„Wir reflektieren selten darüber, warum wir etwas sagen“
Wie Menschen auf die Welt blicken, hat mit ihren Standpunkten zu tun. Diese „Situiertheit“ betrifft auch philosophisches Denken. Darum ging es jetzt bei einem Workshop in Hagen.
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Philosophie ist eine Disziplin mit Geschichte und Selbstbewusstsein. Mit ihren Ideen holt sie aus, und sucht nach Antworten auf große Fragen des Lebens. „Aus dem Altgriechischen übersetzt, bedeutet Philosophie ‚die Liebe zur Weisheit‘“, erklärt Prof. Dr. Thomas Bedorf. „Ihr Anspruch war immer, dass sie objektive Erkenntnisse, Grundsätze des Denkens oder die Bedeutung eines Begriffs herausarbeitet. Philosophische Wahrheiten gelten demnach überzeitlich und universell“, so der Leiter des Lehrgebiets Philosophie III an der FernUniversität in Hagen. Aber lässt sich dieser universelle Anspruch heutzutage noch halten? Darum ging es jetzt beim Workshop „Phänomenologie der Situation & Situierte Lektüren“ auf dem Hagener Campus; organisiert von Prof. Bedorf und Dr. Abbed Kanoor (Geschäftsführer des Center for Advanced Studies „Philosophieren in einer globalisierten Welt“, Universität Hildesheim).
Drei Fragen an Dr. Abbed Kanoor
Startpunkt für den zweitägigen Austausch bildete eine Prämisse, die Bedorf auch in seinem 2025 erschienenen Buch „Bodenlos situiert. Eine politische Phänomenologie“ bespricht: Jedes Denken ist in irgendeiner Weise davon abhängig, wie man jeweils situiert ist. Diese kritische Feststellung ist nicht neu: „In vielen philosophischen Richtungen gab es die Einsicht, dass Philosoph:innen denkende Wesen sind, die ganz viel mitbringen – aus ihrer eigenen Geschichte, Sozialisation, Herkunft und so weiter. Diese Einflüsse können sie aus ihrem Denken nicht einfach herausstreichen.“ Nur: Wie schlägt sich diese Erkenntnis praktisch nieder? Wie sollte man als Philosoph:in heute schreiben, lesen oder diskutieren? Das gemeinsam zu erkunden, war ein Ziel des explorativen Workshops.
Objektivität – was soll das sein?
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Schwimmen der Philosophie die Felle davon ohne die eine objektive Wahrheit? Nein, findet Prof. Bedorf. „Aber es muss sich ändern, was wir als Objektivität auffassen. Wenn wir Objektivität nur als Wissen verstehen, das nichts mit der Situation der Denkenden zu tun hat, dann ist diese wirklich nicht mehr zu haben.“ Was bleibt also zu tun? Sich in andere hineinzuversetzen, funktioniert im Sinne einer „Projektion“ nur bedingt, findet Bedorf. Er schlägt vor, den eigenen Standpunkt kritisch zu reflektieren – bei jeder Lektüre und jeder Äußerung: „Wenn ich schon nicht wissen kann, wie die Welt für andere aussieht – dann sollte ich wenigstens darüber nachdenken, wie sie für mich aussieht.“
Epistemologischer Spiegel
Wie wichtig diese Art der Selbstspiegelung ist, offenbarten zum Beispiel feministische Philosophinnen wie Donna Haraway: 1988 schlug sie den Begriff „Situiertes Wissen“ vor – und plädierte dafür, sich das „Gemacht-sein“ von Wissen zu vergegenwärtigen: Über Jahrhunderte hinweg konnte Wissen nur deswegen als gesicherte universelle Objektivität behauptet werden, weil davon abgesehen wurde, wer es auf welche Weise produziert hatte. Das macht die Ergebnisse männlicher Philosophen nicht pauschal unwissenschaftlich oder wertlos; gleichwohl sollten sie ihre eigene Situiertheit stets im Blick halten. „Bei der Produktion objektiven Wissens muss man immer die Bedingungen bedenken“, pointiert Bedorf – und nennt beispielhaft die eigenen Bedingungen als weißer, männlicher, verbeamteter Professor. Entscheidend sei, das auf dem Radar zu halten: „Wir gewinnen schließlich viel gesicherteres Wissen in der Reflexion über uns selbst als in der Mutmaßung dessen, was die anderen wohl denken.“
Gemeinsam schärfer sehen
Sind sich Autor:innen über ihre eigenen Situiertheiten im Klaren, kann etwas Größeres entstehen. Wer hingegen den eigenen Standpunkt auszuklammern sucht, belügt sich wohlmöglich selbst. Dem Ideal einer universellen, objektiven Wahrheit nähern sich vielstimmige, reflektierte Diskurse jedenfalls stärker an. Wohlweislich förderte der Workshop deshalb Austausch und Teamwork. Als Arbeitsmaterial suchten sich die Teilnehmenden zudem mit Absicht umkämpfte Texte aus – etwa mit postkolonialem Bezug. „Uns interessieren natürlich Situiertheiten, die politisch relevant sind“, erklärt Bedorf die Idee.
Die Gedanken sind (un)frei
Über die Rahmenbedingungen der eigenen Weltsicht nachzudenken, erscheint nicht nur innerhalb der Philosophie wichtig, sondern gesamtgesellschaftlich. Vielleicht hilft der Blick in den Spiegel gar dabei, zunehmender Polarisierung konstruktiv zu begegnen. „Das Denken ist nichts, was von den Machtverhältnissen unbeeinflusst ist“, betont der FernUni-Professor. Spannungen, Einsprüche und Gegenreden kommen dem Dialog letztendlich zugute, sofern man deren Gründe an sich selbst erkennt. „Für uns, als diejenigen, die denken wollen, gilt ja ohnehin: Wir brauchen Widerstände!“, argumentiert Bedorf.
Drei Fragen an Dr. Abbed Kanoor
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Was ist Ihr wissenschaftlicher Zugang zum Thema des Workshops?
Als Phänomenologe wird man immer wieder daran erinnert, dass unser Wissen seine Grundlage in unseren Erfahrungen und Wahrnehmungen hat, die stets durch perspektivische Bestimmungen geprägt sind. In der Phänomenologie klammern wir unsere Voraussetzungen ein, um erneut von unseren konkreten Erfahrungen auszugehen. Unsere Ausgangspunkte sind jedoch immer situiert. Mein phänomenologischer Hintergrund hat mich für die Frage nach Situiertheit und Positionalität in epistemologischer Hinsicht sensibilisiert. Hinzu kommt mein Interesse sowie meine über zehnjährige intensive Beschäftigung mit der interkulturellen Philosophie. Die Orte des Denkens, mit ihren sprachlichen, historischen und kulturellen Bestimmungen, besitzen eine grundlegende philosophische Relevanz. Seit zwei Jahren arbeiten wir an der Universität Hildesheim intensiv daran, die Frage „Was ist Philosophie?“ aus unterschiedlichen kulturellen und sprachlichen Situationen heraus zu stellen und zu untersuchen, wie das Philosophieren selbst in einer globalisierten Welt die Bedeutung von Situiertheit sichtbar macht. Der Workshop bot einen gemeinsamen Anlass, die Frage nach der Situation sowohl aus einer sozial-politischen als auch aus einer interkulturellen Perspektive zu betrachten.Worin würden Sie den gemeinsamen Gewinn während des Workshops sehen?
Der Workshop war eine außerordentliche Erfahrung, reich an Austausch und gemeinsamem Denken. Er gliederte sich in zwei Teile: Im ersten Teil standen Einzelbeiträge zur Phänomenologie der Situation im Mittelpunkt. Die Beiträge haben die Frage nach der Situation als Phänomen aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet – darunter philosophische, politische, medienwissenschaftliche, rhetorische sowie kulturell-interkulturelle Zugänge. Im zweiten Teil haben wir erstmals ein neues Format erprobt: situierte Lektüren. Sie wissen, wie schwierig es ist, einen Text nicht ausschließlich anhand der Sekundärliteratur oder im Rahmen einer vorausgesetzten systematischen Einheit im Denken einer Autorin oder eines Autors zu lesen, sondern vielmehr ausgehend von deren Situiertheit und der eigenen Position heraus einen Zugang zum Text zu entwickeln. Dieses Unternehmen erfordert Mut, und unsere jungen Kolleginnen und Kollegen haben es auf beeindruckende Weise geschafft, zwei bekannte klassische Texte aus ihrer jeweiligen Situiertheit heraus und mit ihrer eigenen Stimme zu lesen und zu kommentieren. Der Abendvortrag über Lesekompetenz hat sehr gut zu beiden Teilen des Workshops gepasst und die gemeinsamen Fragestellungen auf eine weitere Ebene erweitert.Was können Bürger:innen für den öffentlichen Diskurs von der Philosophie lernen?
Situiertes Wissen besitzt eine zentrale epistemologische Relevanz. Es zeigt uns, wie viele Mikroschichten der Wahrnehmung und Erfahrung daran beteiligt sind, damit wir überhaupt zum Wissen gelangen können. Zugleich erinnert es uns daran, dass wir als Subjekte, als Menschen mit bestimmten Interessen, Voraussetzungen, Überzeugungen und Erfahrungen, immer am Prozess des Wissens beteiligt sind. Diese Anerkennung kann als besonders wertvoll verstanden werden, weil Wissen als gemeinsames Anliegen die Singularität der Wissenden nicht ausschließt, sondern sichtbar macht. Zugleich ermöglicht sie eine kritische Reflexion des Wissens selbst: Wir sind nicht voraussetzungslos als reine Vernunft auf der Suche nach Erkenntnis, sondern unsere Interessen, Vorannahmen und Vorurteile können unsere Sichtweisen beeinflussen. Situiertes Wissen besitzt darüber hinaus eine politische Dimension. Es macht darauf aufmerksam, dass nicht alle Perspektiven gleichermaßen am ‚gemeinsamen‘ Prozess der Wissensproduktion beteiligt sind und dass bestimmte Erfahrungen, Stimmen und Erkenntnisformen historisch marginalisiert oder ausgeschlossen wurden.Das könnte Sie noch interessieren
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