„Vernetzt euch, bleibt dran, überfordert euch nicht“
Kerstin Herrnkind freut sich über ihren literaturwissenschaftlichen Master. Im Rückblick auf ihre Abschlussarbeit verrät die Journalistin, was sie durchs Studium getragen hat.
Foto: Kerstin Herrnkind
„Sie erwischen mich im Archiv, umgeben von Akten“, sagt Kerstin Herrnkind zu Beginn des Telefonats. Die Journalistin hat an der FernUniversität in Hagen gerade im Studiengang „Neuere deutsche Literatur im medienkulturellen Kontext“ ihren Master gemacht. Nun will sie promovieren. Vier Jahre brauchte sie neben dem Vollzeitjob in der Redaktion für das Studium. „Jedes Semester habe ich eine Hausarbeit geschrieben“, sagt sie und verrät ihren Trick: „Jeden Tag wird studiert, von Montag bis Sonntag – mindestens eine Viertelstunde. Gerne mehr, aber nicht weniger. Nach einer Viertelstunde ist die Pflicht erfüllt.“ Frust vermeiden durch diszipliniertes, aber fein dosiertes Lernen, also. „Man muss dranbleiben, aber man darf die zeitliche Hürde nicht zu hoch legen.“ Eine Viertelstunde reiche meist, um ins Thema zu kommen. Wer beim Arbeiten dann seinen persönlichen Flow finde, schaffe oft länger zu lernen. „Und zack, auf einmal ist es nach Mitternacht und man hat sich selbst überlistet.“
Stärker studieren im Team
Außerdem rät Herrnkind Präsenzveranstaltungen zu besuchen: „Nachdem ich mich 2022 eingeschrieben hatte, bin ich sofort zur Studienwoche gefahren. Man sieht, dass die Profs keine Avatare sind und lernt andere Fernstudis kennen.“ Im Studium müsse man sich vernetzen. „Ich bin eigentlich Einzelkämpferin, aber im Studium ist man gemeinsam stärker. Daher mein Rat: Schließt Euch zu Lerngruppen zusammen, vernetzt Euch digital. So kriegt man nicht nur wertvolle Tipps, es entstehen echte Freundschaften.“
Recherche zu Serienkiller
Als Journalistin mit den Schwerpunkten Kriminalität, Polizei und Justiz blieb Herrnkind auch in ihrer Masterarbeit ihrem Metier treu. Sie schrieb über Opferbilder und Tätermythen im Fall Fritz Honka. Der Frauenmörder brachte in den 1970er Jahren vier Frauen in Hamburg um. Er zerstückelte die Frauen nicht nur, sondern versteckte die verwesenden Leichenteile in seiner Wohnung. 2014 veröffentlichte Heinz Strunk einen Roman über den Fall („Der goldene Handschuh“). 2019 hatte der gleichnamige Film von Fatih Akin Premiere.
Biografische Erfindung
Foto: Adobe Firefly, Prompt: FernUniversität
Als sie für ihre Masterarbeit die Akten des Falles im Staatsarchiv Hamburg las, stieß Herrnkind auf eine Erzählung Honkas, die sie neugierig machte. „Honka hat immer wieder behauptet, er sei im ,Jugend-KZ’ gewesen. Im Gespräch mit der berühmten Gerichtsreporterin Peggy Parnass, selbst Überlebende des Holocausts, sprach Honka gar davon, im „Kinder-KZ“ gewesen zu sein. So wurde dieses Narrativ nicht nur verbreitet, sondern sogar gesteigert.“ Herrnkind forschte in Archiven und fand heraus: Honkas Behauptung stimmt nicht. Besonders problematisch: „Während Honkas angeblicher Aufenthalt im KZ im medialen Diskurs als Begründung für sein Leid und seine Taten herhalten muss, geriet in Vergessenheit, dass zwei seiner Opfer tatsächlich im KZ inhaftiert waren.“
Forschung geht weiter
Besonders erstaunt war Herrnkind darüber, wie abwertend selbst die berühmte Gerichtsreporterin Peggy Parnass über Honkas Opfer schrieb: „Es muss für Honka, der sich so sehr nach einem bürgerlichen, sauberen Zuhause sehnte, besonders übel gewesen sein, dass in seiner kleinen Wohnung nicht mehr zu unterscheiden war, was schlimmer stank: die gelegentlich anwesenden lebenden Frauen oder die ständig in den Abseiten lagernden Toten“, zitiert sie aus dem Buch von Parnass. „So wird Honka, der die Frauen getötet und ihre Leichen in seiner Wohnung versteckt hat, als Leidender dargestellt. Nicht die Frauen, die er getötet hat, sondern er, der Täter, wird als Opfer präsentiert.“ Für Herrnkind zeigt sich darin eine grundlegende Verschiebung: Der Täter rückt ins Zentrum, die Opfer verschwinden.
Doch nach dem Master ist vor der nächsten Recherche: Ihre Promotion will Herrnkind über Narrative ungeklärter Kriminalfälle schreiben. Die Akten dazu liest sie gerade.
Das könnte Sie noch interessieren
Foto: John Smith/Corbis/Getty Images