Gewalt- und Sexualstraftaten: Wie gut lässt sich das Rückfallrisiko beurteilen?

Zwei Meta-Analysen unter FernUni-Beteiligung zeigen: Gängige Verfahren in der Kriminalprognose liefern durchaus belastbare Einschätzungen, stoßen aber auch an Grenzen.


Portraits Foto: Hardy Welsch
Prof. Andreas Mokros und Dr. Miriam Hofmann

Gewalt- und Sexualstraftaten sind ein gravierendes gesellschaftliches Problem: Sie können unmittelbares körperliches und psychisches Leiden für Betroffene verursachen, bringen aber auch langfristige Schäden und indirekte Kosten mit sich. „Dementsprechend ist die Prävention von zwischenmenschlicher Gewalt eines der erklärten strategischen Ziele der Weltgesundheitsorganisation“, unterstreicht Prof. Dr. Andreas Mokros. Der Psychologe leitet an der FernUniversität in Hagen das Lehrgebiet Persönlichkeits-, Rechtspsychologie & Diagnostik.

Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2025 wird etwa jede siebte Frau in Deutschland im Laufe ihres Lebens Opfer sexueller Gewalt. Doch wer begeht solche Taten? Und wer wird rückfällig? „Eine bundesweite Auswertung von Rückfalldaten zeigt, dass von jenen, die Körperverletzungsdelikte begangen haben, ein Viertel binnen 12 Jahren einschlägig rückfällig wird“, erklärt Andreas Mokros. „Sie begehen also erneut eine Körperverletzung.“

Bei Sexualstraftaten seien die einschlägigen Rückfallraten zwar niedriger, doch auch dort gehe ein Teil der Straftaten auf Wiederholungstäter zurück. „Deshalb ist es entscheidend, Merkmale für ein erhöhtes Rückfallrisiko zu identifizieren. Fachleute in Justiz und Forensischer Psychiatrie verwenden dafür Prognoseverfahren“, so der FernUni-Professor. „Um aber die Tauglichkeit solcher Skalen zu prüfen, braucht es Verlaufsstudien.“

Neue Klarheit bezüglich Effektstärken

Zwei aktuelle Meta-Analysen haben nun solche Verlaufsstudien zum Rückfallrisiko ausgewertet. Eine davon ist die weltweit größte Meta-Analyse zum Thema; eingeschlossen waren die Daten von mehr als 150.000 Sexualstraftätern. Die andere Meta-Analyse bezieht sich auf Gewaltrückfälle; diese Arbeit stellt die Erweiterung und Aktualisierung einer früheren Studie aus dem Jahr 2010 dar.

Als Seniorautor war Andreas Mokros an den Studien maßgeblich beteiligt. Mitgewirkt hat außerdem seine Wissenschaftliche Mitarbeiterin Dr. Miriam Hofmann. Die Arbeiten sind gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich entstanden, mit denen Professor Mokros auch im Crime Lab der Universität Zürich zusammenarbeitet.

Den Studien zufolge weisen Risikoprognosen anhand der untersuchten Verfahren substanzielle Effekte auf, mit Effektstärken von d = 0.73 (für Sexual-) bzw. d = 0.76 (für Gewaltstraftaten). „Höhere d-Werte als 0.50 gelten als mittelgradige, höhere als 0.80 als starke Effekte“, ordnet Mokros die Ergebnisse ein. „Zum Einsatz kam unter anderem die innovative Methodik der Netzwerk-Meta-Analyse, bei der auch indirekte Vergleiche zwischen Prognoseverfahren berücksichtigt wurden“, erklärt Mokros.

Wissenschaftliches Fazit

Professor Mokros resümiert: „Die Ergebnisse können Expertinnen und Experten dazu dienen, die am besten geeigneten Verfahren für eine konkrete Fragestellung auszuwählen.“ So könnten beispielsweise besonders behandlungsbedürftige Straftäter identifiziert werden. „Uns Forscherinnen und Forschern zeigen die Ergebnisse aber auch, dass es einen Deckeneffekt für den Nutzen biografischer Verfahren in der Kriminalprognose gibt: Viel besser wird's vermutlich nicht werden.“

Deshalb sei es jetzt wichtig, alternative Zugänge in den Blick zu nehmen. Als naheliegende Option nennt der Psychologe KI-Anwendungen für die Auswertung von Fallinformationen. Sie könnten die Genauigkeit der Auswertung optimieren. „Ein vielversprechender Ansatz ist aber auch, problematische Verhaltensweisen und Zustände nach Haftentlassung im Verlauf zu erheben – um idealerweise direkt intervenieren zu können."

 

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