Zwischen London und Indien: Archivforschung für die Dissertation
Für ihre Dissertation untersucht die Historikerin Ute Kemmerling einen der bedeutendsten sufistischen Pilgerorte in Indien im Spannungsfeld der britischen Kolonialherrschaft.
Zwischen London und Indien: Archivforschung für die Dissertation
Foto: Ute Kemmerling
Zwei Stipendien ermöglichten ihr längere Forschungsaufenthalte in London und Indien – Erfahrungen, die ihr Projekt „Ajmer – ein muslimischer Pilgerort unter kolonialer Beobachtung in Britisch-Indien (1818–1947)“ grundlegend geprägt haben.
„Ohne die Stipendien wären diese vertiefenden Aufenthalte in London und Indien in dieser Form nicht realisierbar gewesen“, sagt Kemmerling, die im Lehrgebiet Geschichte Europas in der Welt promoviert, rückblickend. Insgesamt verbrachte sie knapp drei Monate für ihre Forschung im Ausland. „Das war die wertvollste Zeit für meine Recherchearbeit im vergangenen Jahr.“
Ajmer ist „Mekka des Ostens“
Ajmer gilt seit dem 16. Jahrhundert als zentraler Pilgerort des sufistischen Islam und wird vielfach als „Mekka des Ostens“ bezeichnet. Während der britischen Kolonialherrschaft war die Stadt eine islamisch geprägte Enklave inmitten hinduistischer Fürstenstaaten. Für Ute Kemmerling ist Ajmer ein Fallbeispiel für kulturelle Verflechtungen, religiöse Dynamiken und koloniale Machtgefüge: „Im Zentrum steht die Frage, wie die herausragende Bedeutung des Sufi-Pilgerortes für seine Gläubigen in einem asymmetrischen kolonialen Machtgefüge politische Wirkung entfaltete. Gleichzeitig geht es darum, wie die muslimische Gemeinschaft trotz struktureller Unterordnung mit einem sukzessiven Widerstand koloniale Entscheidungen herausforderte.“
Acht Wochen Quellenarbeit in London
Foto: Ute Kemmerling
Das herauszufinden ermöglichte ihr das Stipendium des Deutschen Historischen Instituts, das sie nach London an die British Library führte. Ihr Fokus lag auf dem Zeitraum der direkten britischen Verwaltung von 1818 bis 1947.
Sie sichtete jährliche Verwaltungsberichte, halboffizielle Berichte, Berichte aus der Auslandsabteilung sowie Gesetzestexte mit spezifischem Bezug zu Ajmer. Darüber hinaus untersuchte sie infrastrukturelle Entwicklungen der Stadt über mehrere Jahrzehnte hinweg und arbeitete sich in Materialien zur Schreinanlage (in Urdu: Dargah) ein, das sie in Deutschland nicht gefunden hätte. „In London habe ich Quellen zur britischen Herrschaftsetablierung in Ajmer und zum Umgang mit dem wachsenden Pilgerort recherchiert“, so Kemmerling.
Neben der Archivarbeit profitierte sie vom Austausch mit anderen internationalen Stipendiat:innen. Sie hielt einen Vortrag am Historischen Institut und hat einen Blogbeitrag zu ihrem Aufenthalt verfasst. Der Aufenthalt zeigt, dass wissenschaftliches Arbeiten vom (internationalen) Dialog lebt.
Forschung vor Ort: Archive, Atmosphäre, Begegnungen
Mit einer weiteren Förderung – aus dem Forschungsförderungsprogramm der FernUniversität – reiste sie für knapp vier Wochen nach Indien: zunächst nach Ajmer selbst. „Ich wollte mir in erster Linie die Stadt und ihre Struktur sowie vor allem die Schreinanlage anschauen. Der Besuch des Dargah hinterließ einen nachhaltigen Eindruck: „An einem Freitag in Ajmer wurde die zentrale Bedeutung des Schreins unmittelbar erfahrbar – viele Familien nahmen gemeinsam an den religiösen Praktiken teil.“
An ihrer nächsten Station, im Rajasthan State Archive in Bikaner, recherchierte Ute Kemmerling zur Korrespondenz zwischen britischen Verwaltungsbeamten und den Verantwortlichen des Schreins. Die Bedingungen durchaus herausfordernd: durch die langen Abstimmungsprozesse und der Tatsache, dass in dem Archiv hauptsächlich Hindi und Urdu gesprochen wurde. „Die Dokumente waren vielfach in einem schlechten Zustand, letztendlich waren es aber Quellen, die essenziell für meine Recherchearbeit waren“, resümiert sie.
Foto: Ute Kemmerling
Intensiver tauchte sie in den National Archives in Delhi ins Thema ein. „In Indien habe ich speziell zur Korrespondenz rund um den Dargah umfangreiche Quellen einsehen können, die mir einen guten Blick darauf gewähren, wie intensiv sich die Briten zumindest mit der Verwaltungsseite des Dargah beschäftigt haben.“ Eine zentrale Erkenntnis: Die Kolonialverwaltung setzte sich früh und systematisch mit Besitz- und Verwaltungsfragen auseinander.
Neben der Archivarbeit tauschte sich Kemmerling gezielt mit international ausgewiesenen Vertreter:innen der islamischen und interreligiösen Studien sowie mit einflussreichen religiösen Autoritäten aus. „Die Begegnungen mit Personen, die sowohl wissenschaftlich als auch religiös prägend wirken, haben meinen Blick auf das Thema nachhaltig erweitert – in einer Intensität, die reine Quellenarbeit nicht ermöglichen kann.“
Warum sich der Schritt ins Ausland lohnt
Die Aufenthalte in London und Indien ergänzten sich in idealer Weise: Während in London vor allem die Perspektive der kolonialen Verwaltung sichtbar wurde, eröffneten die indischen Archive und Begegnungen den Blick auf lokale Strukturen, religiöse Praxis und Aushandlungsprozesse. Für Ute Kemmerling steht fest, dass internationale Forschungsaufenthalte weit mehr sind als reine Quellenrecherche: „Sie ermöglichen eingehende Analysen, eröffnen neue wissenschaftliche Netzwerke und stärken die Eigenständigkeit des Projekts.“
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