Wie wirkmächtig ist Vertrauen in die Wissenschaft?

Studien zur Corona-Zeit legen nahe: Wissenschaftsvertrauen ist zentral im Kampf gegen Pandemien. Doch FernUni-Forschung zeigt: Dieser Zusammenhang ist weniger klar als gedacht.


Impfung-pandemie Foto: Catherine Falls Commercial/Moment/Getty Images
Vertrauen in Wissenschaft und Akzeptanz von Corona-Maßnahmen – inwiefern hing beides zusammen?

Zeitsprung zurück ins Jahr 2020: In Deutschland breitet sich die Infektionskrankheit COVID-19 aus. Die Bundesregierung steuert mit verschiedenen Schutzmaßnahmen gegen. Maske tragen, Abstand halten, Hände desinfizieren – wer solche Regeln beachtete, der hatte oft auch ein höheres Vertrauen in die Wissenschaft, das zeigten psychologische Studien. Schnell übernahmen politische Leitfäden „Wissenschaftsvertrauen“ als zentrales Schlagwort. Als Einflüsse auf den persönlichen Umgang mit Corona-Schutzmaßnahmen kamen viele Faktoren infrage, zum Beispiel die eigene Betroffenheit, politische Identifikation oder das jeweilige soziale Umfeld. Zwischen vielen möglichen Variablen bildete in psychologischen Studien jedoch das Wissenschaftsvertrauen eine feste Konstante. Ist Wissenschaftsvertrauen also ein besonderer Hebel beim Pandemieschutz?

Zum Paper

Wingen, T., Posten, AC. & Dohle, S. No evidence for causal effects of trust in science on intentions for health-related behavior. Commun Psychol (2025). https://doi.org/10.1038/s44271-025-00375-7

„So einfach lässt sich das nicht sagen“, warnt Dr. Tobias Wingen, Psychologe an der FernUniversität in Hagen.Denn bei der Bewertung von wissenschaftlichen Beobachtungen ist wichtig: Bloß weil zwei Dinge in irgendeiner Weise zusammenfallen, handelt es sich nicht automatisch um Ursache und Wirkung. „Wir sprechen hier in der Wissenschaft von Korrelation und Kausalität – das ist eine ganz wichtige Unterscheidung“, erklärt Tobias Wingen. „Ein bekanntes Beispiel lautet: An Orten, wo es viele Störche gibt, da werden auch viele Kinder geboren. Dieser Zusammenhang bedeutet aber ja trotzdem nicht, dass der Klapperstorch die Babys bringt.“

Neue Studie hinterfragt Zusammenhang

Tobias Wingen hakte nach: „Liegt es wirklich am Vertrauen in die Wissenschaft, dass die Leute Maßnahmen beachtet haben? Oder hängt die Akzeptanz vielleicht doch mit anderen Faktoren zusammen: zum Beispiel dem Bildungsniveau, Alter oder Beruf?“ Gemeinsam mit seinen Mitautorinnen Ann-Christin Posten (University of Limerick) und Simone Dohle (Universität Bonn) startete er eine Studienreihe: Darin wurde das Wissenschaftsvertrauen von 5.000 Teilnehmer:innen gezielt verändert – in Experimenten, die erfolgreiche Forschungsaussagen, aber auch wissenschaftliche Fails präsentierten. Anschließend wurde die Bereitschaft zu verschiedenen Corona-Maßnahmen ermittelt. Die Ergebnisse wurden jetzt veröffentlicht.

Überraschende Erkenntnis

„Wir sind eigentlich selbst aus dem Lager gekommen, das von einem kausalen Zusammenhang ausgegangen ist – und wollten den Effekt einfach nochmal ordentlich belegen“, stellt Wingen voran. Dass der kausale Effekt nicht zwingend bestehen muss, war dem Team klar, doch zur Überraschung der Psycholog:innen gelang es in keinem einzigen der vielen Experimente, einen echten kausalen Zusammenhang nachzuweisen. Egal, in welche Richtung das Team das Vertrauen der Teilnehmenden veränderte: Es zeigte sich keine messbaren Unterschiede in der Bereitschaft, sich impfen zu lassen, Abstand zu halten oder andere Schutzverhaltensweisen zu zeigen. Wingen trainierte sogar ein Machine-Learning-Modell, durch das er noch einmal alle gesammelten Daten laufen ließ. Es blieb dabei: „Trotz der erfolgreichen Manipulation fanden wir keine kausalen Effekte auf das Schutzverhalten“, fasst Wingen zusammen. „Damit ist fraglich, ob Wissenschaftsvertrauen tatsächlich der zentrale Schutzfaktor ist, für den es im öffentlichen Diskurs gehalten wurde.“

Tobias Wingen Foto: Tobias Wingen
Wo es viele Störche gibt, gibt es auch viel Nachwuchs? Das heißt trotzdem nicht, dass der Klapperstorch Babys bringt, erklärt Tobias Wingen den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität.

Keine Superwaffe

Was bedeutet dieses Ergebnis nun? Ist Vertrauen in die Wissenschaft irrelevant? „Nein“, ordnet Wingen ein. „Aber zumindest kurzfristige Änderungen im Vertrauen zeigten keine Auswirkungen.“ Er nennt ein Beispiel dafür, was das für die Kommunikation im öffentlichen Diskurs bedeutet: „Die Politik kann jetzt nicht schnell bestimmte Pandemieforschende sympathisch in Szene setzen – und auf einmal lassen sich deswegen alle impfen. So einfach läuft es nicht.“ Seine Hypothese: Eventuell gibt es neben spontanem Vertrauen noch ein grundsätzlicheres Verständnis von wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit, das über viele Jahre hinweg ausgebildet wird und unsere Haltung zur Wissenschaft nachhaltig formt. „Vielleicht gilt hier eher das Prinzip: Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Für den Psychologen ist deshalb klar: „In diesem Gebiet sollte auf jeden Fall weitergeforscht werden.“

Auf Stärken besinnen

Zugleich zeigt er sich mit Blick auf sein Fach aber auch selbstkritisch: „In der Psychologie haben wir eigentlich einen besonderen Fokus auf die Erforschung von Ursache und Wirkung – das ist unsere Stärke, die uns auch von anderen Disziplinen abhebt.“ In der Coronazeit zählte jedoch vor allem Geschwindigkeit, Leben standen auf dem Spiel, alles musste schnell gehen. Für experimentelle Grundlagenforschung blieb wenig Zeit. „So haben wir unsere eigentliche Stärke ein wenig hinten runterfallen lassen in der Pandemie.“ Für künftige Krisen sieht er einen Erkenntnisgewinn: „Unsere Studie zeigt, dass man solche Ursache-Wirkung-Fragen häufiger und viel früher während einer Krise stellen sollte.“

Offen und mutig kommunizieren

Letztlich leitet er aus seiner Studie aber auch eine positive Botschaft für seine Kolleg:innen ab. Denn oft setzt es Forschende unter Druck, öffentlich in Medien zu kommunizieren – etwa aus Angst, mit eigenen Einschätzungen einmal danebenliegen zu können: „Wenn die kurzfristige Dynamik im Vertrauen offenbar so wenig Effekt hat, dürfen wir uns als Forschende vielleicht auch trauen, etwas mutiger zu kommunizieren“, ermuntert Tobias Wingen zu transparenter Wissenschaftskommunikation. „Eine einzelne falsche Annahme in einem Interview bedeutet eben nicht gleich, dass sich niemand mehr impfen lässt.“ Umso wichtiger sei es, über die Forschungsarbeit im fortlaufenden Dialog zu bleiben und das Ansehen von Wissenschaft langfristig zu festigen.

 
Benedikt Reuse | 08.01.2026