Projekt untersucht Aufmerksamkeitsmuster nach Verlust
Die DFG fördert ein Vorhaben, das Blickbewegungen von Trauernden mittels Eye-Tracking analysiert. FernUni-Psychologin Prof. Dr. Hannah Comteße erklärt, worum es geht.
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„Trauer ist völlig normal und gehört zum Menschen dazu“, sagt Prof. Dr. Hannah Comteße von der FernUniversität in Hagen. „Gleichzeitig braucht Trauer Zeit, was unter anderem daran liegt, dass Trauernde oft mit vielen Erinnerungsreizen an die verstorbene Person konfrontiert werden.“
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert jetzt ein großes Vorhaben zum Thema, das die Klinische Psychologin in Kooperation mit Prof. Dr. Christina Pfeuffer (Human-Technology Interaction) von der KU Eichstätt/Ingolstadt umsetzt. Die Förderung läuft über drei Jahre, das Volumen beträgt knapp 350.000 Euro. „Das Projekt bündelt unsere Expertisen, indem Aufgaben aus der kognitiven Psychologie zur Untersuchung der visuellen Aufmerksamkeit bei Trauernden eingesetzt werden“, fasst Comteße zusammen.
„Die Teilnehmenden führen mehrere Aufgaben durch, und wir erfassen ihre Blickbewegungen mittels Eye-Tracking“, erklärt die FernUni-Wissenschaftlerin. Dabei kommt zum Beispiel eine Erweiterung der sogenannten Antisakkadenaufgabe zum Einsatz. Hierbei müssen die Trauernden ihre Aufmerksamkeit gezielt steuern, während sie Fotos von verlustassoziierten Reizen (etwa ein Bild der verstorbenen Person) und anderen Reizen sehen. Jedes Foto wird in mehreren Durchgängen gezeigt – die Teilnehmenden müssen dabei entweder bewusst hin- oder wegschauen. „Gerade das Wegschauen erfordert kognitive Kontrolle, was bei verlustassoziierten Reizen womöglich besonders schwierig ist.“
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Gedanken kommen nicht los
„Die Annahme ist, dass sich trauernden Personen zu bestimmten Reizen hingezogen fühlen, hingegen andere Reize eher vermeiden.“ Fürs bessere Verständnis von Trauer ist das wichtig: „Im echten Leben sprechen wir ja oft davon, dass die verstorbene Person allgegenwärtig ist. Einfach, weil so vieles an sie erinnert. In Gedanken ist man ständig bei ihr“, ordnet Comteße ein. „Das kann langfristig natürlich zu Einschränkungen führen – zum Beispiel mit Blick auf soziale Kontakte, wenn alle Gespräche immer nur um die verstorbene Person kreisen.“
Die Ergebnisse der Studie können Ansatzpunkte für künftige Unterstützungsangebote liefern. „Wir wollen aus den neuen Erkenntnissen Ansätze ableiten, um Betroffenen in Zukunft besser zu helfen“, stellt Comteße in Aussicht.
Teilnehmende an Studie gesucht
„Für uns besteht die Aufgabe nun erst einmal darin, die Teilnehmenden zu finden“, benennt die Psychologin den nächsten Schritt. „Wir sind sehr dankbar für alle Betroffenen, die uns bei unserer Forschung helfen. Ich halte diese Personen für sehr mutig und stark.“ Hannah Comteße verspricht zudem, niemanden im Prozess allein zu lassen: „Natürlich helfen wir im Bedarfsfall bei der Suche nach passenden Unterstützungsangeboten.“
Haben Sie selbst Interesse, als betroffene Person am Experiment teilzunehmen? Das Forschungsteam freut sich über Ihre Kontaktaufnahme. Weitere Infos und Kontakt: M.Sc. Sarah Debus (aufmerksamkeitsstudie)
Die Durchführung der Studie erfolgt im Regionalzentrum der FernUniversität in Nürnberg. Alle interessierten Personen im Großraum Nürnberg sind herzlich zur Teilnahme eingeladen. Zudem sollten folgenden Punkte auf Sie zutreffen: Verlust einer geliebten Person innerhalb der letzten fünf Jahre; Alter zwischen 18 und 65 Jahren und ausreichende dt. Sprachkenntnisse; normale Sehkraft oder Sehschwäche durch Sehhilfe ausgeglichen; keine bekannten Farbsehschwächen.
Sie haben Interesse am Thema, aber leben nicht im Großraum Nürnberg?
Dann nehmen Sie gerne an einer weiteren Online-Studie des Teams teil. Auch hier werden mithilfe von Eye-Tracking die Blickbewegungen von Menschen nach dem Verlust einer geliebten Person untersucht. So möchten die Forschenden besser verstehen, wie schnell und wie lange bestimmte verlustbezogene Bilder betrachtet werden. Als Dank für Ihre Teilnahme erhalten Sie einen Wunschgutschein.
Haben Sie Fragen? Wenden Sie sich gerne an das Studienteam!
Ansprechpartnerin: M.Sc. Stefanie Seemann (trauerforschung)
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