Forschungswerkstatt zum „narrativen Interview“

In Hagen schauten sich Fächer bei der Arbeit mit qualitativen Interviews über die Schulter: Oral Historians und Biographieforschende trafen sich zum interdisziplinären Austausch.


Web-oral-history-workshop-img 8950 Foto: FernUniversität
Die Teilnehmenden der Forschungswerkstatt. Ganz links Historikerin und Organisatorin Almut Leh, als vierter von rechts der Soziologe und methodische Vordenker Fritz Schütze.

„Die Biographieforschung ist im Grunde eine interdisziplinäre Angelegenheit“, betont Dr. Almut Leh von der FernUniversität in Hagen. Auch deshalb ist das Institut für Geschichte und Biographie (IGB), das die Historikerin leitet, nicht starr an die Geschichtswissenschaft angebunden, sondern der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften zugeordnet. Die große Anschlussfähigkeit hat mit einem methodischen Fundament zu tun, auf dem mehrere Fächer aufbauen: dem narrativen Interview. Welche Stärken, aber auch fachspezifischen Eigenheiten diese Methode aufweist, das arbeitete jetzt eine fächerübergreifende Forschungswerkstatt heraus, bei der es um das gemeinsame Analysieren und Interpretieren von Interviews ging. Das Institut für Geschichte und Biographie richtete sie gemeinsam mit dem renommierten Soziologen Fritz Schütze aus.

„Fritz Schütze ist sowohl in der qualitativen Sozialforschung als auch in der Oral History ein bekannter Name“, sagt Almut Leh, „weil er mit seinem Team das narrative Interview als Forschungsinstrument entwickelt hat.“ Von anderen Interviewformen, etwa der journalistischen, grenzt es sich durch seine weitestgehend ergebnisoffene Struktur ab. Forschende lassen die Teilnehmenden ganz frei über ihre Erfahrungen berichten und unbeeinflusst assoziieren – ohne ein Korsett aus strukturierenden Fragen. „Es gibt eigentlich nur eine offene Eingangsfrage, danach hören wir als Forschende einfach zu – und stellen höchstens mal Nachfragen zum Gehörten.“

Schützes Methode schlug ab den 1970er Jahren hohe Wellen – und beeinflusste auch die Forschung an der FernUniversität stark. Das IGB und seine Vorläuferprojekte trugen wesentlich dazu bei, dass sich das narrative Interview nach Fritz Schütze als „Goldstandard“ der Oral History etabliert hat. Im Archiv „Deutsches Gedächtnis“, dem Forschungsdatenzentrum des IGB, steht ein stetig wachsender Datenschatz aus narrativen Interviews für Forschungen zur Verfügung. Auch in der Lehre ist der Einfluss spürbar: 1987 veröffentlichte die FernUni einen Studienbrief rund um „narrative Interviews“, verfasst vom Soziologen Fritz Schütze.

Forschungswerkstatt mit Fritz Schütze

Die Idee der kooperativen Forschungswerkstatt entstand, als Dr. Dennis Möbus und Dr. Almut Leh ein narratives Interview mit Fritz Schütze selbst führten. Der Clou der Forschungswerkstatt: Forschende verschiedener Fachrichtungen, von der Bildungs- über die Geschichts- bis zur Sozialwissenschaft, deuten Interviewmaterial gemeinsam aus – mit ihren jeweils eigenen Logiken und Schwerpunktsetzungen. An zwei Tagen ging es erst um eine Audioquelle aus der Oral History und anschließend um ein Transkript aus der sozialwissenschaftlichen Forschung. „Wir haben Passagen aus beiden Interviews analysiert und interpretiert“, so Leh. Die Zeitzeugen-Interviews stammten aus verschiedenen Projekten und unterschieden sich formal; verbindendes Element war das Thema DDR-Geschichte.

Dr. Almut Leh Foto: Hardy Welsch

So ähnlich auch die Methoden der Datenerhebung sind, so unterschiedlich ist die Arbeit damit.

Dr. Almut Leh

Biographische Daten als Schnittmenge

„So ähnlich auch die Methoden der Datenerhebung sind, so unterschiedlich ist die Arbeit damit“, fasst Almut Leh die Ausgangslage des Workshops zusammen. „Fritz Schütze hat hierfür das Bild einer Milchglasscheibe zwischen den Disziplinen gewählt.“ Im Laufe des Workshops lösten sich die gegenseitigen Verständnisprobleme immer weiter auf. So trat deutlich hervor, dass die soziologische Biographieforschung vor allem auf biographische Verläufe abzielt, für die Oral History eher der zeitgeschichtliche Kontext Ausgangspunkt der Analyse ist. „Wir haben einfach ein unterschiedliches Instrumentarium und auch Vokabulare“, sagt Leh. „Alle waren aber neugierig darauf, wie die anderen es machen – und bereit, das Gelernte in die jeweils eigene Sprache zu übersetzen.“ So entstanden für alle neue Denkanstöße. „Das war eine besondere Erfahrung.“

Rückbesinnung auf fachliche Wurzeln

Almut Leh leitet aus dem Workshop auch strategische Impulse ab: „Im Zuge der allumfassenden Digitalisierung hat sich unser Institut stark im Bereich der Digital Humanities engagiert und Infrastrukturprojekte durchgeführt. Das ist richtig und gut und hat mit der digitalen Qualität unserer Daten zu tun, zuletzt bestätigt durch den erfolgreichen Akkreditierungsprozess unseres Archivs ‚Deutsches Gedächtnis‘ als Forschungsdatenzentrum“, erklärt Almut Leh. Die Werkstatt bot die Gelegenheit zu einer Rückbesinnung auf den Kern der Oral History, nämlich: „Erfahrungen von Menschen in der Geschichte nicht nur zu dokumentieren und zu bewahren, sondern auch zu analysieren und zu interpretieren – und daraus historisches Wissen zu generieren.“

An das erfolgreiche Treffen möchte die Forscherin auch in Zukunft anknüpfen: „Wir überlegen, ein fortlaufendes Format zu entwickeln. ‚Interdisziplinäre Hagener Forschungswerkstatt‘ – das hört sich doch gut an.“

 

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Benedikt Reuse | 06.03.2026