Statement der FernUniversität zur Diskussion um den postkolonialen Lernort

Die öffentliche Diskussion über die Ausstellung des Buntglasfensters der „Kaffeepflückerinnen” erfordert es, die Gründe für die gewählte Form der Präsentation zu erläutern.


Sehr geehrte Damen und Herren,

die FernUniversität hat im Foyer des Gebäudes 3 einen postkolonialen Lernort geschaffen, an dem zwei historische Buntglasfenster ausgestellt werden, die der aus Düsseldorf stammende Hagener Künstler Hans Slavos in den 1950er Jahren als Auftragsarbeit für die Hauptverwaltung der Firma Hussel geschaffen hat. Vor eines der Fenster, das zwei teilweise nackte, indigene Kaffeepflückerinnen zeigt, wurde eine halbtransparente Glasscheibe gehängt, so dass die Figuren je nach Betrachtungsweise und Lichteinfall nur schemenhaft erkannt werden können. Wer das Bild im Originalzustand betrachten möchte, muss seitlich herantreten und kann erst dann hinter die Milchglasscheibe schauen. Eine Erläuterung des postkolonialen Lernorts finden Sie in unserer aktuellen Meldung vom 16. Oktober 2023.

Die kontroverse öffentliche Diskussion über diese Ausstellung hat deutlich gemacht, dass es weiteren Bedarf gibt, die Beweggründe für die gewählte Form der Präsentation zu erläutern. Das möchten wir gerne tun, auch um zu einer Versachlichung der Debatte beizutragen, in der uns viele sehr emotionale Vorwürfe erreicht haben. Die Rede war u.a. von „Kunstzensur“ und es wurde uns unterstellt, wir hätten ein Kunstwerk beschädigt. Beides ist nicht der Fall. Die Freiheit der Kunst wird nicht dadurch beeinträchtigt, dass man sich mit Kunstwerken wissenschaftlich auseinandersetzt und sie dabei in einen wissenschaftlich fundierten Kontext stellt. Auch Forschung und Lehre sind frei – dies steht nicht nur im Grundgesetz, sondern wird auch tagtäglich an der FernUniversität gelebt.

Bei dem von Hans Slavos entworfenen Glasfenster, das zwei „Kaffeepflückerinnen“ zeigt, handelt es sich zugleich um ein Kunstwerk und ein historisches Exponat. In seinem ursprünglichen Zusammenhang in der Hussel-Firmenzentrale der 1950er Jahre diente es der idealisierenden Darstellung des Kaffeeanbaus, in der man aus wissenschaftlicher Sicht auch rassistische und sexistische Stereotype erkennen kann. Die Kaffeeernte ist eine kräftezehrende, in der Regel ausbeuterische, auf eine kurze Erntezeit im Jahr reduzierte Tätigkeit. Das wird weder in dem Glasfenster, noch in den übrigen erhaltenen Objekten dekorativer Kunst aus der Firmenzentrale sichtbar. Die idealisierende, romantisierende Darstellung entspricht einer für die damalige Zeit typischen europäischen Sichtweise auf eine „fremde“ und „ferne“ Welt, die man als naturverbunden und paradiesisch dargestellt hat. Im konkreten Fall des Glasfensters wird dazu die Darstellung einer halbnackten Frau genutzt. Heute wissen wir dank der geschichtswissenschaftlichen Forschung zum Postkolonialismus um die problematischen Hintergründe dieses und vergleichbarer Kunstwerke.

Mit der Ausstellung der Fenster schaffen wir als Universität einen Lernort zur postkolonialen Kultur- und Wirtschaftsgeschichte Hagens. Wir haben das Bild dabei in seiner materiellen Beschaffenheit nicht beschädigt, es wurde eine halbtransparente Glasscheibe davor montiert, hinter der man das Bild auch im Originalzustand betrachten kann. Diese Installation in Kombination mit einem begleitenden Erklärtext stellt das aus seinem ursprünglichen Zusammenhang genommene Bild in einen neuen kritischen Kontext. Auch in namhaften Museen und an anderen öffentlichen Orten werden (post-)koloniale Werke in ähnlicher Weise präsentiert. An diesen Beispielen haben wir uns bei der Gestaltung der Ausstellungssituation orientiert.

Es bleibt der Betrachterin oder dem Betrachter selbst überlassen, wie sie oder er das Bild beurteilt. Dass die FernUniversität das Bild an einem öffentlichen Ort ausstellt und nicht in einem unzugänglichen Depot verwahrt, zeigt, dass wir ein Interesse daran haben, dass es angeschaut wird. Dafür haben wir einen Lernort geschaffen, weil es aus unserer Sicht sehr wichtig ist, die Glasfenster als wichtige Zeugnisse Hagener Kultur- aber auch Wirtschaftsgeschichte der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Bei den Glasfenstern handelt es sich um Werke angewandter Kunst, die vom Hagener Heimatbund vor der Zerstörung bewahrt und der FernUniversität als Leihgabe überlassen wurden, da es sich zugleich um historische Exponate handelt und es an der FernUniversität mit dem Arbeitskreis „Hagen postkolonial“ renommierte Forscherinnen und Forscher gibt, die sich damit beschäftigten, wie sich Spuren kolonialer Geschichte in der Stadt Hagen fortschreiben. Die Glasfenster waren fest eingebauter Teil der Unternehmenszentrale der Firma Hussel und sind daher nicht von ihrem historischen Kontext zu trennen. Sie sind Teil der Selbstinszenierung eines Wirtschaftsunternehmens, das Handelsbeziehungen in ein Land des globalen Südens unterhalten hat. Es kann daher in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung nicht nur um ein individuelles Kunstwerk gehen, sondern es muss auch seine Einbettung in einen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen zeitgeschichtlichen Rahmen berücksichtigt werden. Da der ursprüngliche Kontext des Gebäudes nicht mehr besteht, mussten wir das Bild auf eine andere Weise kontextualisieren.

Wir planen zurzeit eine Diskussionsveranstaltung begleitend zu der Ausstellung der Glasfenster. Dabei sollen unter anderem auch diejenigen zu Wort kommen, die die Entscheidungen der FernUniversität kritisieren, denn eine Universität ist auch ein Ort des öffentlichen Diskurses über den aktuellen Stand der Wissenschaft.

Prof. Dr. Ada Pellert

Rektorin der FernUniversität in Hagen

Presse | 25.10.2023