Zyklussensitives Arbeiten: Zwischen persönlicher Erfahrung und wissenschaftlicher Analyse

Wie beeinflusst der Menstruationszyklus Konzentration, Leistungsfähigkeit und Arbeitsverhalten?


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Welche Rolle spielen digitale Tools beim Zyklus-Tracking – und welche ethischen Fragen entstehen daraus? Mit diesen Fragen beschäftigte sich ein Masterseminar von Dr. Alina Bockshecker (Lehrstuhl BWL, insbesondere Betriebliche Anwendungssysteme) und Prof. Dr. Julia Krönung (Lehrstuhl BWL, insbesondere Gestaltung soziotechnischer Informationssysteme) im Wintersemester 2025/26. Das Angebot stieß auf großes Interesse, alle Plätze waren sofort belegt. „Die Studentinnen kamen alle mit einer hohen intrinsischen Motivation“, berichtet Bockshecker – „...und es sind überdurchschnittlich viele Anfragen für Abschlussarbeiten entstanden“, ergänzt Krönung.

Selbstbeobachtung in der Wissenschaft

Das Seminar richtete sich demnach an Studentinnen, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Menstruationszyklus und Arbeitsleben auseinandersetzen wollten. Über drei Monate hinweg dokumentierten die Teilnehmerinnen ihren eigenen Zyklus mithilfe von Tagebüchern und digitalen Tools. Die Daten wurden anschließend ausgewertet, wissenschaftlich eingeordnet und im Seminar diskutiert. Ergänzt wurde die dreimonatige Zyklusdokumentation durch eine schriftliche Seminararbeit, Vorträge sowie die gemeinsame Diskussion der Ergebnisse in einer Präsenzveranstaltung am Campus Frankfurt.

Die Selbstbeobachtung ermöglichte es, hormonelle Schwankungen und deren Auswirkungen auf Wohlbefinden, Konzentration und Arbeitsleistung differenziert zu analysieren. Gleichzeitig bot das Seminar einen geschützten Rahmen für den Austausch über persönliche Erfahrungen. Das Thema habe „einen Nerv bei Studentinnen getroffen“, so Bockshecker. Es sei Raum für eine strukturierte Auseinandersetzung mit Fragen entstanden, die eng mit dem Arbeitsalltag verbunden sind – und für die aktuell noch wenig Sensibilität besteht. „Produktivitätsschwankungen, die durch den Zyklus beeinflusst werden, sind deutlich unterschätzt“, sagt Krönung. Die Ergebnisse zeigen: Individuelle Leistungsprofile sind dynamischer, als es viele Arbeitsmodelle bislang berücksichtigen. Für Unternehmen ergeben sich daraus Ansatzpunkte, Arbeitsplätze flexibler und bedarfsgerechter zu gestalten.

Digitale Tools und datenschutzbezogene Fragen

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf Zyklus-Tracking-Apps. Diese können dabei helfen, Muster zu erkennen und Selbstreflexion zu fördern. Gleichzeitig werfen sie Fragen auf: Wer hat Zugriff auf die sensiblen Daten? Wie werden sie genutzt? Und welchen Einfluss haben Algorithmen auf die Interpretation? „Mit der wachsenden Bedeutung von FemTech müssen wir auch über Datenschutz und ethische Implikationen sprechen“, betont Bockshecker.

Im Seminar wurde daher auch diskutiert, welche Rolle Künstliche Intelligenz (KI) bei der Auswertung solcher Daten spielen kann – und welche Risiken damit verbunden sind.

Persönliche Perspektiven – wissenschaftlich reflektiert

Gemäß dem didaktischen Aufbau des Seminars arbeiteten zwölf Studentinnen in sechs Themenfeldern – jeweils unabhängig voneinander. Dabei zeigte sich, wie unterschiedlich die Perspektiven selbst bei identischen Fragestellungen sein können. „Interessant war, dass die Teilnehmerinnen in denselben Themenfeldern die Themen aus verschiedenen Facetten beleuchtet haben. Jede hat ihre eigene Perspektive eingebracht“, sagt Bockshecker. Ein zentrales Lernziel bestand darin, persönliche Betroffenheit von wissenschaftlicher Neutralität zu trennen und individuelle Erfahrungen systematisch einzuordnen.

Die intensive Auseinandersetzung hatte auch praktische Effekte: Eine Teilnehmerin, die als Lehrerin an einer Mädchenschule arbeitet, berichtete etwa von einer gestiegenen Sensibilität für Schülerinnen im Schulalltag. Zugleich sind aus dem Seminar zahlreiche weiterführende Forschungsinteressen entstanden.

Impulse für Forschung, Arbeitswelt und gesellschaftliche Debatten

Die Erkenntnisse gehen über den Seminarraum hinaus: Sie liefern Anhaltspunkte dafür, wie Arbeitsplätze flexibler und individueller gestaltet werden könnten. Gleichzeitig zeigen sie Forschungslücken auf – etwa durch bislang männlich dominierte Datengrundlagen, die auch digitale Systeme prägen. Krönung und Bockshecker verweisen beispielsweise auf bestehende Forschungslücken im Gesundheitsbereich, die auch KI-Anwendungen beeinflussen können.

Mit dem wachsenden Einsatz von Zyklus-Tracking gehen zudem weiterführende Fragen einher, etwa im Hinblick auf den Umgang mit sensiblen Gesundheitsdaten oder gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen. „Es gibt eine Bewegung zu FemTech – eine Chance, das Thema zu enttabuisieren“, betont Bockshecker.

Fortsetzung geplant

Aufgrund des großen Zuspruchs und der positiven Evaluation planen die beiden Wissenschaftlerinnen eine Wiederholung des Seminars im Wintersemester 2026/27. Darüber hinaus soll das Thema zyklussensitives Arbeiten weiter in die Forschung integriert werden. Ziel ist es, individuelle Erfahrungen, digitale Technologien und organisatorische Rahmenbedingungen stärker zusammenzudenken – und so neue Perspektiven für eine moderne, inklusive Arbeitswelt zu entwickeln. „Wir sehen hier ein großes Potenzial – sowohl wissenschaftlich als auch gesellschaftlich“, so Krönung.

 

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Anja Wetter | 16.06.2026