Mit Eye Tracking zur besseren Visite

Was nehmen Patient:innen bei einer Visite überhaupt mit? Diese Frage hat sich ein Forschungsteam der FernUniversität und des Universitätsklinikums Bergmannsheil gestellt.


Ärzte stehen in einem Krankenhauszimmer um das Bett einer Patientin, die eine Eyetracking-Brill trägt. Foto: Volker Wiciok
Bei der Visite muss alles schnell gehen. Was nehmen Patient:innen in dieser Situation überhaupt mit?

Eine typische Situation in einem Krankenhaus: Es ist Visite. Um das Bett eines Patienten oder einer Patientin stehen Ärzt:innen, erklären die aktuelle Lage, stehen kurz für Fragen zur Verfügung und sind wieder raus aus dem Zimmer. Die Zeit ist knapp. Alles muss schnell gehen und effektiv sein. Wie viel nehmen Patient:innen in dieser Situation überhaupt mit? Diese Frage hat sich Dr. Christina Ingwald von der FernUniversität in Hagen zusammen mit einem Team der Chirurgischen Intensivmedizin am BG Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum gestellt. Mithilfe von Eye Tracking nimmt das Forschungsteam erstmals die Perspektive von Patient:innen während der Visite systematisch in den Blick.

Forschungsteam aus FernUniversität und Bergmannsheil

Ein Forschungsteam aus dem Bergmannsheil und der Fakultät für Psychologie der FernUniversität hatte in einer früheren Studie bereits einmal zusammengearbeitet. Dabei ging es darum, wie Eye-Tracking auf Intensivstationen eingesetzt werden kann, um nicht sprechfähigen Patient:innen eine zuverlässige Kommunikation zu ermöglichen. Das Team zeigte hier, dass Betroffene mithilfe von Blickbewegungen klare Aussagen über ihr Befinden treffen können. Die Forschenden entwickelten dafür angepasste Bewertungsverfahren und ebneten damit den Weg für eine klinische Anwendung der Technik. So wird das Eye-Tracking-System von damals mittlerweile beispielsweise vom Pflegepersonal aktiv eingesetzt. Außerdem nutzen es die Patient:innen, um eigenständig mit ihren Angehörigen zu kommunizieren.

Den neuen Ansatz des Forschungsteams erklärt Dr. Oliver Cruciger folgendermaßen: „In der Forschung wird bereits viel über Visitenstrukturen berichtet, die Perspektive der Patient:innen wird dabei aber bisher außen vor gelassen.“ Oliver Cruciger ist Oberarzt am Bergmannsheil und gemeinsam mit Christina Ingwald federführend für die neue Studie verantwortlich. Außerdem sind noch die Ärztinnen und Ärzte PD Dr. Uwe Hamsen, Dr. Christopher Ull, Dr. Aileen Spieckermann und Prof. Dr. Christian Waydhas an der Forschung beteiligt. „Unser Ziel ist es, eine für die Patient:innen optimierte Visite zu erreichen“, sagt Cruciger.

Newsletter-fernuniFoto: Jakob Studnar

Unser Newsletter @fernuni hält Sie auf dem Laufenden, was an der FernUni los ist – wir berichten über Forschungsprojekte, Ideen und die Menschen, die an unserer Universität forschen, lehren und arbeiten.
Jetzt abonnieren

Seit dem Beginn der gemeinsamen Eye-Tracking-Forschung hat sich jedoch nicht nur die Zielsetzung geändert. Auch die Technik, die mittlerweile zum Einsatz kommt, ist eine andere. Finanziert wurde sie aus dem Forschungskonto der Chirurgischen Klinik.

Schauten die Patient:innen bei der Forschung vor fünf Jahren noch auf einen Bildschirm, der ihren Blick mithilfe einer Kamera erfasste, haben die Proband:innen in dem neuen Projekt eine Eye-Tracking-Brille auf. Diese beleuchtet die Augen mit infrarotnahem Licht und erfasst die Reflexionen per Kamerasensoren. Gleichzeitig nimmt die Brille das Sichtfeld auf. Legt man die gemessenen Blickpunkte darüber, wird auf einem separaten Bildschirm sichtbar, wohin eine Person in ihrer realen Umgebung schaut.

Auswertung mit selbstprogrammierter Software

An diesem separaten Bildschirm sitzt Christina Ingwald. Nachdem sie die Patient:innen entsprechend vorbereitet und ihnen die Brille aufgesetzt hat, verlässt sie das Zimmer. Die Patient:innen haben eine gewisse Zeit, sich alleine an das Gerät zu gewöhnen. Erst dann folgt die Visite. „Idealerweise haben sie die Brille bis dahin komplett vergessen. So kann die Visite genauso ablaufen wie immer.“

eyetracking-ingwald-1000 Foto: Volker Wiciok
Dr. Christina Ingwald setzt der Patientin die Eye-Tracking-Brille auf.

Mithilfe einer Software wertet die Wissenschaftlerin aus dem Lehrgebiet Allgemeine Psychologie: Lernen, Motivation, Emotion anschließend aus, welches Objekt die Proband:innen wann und wie lange angeschaut haben. Die entsprechende Auswertungssoftware hat sie selbst programmiert. Sie erkennt nun beispielsweise wiederkehrende Objekte automatisch. „Das ist eine erhebliche Zeitersparnis für mich.“

Zum Forschungsprojekt gehören zudem Fragebögen, welche die Psychologin nach der Visite an alle Beteiligten verteilt. „In diesen sollen sie die Visite aus ihrer Sicht bewerten. Damit kann ich überprüfen, ob die Blickrichtung und das subjektive Empfinden übereinstimmen.“

Auswahl der Patient:innen

Mit diesem Verfahren untersucht das Forschungsteam derzeit etwa ein bis zwei Patient:innen pro Woche. Denn für die Studie kommen nicht alle Patient:innen auf der Intensivstation infrage. Grundvoraussetzung ist zum einen, dass sie volljährig sind und ihr Einverständnis gegeben haben, zum anderen müssen die Proband:innen aber auch gewisse medizinische Kriterien erfüllen. „Unser Fokus liegt auf Querschnittspatient:innen. Wir können jedoch nur diejenigen einbinden, die wach, ansprechbar, weder zu stark sediert noch zu unruhig oder im Delir sind“, erklärt Oliver Cruciger. Außerdem kann auf einer Intensivstation natürlich auch immer etwas dazwischenkommen. „Es ist auch schon vorgekommen, dass ein Patient plötzlich operiert werden musste, den wir am Morgen noch für unsere Studie eingeplant hatten“, ergänzt Christina Ingwald.

„In der Forschung wird bereits viel über Visitenstrukturen berichtet, die Perspektive der Patient:innen wird dabei aber bisher außen vor gelassen.“

Dr. Oliver Cruciger

Weitere Zusammenarbeit geplant

Ihre Ergebnisse möchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den kommenden Monaten veröffentlichen. Der Fokus soll dabei auf der medizinischen Perspektive liegen. Danach ist die Forschungskooperation zwischen der FernUniversität und dem Bergmannsheil jedoch noch lange nicht am Ende. Für die Zukunft sind noch viele weitere Fragestellungen denkbar – sowohl mit medizinischem als auch mit psychologischem Fokus.

„Aus psychologischer Perspektive ist es beispielsweise interessant, zu überprüfen, ob sich psychologische Fragestellungen grundsätzlich auch in diesem Setting anwenden lassen“, erklärt Christina Ingwald. Dies könnten zum Beispiel Fragestellungen der Self‑Determination Theory sein. Also Fragen, die sich mit den drei Grundbedürfnissen Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit beschäftigen. Diese gelten als zentral dafür, ob Menschen motiviert, gesund und psychisch stabil bleiben.


Das könnte Sie noch interessieren

Foto: BG Universitätsklinikum Bergmannsheil

Sich mit den Augen mitteilen

Vorherige Forschung zum Eyetracking: 2022 erforschte ein Team aus der FernUniversität und dem BG Universitätsklinikums Bergmannsheil wie sich die Technologie am besten einsetzen lässt.

Carina Grewe | 16.06.2026