Jahrestagung digitale_kultur: Erkunden neuer Erfahrungsräume

Wie verhält sich Kunst zur Wissenschaft – und umgekehrt? Darauf antwortete die Jahrestagung des Forschungsschwerpunkts digitale_kultur in Kooperation mit dem Dortmunder U.


Zwei Frauen blicken auf einen großen Bildschirm im Museum Foto: Volker Wiciok
Das Dortmunder U ermöglichte eine besondere Tagungserfahrung.

„Neue Erfahrungsräume zu eröffnen – das bedeutet Kunst aus meiner Sicht“, erklärt Robert Schulz, wissenschaftlicher Koordinator im Forschungsschwerpunkt digitale_kultur der FernUniversität. Dessen Jahrestagung hatte genau das zum Ziel: Türen aufzustoßen, um neue intellektuelle und kreative Räume zu betreten. Hierfür arbeitete die FernUniversität eng mit dem Fachbereich Digitale Kultur des renommierten Kunst- und Kreativitätszentrums „Dortmunder U“ zusammen.

Der mehrschichtige Titel „DIGITALE W/ENDEN. DIS/KONTINUITÄTEN DIGITALER KULTUR“ passte gut zur besonderen Kooperation: Künstlerische, kuratorische und kreative Sichtweisen – sie brachten frischen Wind in die ansonsten eher analytische Arbeit der FernUni-Wissenschaftler:innen. „Wir sind explorativ an die Tagung herangegangen“, beschreibt Dennis Möbus, ebenfalls wissenschaftlicher Koordinator im Schwerpunkt, die erkundungsfreudige Haltung. Gemeinsam mit Robert Schulz hat er die Tagung von Hagener Seite aus gestaltet; Valentin Boczkowski übernahm die Organisation fürs Dortmunder U.

Mann und Frau blicken fasziniert nach oben, an der Wand die große Projektion einer Sonne Foto: Volker Wiciok
Robert Schulz (li.) und Jennifer Eickelmann

Kreative Zündung

Kunst stand folgerichtig am Anfang der Tagung: Sie startete in den verschiedenen Ausstellungsräumen des Dortmunder U; erst am zweiten Veranstaltungstag ging es auf den Hagener Campus der FernUni. „Digitale Kunst an Bord zu haben, das war für uns ein absoluter Gamechanger“, freut sich Dennis Möbus über den Input aus Dortmund. Robert Schulz ergänzt: „Kunst macht etwas sichtbar und erfahrbar, was in Begriffen vielleicht gar nicht einzuholen ist.“

Wendungsreich war auch der Fahrplan: Am ersten Tag ging es unter anderem um Creative Coding als Kunstform, Digitalität in Theater, Literatur und Musik oder Experimente mit KI. Aufgelockert wurde das Programm von gemeinsamen Highlights – etwa einer digitalen Soundexploration vom Duo A2ICE & B03, einem Rundgang durch die Ausstellung „Genossin Sonne“ oder einem Podiums-Talk im Kinosaal zwischen Prof. Dr. Jennifer Eickelmann (FernUniversität) und Dr. Inke Arns (Hartware MedienKunstVerein). „Das Gespräch drehte sich ums Thema ‚Kuratieren‘“, resümiert Robert Schulz, „ein gutes Beispiel dafür, wie die Tagung die wissenschaftliche Sicht auf ein Thema mit der Praxis zusammengeführt hat.“

Frau spricht auf Podium Foto: Volker Wiciok
Dr. Inke Arns vom Hartware MedienKunstVerein auf dem Podium

Digitale Durchdringung

Am zweiten Tag auf dem Hagener Campus begrüßte FernUni-Rektor Prof. Dr. Stefan Stürmer die Gäste. Es folgten unter anderem Impulse zum Verstehen in digitaler Kultur und ein Podiumsgespräch über Körperlichkeit im Verhältnis zu dieser. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem Umgang mit den Wenden der Erinnerungsarbeit. Die technische Entwicklung öffnet auch in diesem Bereich neue Erfahrungsräume: So konnten die Teilnehmenden zum Beispiel mittels VR-Brillen mit dem digitalen Avatar eines Holocaust-Überlebenden interagieren. Hierfür hatte ein leibhaftiger Zeitzeuge seine reale Erinnerung, Stimme und Erscheinung zur Verfügung gestellt – eine innovative Methode, die von den Teilnehmenden lebhaft diskutiert wurde.

Gelungene Verschmelzung

Der anhaltende Dialog unter den Teilnehmenden war charakteristisch für die Tagung. „Am ersten Tag gab es eine Videocollage des Medienkünstlers Christian Minwegen“, nennt Dennis Möbus, ein weiteres Highlight. „Unter dem Titel ‚Ragequit Against the Machine‘ sampelte der Künstler Videoschnipsel von Gamern, die vor dem Bildschirm völlig ausrasten – und irgendwann ihr komplettes Equipment zerlegen.“ Das Werk stellte sich in eine Traditionslinie autodestruktiver Kunst seit den 1960er Jahren. Die FernUni-Forschenden inspirierte es sofort zu weiterführenden Gedanken. „Aus einer genderpolitischen Perspektive fällt etwa auf, dass in den Videos abgesehen von einer Person ausschließlich junge, männliche Gamer vorkommen“, sagt Thorben Mämecke, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Schwerpunkts. „Solche Beobachtung gemeinsam mit dem Künstler zu reflektieren, hat den Horizont auf beiden Seiten erweitert.“

Frau fotografiert Ausstellungsstück mit Smartphone Foto: Volker Wiciok
Körperlichkeit und Digitalität. Wie verhält sich beides zueinander und ergänzt sich?

Dritte Runde für digitale_kultur

Richtung neuer Horizonte blickt auch digitale_kultur selbst. Verwoben im Titel „digitale W/ENDEN“ ist nicht zuletzt ein Hinweis auf die eigene Zukunft des Forschungsschwerpunkts an der FernUniversität: Statt der vormals breiten Aufstellung mit zwei unabhängigen Forschungsgruppen führt der Schwerpunkt nun beide Stränge zusammen. „Die Themen der Forschungsgruppen werden natürlich weiterhin eine Rolle spielen“, erklärt Thorben Mämecke. „Allerdings als Akzentuierungen unserer neuen Themen-Cluster und nicht mehr als eigenständige Organisationsstrukturen. Wir werden das Profil des Forschungsschwerpunkts allgemein noch stärker herausarbeiten.“

Wo geht die Reise hin?

Erster wichtiger Cluster: digitale Hermeneutiken. „Hier geht es vor allem um Infrastrukturen im Digitalen, die Sinnhaftigkeit erzeugen.“ Ein zweiter Fokus liegt auf dem Thema Normierung und Normalisierung. „Ein Beispiel, das beide Cluster verbindet sind etwa die Selbstverdauungsstörungen von KI im Internet – präziser: die Model Autophagy Disorders“, beschreibt Mämecke eine aktuelle Problematik. „Künstliche Intelligenzen generieren oft ‚Halluzinationen‘ – die in der Folge wieder in den Trainingsdatensatz eingehen können. Dadurch kann es auf lange Sicht zu sehr starken Verzerrungen und Desinformationsproblemen kommen. LLMs und Sprachassistenzen sind auf der anderen Seite stark mit Mehrheitsmeinungen verbunden. Es ist inzwischen bekannt, dass sie als Hegemonieverstärker wirken.“

Ein großes metallenes Ei im Ausstellungsraum Foto: Volker Wiciok
Forschungsobjekte und Kunstobjekte. Welche neuen Perspektiven ergeben sich?

Ethische Einsprüche?

Vor dem Hintergrund der besonderen Geschichte und des Profils der FernUniversität, orientiert sich der Forschungsschwerpunkt zukünftig damit noch stärker an Fragen gesellschaftlicher Verantwortung in digitalen Kulturen. Als letztes Schlagwort der inhaltlichen Neuausrichtung führt Thorben Mämecke die „digitale Souveränität“ an. „Inwiefern ist heute noch digitale Selbstbestimmung möglich? Was genau bedeutet dieser Begriff unter digitalen Bedingungen und an was für eine Wissenshistorie wird eigentlich angeknüpft, wenn heute von Souveränität gesprochen wird?“ Bereits im neuen Jahr plant der Forschungsschwerpunkt dazu einen Workshop unter dem Titel „Grundbegriffe der Broligarchy“. Die Probleme der Zeit geben auch den im Forschungsschwerpunkt versammelten Geisteswissenschaften noch stärkere Relevanz: „Die Philosophie etwa galt lange als brotlose Kunst“, erinnert Dennis Möbus mit einem Schmunzeln. „Inzwischen konstruiert ‚Big-Tech‘ jedoch ein neues Bedürfnis: Es braucht jetzt zum Beispiel mit Blick aufs Prompting Philosoph:innen, um zu verstehen, wie die Maschinen eigentlich ticken.“

Grundbegriffe der „Broligarchy“ / 5. bis 6. Februar 2026

Hier gibt es alle Infos zum gemeinsamen Workshop des Forschungsschwerpunkts digitale_kultur und der GfM AG „Daten&Netzwerke“. Zur Veranstaltungsseite

 

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