untersucht Sonnabend, wie Menschen im Wettbewerb entscheiden und handeln. Sonnabend ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insb. Internationale Ökonomie und forscht unter anderem im Themenfeld Sports Economics.
Schiedsrichterentscheidungen sollen fair und objektiv sein – besonders bei einer Fußball-Weltmeisterschaft. Doch welchen Einfluss hat dabei die Körpergröße der Beteiligten? Mit dieser Frage beschäftigte sich Dr. Hendrik Sonnabend im Zusammenhang mit dem sogenannten „Napoleon-Komplex“. Dieser beschreibt das Phänomen, dass kleinere Männer besonders dominant auftreten, um ihre geringere Körpergröße zu kompensieren – wie es auch dem französischen Kaiser Napoleon Bonaparte nachgesagt wird.
Größenverhältnis zwischen Schiedsrichtern und Spielern
Zusammen mit Mario Lackner von der JKU Linz hat Sonnabend das Größenverhältnis zwischen Schiedsrichtern und Spielern im Profifußball untersucht. Das zentrale Ergebnis: Schiedsrichter bestrafen Spieler, die größer sind als sie selbst, häufiger und härter. „Es werden öfter Fouls gepfiffen und häufiger Gelbe Karten vergeben – offenbar als unbewusster Ausgleich fehlender körperlicher Dominanz“, fasst er zusammen.
Die zunächst in der Männer-Bundesliga nachgewiesenen Ergebnisse wurden anschließend gemeinsam mit dem Psychologen Dr. Tobias Wingen (Lehrgebiet Behavorial Economics und Interkulturelle Psychologie) auf die Frauen-Bundesliga übertragen. Dabei zeigte sich derselbe Effekt: „Schiedsrichterinnen sanktionieren ebenfalls häufiger mit Gelben Karten, wenn sie kleiner als die Spielerin sind“, sagt Sonnabend. „Dass sich der Zusammenhang bei Männern als auch bei in ähnlicher Größenordnung Frauen zeigt, hat uns überrascht.“
Allerdings gibt es auch Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Bei männlichen Schiedsrichtern wird der Effekt durch zunehmende Erfahrung sowie den Video-Assistenten (VAR) abgeschwächt, der in der Frauen-Bundesliga noch nicht eingesetzt wird. Bei Schiedsrichterinnen zeigt sich dagegen eine umgekehrte Entwicklung. „Mit wachsender Erfahrung scheinen Sie den Einsatz von Sanktionen als Substitut für physische Überlegenheit zu lernen“, sagt Sonnabend.
Für internationale Turniere wie die Fußball-Weltmeisterschaft erwartet Sonnabend einen schwächeren Napoleon-Effekt, da besonders fähige und erfahrene Schiedsrichter eingesetzt werden. Zudem weist er darauf hin, dass Bundesliga-Schiedsrichter ohnehin im Durchschnitt größer seien als der Durchschnittsmann in Deutschland und die meisten Bundesliga-Spieler: „Das deutet auf eine Selektion nach Körpergröße hin.“
Sichtbarkeit des Social Supports
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Während diese Studie zeigt, wie unbewusste psychologische Faktoren Schiedsrichter beeinflussen können, untersucht eine zweite Forschungsarbeit, wie soziale Unterstützung die Leistung von Spielern verändert. Ausgehend von der Bachelorarbeit eines Studenten wird die Bedeutung der Sichtbarkeit von Social Support untersucht, also eines unterstützenden und ermutigenden Umfelds. Im Mittelpunkt steht dabei der im Fußball weit verbreitete Mythos, dass Heimteams erfolgreicher sind, wenn sie auf die Kurve ihrer eigenen Fans spielen. Gewinnt die Heimmannschaft den Münzwurf, entscheidet sie sich in der Regel dafür, in der zweiten Halbzeit auf die eigene Fankurve anzugreifen.
Die Ergebnisse der Studie weisen einen zusätzlichen Motivationsschub nach. „Wenn in der zweiten Spielhälfte auf die eigene Kurve gespielt wird, werden tendenziell mehr Tore erzielt. Das Torverhältnis fällt insgesamt günstiger aus“, fasst Sonnabend zusammen. Entscheidend sei dabei, dass die Unterstützung durch die Fans für die Spieler sichtbar wahrgenommen werden könne.
Der Heimvorteil zeigt sich vor allem als Effekt der zweiten Halbzeit und in Drucksituationen. Sichtbare Unterstützung der Fans wirkt sich hier positiv auf die Motivation aus. Künftige Untersuchungen könnten beispielsweise den Einfluss der Fankultur, die Stadiongröße oder den Anteil an Stehplätzen aufgreifen.
Beide Studien verdeutlichen, dass Erfolg im Fußball nicht allein von Taktik und Technik abhängt. Auch psychologische Faktoren und soziale Unterstützung können Entscheidungen und Leistungen auf dem Spielfeld beeinflussen.
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