KI-Symposium in Hagen zu Avataren, Agenten und Androiden: Neue Akteure in der Hochschulbildung?
Expert:innen aus der Wissenschaft diskutierten, wie Hochschulen angesichts der nächsten Entwicklungsstufe von Künstlicher Intelligenz handeln, lernen und gestalten können.
Foto: KI-generiert, erstellt mit Gemini durch Birgit Baudach
Die Veranstaltung des KI-Campus-Hub NRW der FernUniversität in Hagen, die gemeinsam mit dem KI:Expertisezentrum.nrw und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft organisiert wurde, bot neben Fachvorträgen Raum für Austausch über Chancen und Grenzen. Zudem ging es um die Frage, wie Hochschulen der Entwicklung von dialogorientierter KI hin zu multiagentischen und androidischen Systemen begegnen können.
„Wir setzen uns bewusst mit der Nähe zwischen Mensch und Maschine auseinander, aber es geht auch um bewusste Grenzziehungen beim Einsatz von Technologien im Studium“, führte Prof. Dr. Claudia de Witt, Prorektorin für Lehre, Studium und KI in Bildungsprozessen an der FernUniversität in Hagen und KI-Campus-Hub NRW, ein. Mitorganisator Dr. Peter Salden, Leiter des KI:Expertisezentrum.nrw, erinnerte daran, die Idee der Universität als „sozialen Ort“ trotz der zunehmenden Durchdringung mit KI nicht aus den Augen zu verlieren.
Zwischen Holzschiff und Schnellboot
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Den Auftakt machte Prof. Dr. Doris Weßels mit ihrer Keynote „Mit AI-Agents in die Zukunft der Hochschulbildung“. Die wissenschaftliche Leiterin im KI-Anwendungszentrum Schleswig-Holstein für das Zukunftslabor Generative KI machte deutlich, dass die Leistungsfähigkeit von KI-Agenten weit über sprachbasierte Chatbots hinausgeht: Sie planen, entscheiden und handeln zunehmend eigenständig mit sichtbaren realen Auswirkungen – wie etwa Fahrassistenzsysteme im Auto. „Der Mensch muss die Zügel in der Hand behalten“, betonte sie. Das bedeute vor allem eines: „Wir brauchen die Kompetenz, um KI-Systeme werteorientiert und reflektiert zu steuern, ohne dabei die Entscheidungshoheit an die Technologie abzugeben. Diese Kompetenz nennen wir AI Leadership.“
Besonders Weßels Schiffsmetapher erwies sich als prägender Bezugsrahmen für die Diskussionen des Tages. Sie stellte ein traditionelles „Holzschiff“ und ein innovatives „Schnellboot“ gegenüber und veranschaulichte so unterschiedliche institutionelle Handlungslogiken im Umgang mit neuen technologischen Entwicklungen. Im weiteren Verlauf der Diskussionen wurde die Metapher aufgegriffen und ausdifferenziert, um die Wechselwirkungen zwischen tradierten Steuerungsdynamiken, Innovationsoffenheit und gesellschaftlicher Verantwortung von Hochschulen zu analysieren.
KI als Werkzeug oder persönlicher „Interaktionspartner“
Drei parallele Workshops beschäftigten sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit KI-Agenten, Avataren und Androiden. Im Fokus standen praxisnahe Anwendungsszenarien, Forschungsbedarfe sowie spekulative Zukunftsbilder für die Hochschulbildung.
In ihrem Vortrag „Hybride Intelligenz: Perspektiven für die Hochschulbildung“ beleuchteten Prof. Dr. Claudia de Witt, Caroline Berger-Konen und Silke Wrede die Frage, wie menschliche und künstliche Intelligenz sinnvoll zusammenwirken. Das Potenzial in der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine liegt in der komplementären Zusammenarbeit. Synergetische Effekte können das Lernen auf beiden Seiten bestärken, wobei die Hochschulbildung stets auch KI-freie und soziale Lernräume ermöglichen muss, um kritisches Denken, zwischenmenschliche Interaktion und eigenständige Urteilsbildung zu fördern.
Einen philosophischen Blick auf die Entwicklung der Anthropotechnik eröffnete Prof. Dr. Kevin Liggieri (Technische Universität Darmstadt) mit seinem Vortrag „Die Geburt neuer Agenten des Lernens“. Er zeigte, wie funktionalistische Vorstellungen von Lernen in der Technikgeschichte vorherrschten und somit auch die Entwicklung von Agenten, Avataren und Androiden prägen.
„Gesundes Misstrauen“ als Leitplanke
Während KI-Agenten und Avatare bereits konkrete Einsatzszenarien für Studium und Lehre eröffnen, wurden Androiden überwiegend als Zukunftsthema diskutiert. Deutlich wurde dabei, dass aus Sicht der Lehrenden individuelle Vorstellungen darüber bestehen, welche Funktionen solche Systeme künftig übernehmen sollen – und wo ihre Grenzen liegen müssen.
Ein Gedanke zog sich durch viele Gespräche: So überzeugend KI-Systeme auftreten mögen, das Gegenüber bleibt eine Maschine. Nur mit dieser kritischen Distanz lasse sich ein reflektierter Umgang entwickeln – oder, wie es auf dem Podium von Jun. Prof. Benjamin Paaßen hieß, mit einem „gesunden Misstrauen“.
Die Vorträge und Diskussionen machten zugleich deutlich, dass der Einsatz intelligenter Systeme klare Leitplanken benötigt. Datenschutz, Persönlichkeitsrechte, Transparenz, Prüfungsformate und neue Verantwortlichkeiten gehören ebenso zur Gestaltung der Hochschulbildung wie die technologische Entwicklung selbst.
Bezug zur FernUniversität
Für die FernUniversität ist diese Auseinandersetzung Teil ihres Selbstverständnisses als Deutschlands einzige staatliche Fernuniversität. Mit ihrer KI-Strategie verfolgt sie das Ziel, Innovation und Verantwortung miteinander zu verbinden und KI so einzusetzen, dass sie Menschen unterstützt und Bildung verbessert. „Das Symposium machte deutlich, dass die FernUniversität diesen Gestaltungsanspruch gemeinsam mit ihren externen Partnern aktiv verfolgt“, so Claudia de Witt.
Für die FernUni-Wissenschaftlerin ist klar: „Hochschulen müssen mutiger darin werden, die Hochschulbildung der Zukunft aktiv zu gestalten.“ Das nächste KI-Symposium ist deshalb bereits in Planung.
Zum Symposium
Das Symposium wurde veranstaltet von Prof. Dr. Claudia de Witt; Leiterin des Lehrgebiets Bildungstheorie und Medienpädagogik, Prorektorin für Lehre, Studium und KI in Bildungsprozessen und dem KI-Campus-Hub NRW, Caroline Berger-Konen; Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Lehrgebiet Bildungstheorie und Medienpädagogik und am KI-Campus-Hub NRW, Dr. Peter Salden; Leiter des KI:Expertisezentrums.nrw an der Ruhr-Universität Bochum, Robert Queckenberg; Gesamtkoordinator des KI:Expertisezentrum.nrw sowie dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V.
Folien und Aufzeichnungen aus dem Symposium werden auf der Tagungswebseite veröffenlicht.
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