Harald Schuster

Aufbruch Fernstudium

Ein Mann hält ein Schild mit dem Text: 25 Prozent bis 2025. Foto: verenafotographiert
Harald Schuster setzt sich für das Ziel der Initiative Aufbruch Fahrrad ein, bis 2025 den Anteil des Radverkehrs von acht auf 25 Prozent zu erhöhen.

Ein Psychologie-Seminar der FernUniversität in Hagen hat dazu beigetragen, dass NRW ein Fahrradgesetz bekommt. Absolvent Harald Schuster hat für Aufbruch Fahrrad mobil gemacht. Der Kölner ist einer der führenden Köpfe des Aktionsbündnisses Aufbruch Fahrrad. Der 51-Jährige ist zweifacher Absolvent und inzwischen Doktorand der Fakultät für Psychologie an der FernUniversität in Hagen.

Aufbruch Fahrrad hat NRW mobilisiert: Über 1.000 Menschen haben gemeinsam mit über 200 Vereinen knapp 207.000 Unterschriften gesammelt. 66.000 sind für eine Volksinitiative mindestens notwendig. Aufbruch Fahrrad ist damit die erste Volksinitiative, die vom Landtag NRW über die Regierungs- und großen Oppositionsparteien hinweg angenommen wurde und in ein Gesetz mündet. NRW bekommt als erstes Flächenbundesland ein Fahrradgesetz.

Normative Kräfte

2017 hat Harald Schuster ein Seminar des Lehrgebiets Community Psychology an der FernUniversität belegt. Den Fokus grundsätzlich auf das Zusammenleben im kommunalen Kontext zu richten – bei Schuster traf es einen Nerv. Er hat sich schon viel ehrenamtlich engagiert: für Straßenraumbegrünung in seinem Wohnviertel in Köln-Ehrenfeld, fürs Klima und für Nahmobilität zu Fuß und per Rad.


Die FernUniversität war vom ersten Moment an der richtige Ort: Hier kann ich selbstbestimmt lernen, bin ich unabhängig von Zeit und Raum.


Harald Schuster

In einem Onlinexperiment haben die Studierenden folgendes Szenario überprüft: Die Bundesrepublik verabschiedet ein Einwanderungsgesetz im Sinne der Integration zugewanderter Menschen. Dem gegenüber steht ein Verschleierungsverbot. „Wie stellt sich die Bevölkerung zu diesem Verbot der Verschleierung dadurch, dass es ein Einwanderungsgesetz gibt?“ Die Ergebnisse zeigten eine eindeutige Tendenz auf: „Ein Gesetz ist mehr als eine rechtliche Regelung, es entfaltet eine Wirkung, eine Kraft… auch auf Einstellungen und Meinungen“, so Schuster.

Mut machen

Vom Kleinen ins Große: Die Erkenntnisse aus dem FernUni-Seminar, Schusters Verankerung in Theorie und Literatur plus seine Erfahrung mit ehrenamtlichem Engagement arbeiteten in ihm. Daraus wurde die Initialzündung für Aufbruch Fahrrad – 2018 offiziell gestartet von dem Kölner Verein Radkomm. „Wir haben von Anfang an eine Volksinitiative angestrebt.“ Harald Schuster gehört zum Kern des Aktionsbündnis: „Es ist kein parteipolitisches, sondern eine breites gesellschaftliches Bündnis“, betont er.

Für Schuster ist dies ein Beispiel „für Empowerment“. „Man befähigt Menschen über das Format, sich einzusetzen. Das ist motivierend und macht Mut. Wir nennen uns nicht nur Aufbruch, wir machen einen.“

Im Rahmen einer Sternfahrt übergab Aufbruch Fahrrad 2019 die Unterschriften an den Landtag in Düsseldorf, der bereits im Dezember 2019 den Beschluss für ein Gesetz fasste. Anschließend begann die politische Beratungsarbeit. Im kommenden Herbst liest das Parlament den Gesetzentwurf, der zum 1. Januar 2022 in Kraft treten soll. Das Verkehrsministerium hat bereits jetzt neue Stellen geschaffen und den Etat für den Bereich Rad erhöht.

Ein Mann steht vor einer Reihe von Fahrrädern. Foto: Frau Babic Fotografie
Das Fernstudium hat seine beruflichen Ambitionen verändert: „Ich möchte mein akademisches Wissen in Politik und Verwaltung einbringen. Wir brauchen Methoden, um Bürger:innen über kooperative Formen zu beteiligen."

Theorie und Menschenbild

„Die FernUniversität hat mir nicht nur das theoretische Fundament geliefert“, schlägt Schuster den Bogen zurück zum Fernstudium, für das er sich 2012 entschied. „Auch mein Menschenbild hat sich gefestigt: Mut machen lohnt sich.“ Denn das hat er so erfahren: „Im Lehrgebiet haben mir Menschen Mut gemacht, mich in der Wahl meines Themas bestärkt.“ Auch dazu: Harald Schuster möchte an der FernUniversität promovieren.

Jolanda van der Noll, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Lehrgebiet Community Psychology, betreut die Dissertation gemeinsam mit Prof. Dr. Anette Rohmann und hat das damalige Seminar geleitet. Aufs Rad ist sie schnell mit Schuster gekommen. Er erwähnte das Thema gleich zu Beginn des Seminars – und Van der Noll wurde als passionierte Radfahrerin (in Hagen) gleich hellhörig. „Wir wünschen uns natürlich immer, dass Lehrinhalte Effekte haben, die über die Prüfungsleistung hinausgehen“, sagt sie. „Aber das ist schon eine besondere Initiative.“

Werdegang an der FernUni

Seine erste Erfahrung mit Uni und Studium machte er klassisch nach dem Abitur, als er ein Lehramtsstudium in Geschichte und Physik aufnahm. Nebenher arbeitete er freiberuflich für den WDR in Köln, von dem er sich kurz vor dem Examen fest engagieren ließ und sein Präsenzstudium fallen ließ. Mittlerweile ist er Geschäftsführer einer Kölner Medienagentur mit Spezialisierung auf den TV-Markt: „Die Agentur ist mein Stipendium, seit ich an der FernUni studiere.“

2012 schrieb er sich für Psychologie ein. „Ich wollte besser verstehen, wie Menschen ticken und war seit jeher an sozialen und partizipativen Prozessen interessiert.“ Die FernUniversität war vom ersten Moment an „der richtige Ort“: „Hier kann ich selbstbestimmt lernen, bin ich unabhängig von Zeit und Raum und professionalisiere mich quasi während des Alltags.“ Auf seinen Bachelorabschluss 2015 folgte 2019 der Master. „Gegen Ende war das Fernstudium mein Beruf. Ich habe mich über Prüfungsliteratur hinaus ins Feld eingelesen.“

In dem Spagat zwischen Job, Studium, Mandat und Ehrenamt lernte Schuster, sich zu organisieren und effizient zu arbeiten. Der Spaß blieb dabei nicht auf der Strecke – „ohne den bleibt die Motivation aus“.

Neues berufliches Ziel

Mit dem Promotionsvorhaben verbindet er ein neues berufliches Ziel: „Ich möchte mein akademisches Wissen in Politik und Verwaltung einbringen. Wir brauchen Methoden, um Bürger:innen tatsächlich zu beteiligen, sie einzubinden über kooperative Formen. So können wir Städte (er-)lebenswerter machen.“

Lebenswerter, menschengerechter – dahingehend soll auch das Fahrradgesetz wirken: Mobilität umweltfreundlicher und sozialer gestalten, Fuß- und Radverkehr „genauso selbstverständlich wie Autoverkehr“ behandeln, Rad(schnell)wege und Fahrradstraßen schaffen, Fahrradparkplätze und E-Bike-Stationen einrichten. „Wer entsprechende Infrastruktur sät, erntet Radverkehr. In Paris ist der Anteil des Radverkehrs im vergangenen Jahr um 40 Prozent gestiegen, nachdem Radwege geschaffen wurden.“

Insgesamt würden Klimaschutz, Gesundheit und Zufriedenheit gefördert. Harald Schuster findet: „Fahrradmobilität trägt zu einem positiven Lebensgefühl bei.“ Ebenso wie (s)ein Studium an der FernUniversität…

Anja Wetter | 12.08.2021