Sommerschule zu Spinoza: Ein Underdog der Philosophie
Das fünfte Collegium Spinozanum zog Gäste aus allen Teilen der Welt nach Hagen. FernUni-Professor Martin Lenz erklärt, was die Faszination des frühneuzeitlichen Denkers ausmacht.
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Die geringe Bekanntheit von Spinozas Werk in der Öffentlichkeit steht im Widerspruch zum enormen Einfluss, den der niederländische Philosoph (1632-1677) innerhalb der wissenschaftlichen Ideengeschichte ausgeübt hat. Bis heute beziehen sich verschiedenste Fächer auf seine Schriften; von der Philosophie über die Psychologie bis hin zur Mathematik. „Spinoza ist ein Underdog“, erklärt Prof. Dr. Martin Lenz von der FernUniversität in Hagen. „Aber als ich angefangen habe ihn zu lesen – relativ spät, ich war schon Postdoc – habe ich überhaupt erst begonnen, bestimmte Dinge zu verstehen. Sein Einfluss ist einfach sehr stark. Ob nun bei Schopenhauer, Nietzsche oder Freud – sehr viel von Spinozas Werk läuft hier als Unterstrom durch.“
Diversität, die verbindet
„Diese Vielfalt an Einflüssen ist es auch, die unser Collegium Spinozanum so divers macht“, sagt Prof. Lenz über das Format dieser Sommerschule. Das fünfte Mal fand jetzt an der FernUniversität in Hagen statt. Wie schon in früheren Jahren organisierte Martin Lenz das viertägige Treffen gemeinsam mit seinem Kollegen Andrea Sangiacomo (University of Groningen / Erasmus University Rotterdam). „Wir freuen uns zu sehen, dass die Spinoza-Community immer weiter anwächst“, zeigt sich Lenz zufrieden über die rege Teilnahme. „Es kamen über sechzig Leute aus Argentinien, aus China, aus Großbritannien, aus Israel, aus Kanada, aus Mexiko, den USA und aus allen möglichen europäischen Ländern.“
Gesamtheitliche Idee von Gott und Natur
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So angesehen war Spinoza nicht immer. Bei seinen Zeitgenossen eckte er eher an – zum Beispiel, weil er nicht an einen transzendenten Gott glaubte, der als Schöpfer aus der Ferne über seine Anhänger auf Erden wacht. „Wir sind alle Gott, alle Teil der Natur. Alles hängt mit allem zusammen“, erklärt Lenz Spinozas Idee. „Wir sind als Menschen keine Krone der Schöpfung, sondern nur Zustände im Naturganzen.“ Diese Vorstellung wirkt bis in die Gegenwart, etwa mit Blick auf eine ökologische Ethik: „Kümmern wir uns um etwas, dann kümmern wir uns automatisch um uns selbst – als Teil des Ganzen.“ Diese holistische Sichtweise Spinozas sollte erst später ihre Fürsprecher:innen finden.
Verbannung aus seiner Gemeinde
Mit seinen progressiven Gedanken machte sich der Sohn portugiesischer Immigranten zunächst unbeliebt, allen voran in seiner jüdischen Gemeinde. Weil er die zentralen Glaubenslehren seiner Amsterdamer Community offen infrage stellte, wurde er 1656 aus ihrer Mitte verbannt. Später verdingte er sich als Linsenschleifer, sorgte auf handwerkliche Weise für Klarheit, während er parallel an seinen scharfsichtigen Schriften arbeitete. „Ein Grundgedanke in seinem Werk ist auch, dass wir Angetriebene sind“, ordnet Lenz Spinozas philosophische Arbeit ein. „Wir glauben, es sind unsere Ziele, die uns ziehen. Aber in Wahrheit werden wir von hinten geschoben. Darin steckt sehr viel, was später aufgegriffen wurde: Bei Nietzsche ist es zum Beispiel der Wille zur Macht oder das Unbewusste bei Freud.“ Anders als seinen Ideen war Spinoza selbst kein langes Leben vergönnt: Er starb schwindsüchtig und mit erst 44 Jahren in Den Haag.
Kleines Team stemmt große Aufgabe
Martin Lenz dankt seinem Team für die großartige Arbeit. Alle Gäste äußerten sich hochzufrieden, ein großer Erfolg für das eher kleine Lehrgebiet. „Das Team hatte alles im Griff!“, freut sich der Professor. Nicht nur das prall gefüllte Tagungsprogramm überzeugte, sondern auch das Setting auf dem Hagener Campus – mit Chillout-Area, Rückzugsräumen und unterschiedlichen Gelegenheiten zum Netzwerken. „Ich habe unheimlich viel gelernt“, betont Martin Lenz. „Vom Workshop sind tolle Impulse ausgegangen.“ Neben Inhalten gab es auch Beratungsangebote zur wissenschaftlichen Karriere oder Roundtables zur Infrastruktur und zu Finanzierungsmöglichkeiten. „Wir werden sehen, wo wir in zwei Jahren stehen“, blickt Martin Lenz schon vorfreudig aufs nächste Treffen.
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