Wie Gene und Bildung zusammenwirken
Wie stark profitiert ein Mensch von Bildung – und hängt das auch von der genetischen Veranlagung ab? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine aktuelle Studie an der FernUniversität.
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Sie untersucht, ob zusätzliche Bildung auf Menschen mit unterschiedlicher genetischer Ausgangslage verschieden wirkt, die sogenannte Gen-Umwelt-Interaktion. Die im renommierten volkswirtschaftlichen Fachjournal The Economic Journal veröffentlichte Arbeit zeigt: Bildung und genetische Veranlagung wirken zusammen, und die Effekte zusätzlicher Bildung lassen sich noch Jahrzehnte später in den kognitiven Fähigkeiten nachweisen.
Im Mittelpunkt der Analyse stehen kognitive Fähigkeiten im höheren Lebensalter, insbesondere das Gedächtnis. Diese wurden mithilfe eines Wort-Erinnerungstests gemessen: Teilnehmende sollten sich zehn Alltagswörter merken und unmittelbar sowie nach fünf Minuten erneut wiedergeben. „Damit wollten wir der Frage nachgehen: Was ist der kausale Effekt von Bildung bei 70- bis 80-Jährigen?“, erläutert Prof. Matthias Westphal. Westphal leitet den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik, und hat gemeinsam mit Johannes Hollenbach sowie Prof. Dr. Hendrik Schmitz vom RWI – Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung und der Universität Paderborn geforscht.
Schulreform als Quasi-Experiment
Den Einfluss zusätzlicher Bildung untersuchten die Forschenden anhand einer Schulreform in England aus dem Jahr 1947. Infolge der Reform mussten Jugendliche ein Jahr länger die Schule besuchen. Diese gesetzliche Änderung nutzten die Forschenden als natürliches Experiment, um den kausalen Effekt zusätzlicher Bildung zu identifizieren. Ein solcher Ansatz ist notwendig, weil sich Bildung in der Praxis nicht zufällig zuweisen lässt. „Bildung zu randomisieren wäre unethisch und sehr teuer“, sagt Westphal. Der Vorteil der Reform liegt darin, dass Personen die kurz vor und kurz nach dem Einführungsstichtag geboren wurden, in vielerlei Hinsicht vergleichbar sein sollten. Dies gilt nicht nur für beobachtbare Merkmale wie z.B. das Geschlecht oder familiäre Lebensumstände, sondern auch für nicht direkt beobachtete Faktoren, wie Bildungsaspiration oder Motivation.
„Die Entscheidung für Bildung kann durch die genetische Ausstattung beeinflusst werden. Trotzdem kann man auch mit ungünstiger genetischer Ausgangslage Professor werden.“Prof. Matthias Westphal
Bildung wirkt unterschiedlich stark
Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede: Der Nutzen zusätzlicher Bildung hängt von der genetischen Veranlagung ab. „Es gibt eine starke Interaktion: Der Bildungseffekt ist umso größer, je leichter es Menschen aufgrund ihrer genetischen Ausstattung fällt zu lernen“, sagt Westphal. Dazu wurden die Personen fünf gleichgroße Gruppen mit einer unterschiedlichen genetischen Bildungsveranlagung eingeteilt, gei Personen mit niedriger Veranlagung sind die Effekte schwächer, mit steigender genetischer Veranlagung nehmen sie zu. „Der kausale Effekt von Bildung wächst um etwa ein halbes Wort im Erinnerungsvermögen pro Stufe – in der höchsten Gruppe werden bis zu zwei Wörter mehr erinnert“, beschreibt Westphal.
Gleichzeitig betonen die Forschenden, dass genetische Unterschiede keine festen Grenzen setzen. „Die Entscheidung für Bildung kann durch die genetische Ausstattung beeinflusst werden. Trotzdem kann man auch mit ungünstiger genetischer Ausgangslage Professor werden“, so Westphal.
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Übliche Methoden unterschätzen den Effekt
Ein weiteres Ergebnis betrifft die statistische Auswertung. Häufig verwendete Methoden unterschätzen den Zusammenhang zwischen genetischer Veranlagung und Bildung, wenn Bildung nicht für alle gleich wirkt. Die Forschenden nutzten daher ein alternatives Verfahren, das diese Unterschiede berücksichtigt. „Methodisch ist es uns gelungen, den Interaktionseffekt kausal zu isolieren – ohne das klassische Äpfel-Birnen-Problem zwischen unterschiedlichen Vergleichsgruppen“, erläutert Westphal.
Langfristige Folgen für das Altern
Die Ergebnisse liefern auch neue Hinweise zum kognitiven Abbau im Alter. „Ist kognitiver Abbau ein Naturgesetz oder kann ein bestimmter Lebensverlauf dagegenwirken?“, formuliert Westphal. Die Studie deutet darauf hin, dass Bildungsentscheidungen langfristige Konsequenzen haben – und dass diese von individuellen Voraussetzungen abhängen. Grundlage der Analyse war ein umfangreicher Datensatz mit genetischen Informationen sowie Angaben zu Bildung, Lebenssituation und weiteren Faktoren.
The Economic Journal ist eine renommierte wissenschaftliche Fachzeitschrift für Volkswirtschaftslehre, herausgegeben von Oxford University Press im Auftrag der Royal Economic Society. Sie zählt zu den Top-20 bis Top-30 allgemeinen Volkswirtschafts-Journals weltweit und veröffentlicht begutachtete Beiträge aus allen Bereichen der Ökonomie.