Deutsch-polnisches Forschungsprojekt untersucht Einstellungen zur Energiewende

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Menschen in Deutschland und Polen die Energiewende wahrnehmen, und welche Bedeutung Werte sowie Vertrauen oder Misstrauen in den Staat haben.


Energiewende Foto: Robert Kneschke - stock.adobe.com

Die Energiewende betrifft nicht nur technische Innovationen oder wirtschaftliche Weichenstellungen. Sie greift in gesellschaftliche Strukturen ein und fordert individuelle wie kollektive Anpassungsprozesse. Vor diesem Hintergrund startet am Lehrgebiet für Energiewirtschaft der FernUniversität in Hagen ein neues Forschungsprojekt in Kooperation mit der Universität Danzig. Gefördert wird das Vorhaben von der Deutsch‑Polnischen Wissenschaftsstiftung (DPWS).

Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz

Das Projekt „Energiewende und Gesellschaft: Einstellungen zur Energiewende im Zusammenhang mit Wertewandel und sozialem Vertrauen in Polen und Deutschland“ widmet sich zentralen Einflussfaktoren gesellschaftlicher Akzeptanz. Analysiert werden grundlegende Werteorientierungen, etwa die Offenheit für Veränderungen oder der Wunsch nach Bewahrung, ebenso wie das Vertrauen in staatliche Akteure und die Verbreitung von Verschwörungserzählungen. Darüber hinaus wird erforscht, wie diese Faktoren das Engagement für die Energiewende beeinflussen – etwa durch individuelles Verhalten oder die Unterstützung politischer Maßnahmen.

Projektleitung und Team

Geleitet wird das Projekt von Jun.-Prof. Dr. Michael Bucksteeg, Juniorprofessor für BWL, insbesondere Energiewirtschaft, an der FernUniversität in Hagen, und Dr. Anna Maria Nikodemska-Wołowik, Leiterin des Fachbereichs Sustainable Market Processes an der Universität Danzig.

Eng beteiligt ist außerdem Dr. Stefan Poier, der an der Universität Danzig promovierte und derzeit am Lehrgebiet für Energiewirtschaft in Hagen forscht. Zu seinen Schwerpunkten zählen Erneuerbare Energien, Konsumentenverhalten und Verhaltensökonomik. „Die Energiewende ist kein reines ‚Ökothema‘. Sie hat auch einen ökonomischen Impact“, erklärt Poier. „Zunächst sind die Investitionskosten hoch – das kann auch eine Chance für die Wirtschaft sein. Mittel‑ bis langfristig kann sich das für die Bürger auszahlen.“

Nationale Unterschiede im Fokus

Die Forschenden erwarten deutliche Unterschiede zwischen Deutschland und Polen. Konkrete Arbeitshypothesen werden derzeit noch entwickelt, doch bereits jetzt zeichnen sich zentrale Einflussfaktoren ab. „Sozioökonomische Rahmenbedingungen – etwa Einkommensstrukturen, Bildungshintergründe sowie Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Lebensrealitäten – dürften eine wichtige Rolle spielen“, so Michael Bucksteeg. Vor diesem Hintergrund können sich auch Prioritäten in der Wahrnehmung der Energiewende unterscheiden: Während in Deutschland häufig Aspekte des Umwelt- und Klimaschutzes im Vordergrund stehen, rücken in Polen stärker Fragen der wirtschaftlichen Entwicklung und individuellen Lebenssituation in den Fokus.

Auch historische Prägungen spielen eine Rolle. Poier beschreibt: „Polen gehörte früher zu den Ostblockstaaten, heute zählt es zum Westen. Da gibt es Hinweise auf ein anderes Verhältnis von Individuum und Staat – vor allem eher ein größeres Misstrauen gegenüber dem Staat.“

Im energiepolitischen Diskurs seien unterschiedliche Schwerpunktsetzungen sichtbar: In Polen etwa wachse die Photovoltaik‑ und Windkraftnutzung rasant, Kernkraft ist dort deutlich weniger umstritten als in Deutschland. „Polen schwenkt von Kohle auf erneuerbare Energien um und bezieht Atomkraft mit ein“, beschreibt Bucksteeg. „Es gibt eben nicht die eine Energiewende.“

Methodik: Quantitative Ländervergleiche

Für die empirische Untersuchung werden in beiden Ländern rund 1.000 Personen befragt. Die standardisierten Online‑Erhebungen erfassen Einstellungen, Werteorientierungen und Vertrauensstrukturen. Ergänzend nutzt das Projektteam umfangreiche Sekundärdaten, darunter etablierte Panelstudien wie den European Social Survey. Auf dieser Grundlage werden Werteprofile beider Gesellschaften entwickelt. Parallel entsteht ein projektspezifischer Fragebogen.

Austausch, Vernetzung und Förderung

In Danzig hat bereits ein erstes Onlineseminar für Studierende stattgefunden. „In Danzig sind viele internationale Studierende, die ihre individuellen Perspektiven eingebracht haben“, so Stefan Poier. Für Studierende der FernUniversität sind Austauschangebote geplant. Außerdem können sie sich im Rahmen von Abschlussarbeiten am Projekt beteiligen.

Mit dem Projekt leisten die Beteiligten einen Beitrag zur sozialwissenschaftlichen Energiewendeforschung und stärken die Zusammenarbeit zwischen der FernUniversität und der Universität Danzig. Zudem soll das Vorhaben den Grundstein für ein weiterführendes bilaterales Forschungsprogramm legen.

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